Die Wahrheit: Hurra! Die Impfstoffe sind da!

Jetzt im großen Wahrheit-Test: die brisanten Varianten sämtlicher bislang entwickelter Seren gegen den überaus zähen Corona-Erreger.

Ein Cartoon, ein Mensch in einem Labor sagt zu einem anderen: Um die spätere Studie nicht zu beeinflussen, wissen wir nicht, ob wir einen Imfpstoff herstellen oder ein Placebo

Illustration: Stephan Rürup

Ins tiefe Tal der turmhohen zweiten Coronawelle dringt ein zarter Lichtstrahl. Er stammt aus Laboren rund um den Globus, in denen Wissenschaftler an Impfstoffen gegen Covid-19 forschen. Doch welches Mittel hat immunologisch die Nase vorn und welches Präparat passt am besten zu Fischgerichten? Um die Spreu vom vakzinären Weizen zu trennen, ist die Wahrheit-Redaktion zur Schluck-und Piek-Verkostung angetreten.

Die Ouvertüre der Immunisierungs-Oper besorgte Russland, dessen Vektorimpfstoff „Sputnik V“ bereits im August Premiere feierte. Schon zuvor hatten russische Wissenschaftler die Welt mit revolutionären Lifestyle-Produkten überrascht. Gewagte Kompositionen wie das Nervengift Nowitschok, das ausreisenden Oppositionellen mittlerweile als Must-have gilt, haben Moskowiter Laboren den Ruf einer kämpfenden Avantgarde eingebracht, die wenig Rücksicht auf Tragekomfort und Kundenwünsche nimmt. Doch eben dieser kompromisslose Aplomb findet weltweit immer mehr Freunde und Nachahmer. Entweder man liebt den Stil des postsowjetischen Autoritarismus oder man stirbt daran.

„Sputnik V“ aus dem staatlichen Gamaleja-Institut kommt aktuell so edgy und vintage daher, wie man es von Produkten mit FSB-Gütesiegel gewohnt ist. Die Stalinorgel unter den Vakzinen wird in einer Sto-Gramm-Phiole geliefert, die etwas schwer in der Hand liegt, aber gekonnt den Shabby Chic des russischen Raumfahrtprogramms zitiert. Die Degustation bestätigt diesen Eindruck.

Imperiale Größe

Gleich seinem nostalgischen Namen evoziert „Sputnik V“ Bilder von Sowjetmacht und imperialer Größe. Allerdings auch von toten Hunden. In der Kopfnote dominieren herbe Noten von Tundramoosen und Kommunalka-Gemeinschaftstoiletten, der samtweiche Körper überzeugt mit schwermütigen Molltönen, ohne die schwerindustrielle Basisnote zu übertönen, die sich mit einen Hauch Stalinismus und hypermaskulinem Muschik-Moschus zu einem verstörend robusten Grundakkord verbindet.

Die Zutatenliste ist top secret, doch schmecken wir als erfahrene Vakzin-Sommeliers neben der rAd26-Komponente mit ihren abgewandelten Adenoviren auch Sauerrahm und rote Bete heraus, ohne die auch modernste russische Giftküche nicht auskommen mag. Der supergeheime Grundstoff erweist sich jedoch als gewöhnlicher Kartoffelschnaps. Na sdorowje!

Nebenwirkung mit Vollrausch

Der Beipackzettel verspricht nicht nur Wirksamkeit gegen das Virus, „Sputnik V“ heilt auch Homosexualität sowie Fall- und Nesselsucht. Die Neben­wirkungen sind mit denen eines Terpentin-Vollrauschs vergleichbar. Noch Wochen nach der Einnahme von „Sputnik V“ fühlten wir uns wie ins All geschossen, dafür wuchsen uns hübsche Pelzmützen. Fazit: Eine aufregende Kreszenz für unerschrockene Connaisseure.

Wesentlich verbraucherfreundlicher kommt ein Impfstoff daher, den die sympathische Mainzer Biotech-Boutique Biontech mit dem sympathischen Pharmariesen Pfizer entwickelt hat. Zigtausende Probanden haben den Anti-Corona-Drops mit dem sperrigen Namen „BNT162b2“ bereits gelutscht, ohne nennenswert Schaden zu nehmen. Neben Schüttelfrost, Gelenk- und Kopfschmerzen wurden bloß rasant steigende Fieberkurven an der Börse beobachtet. Pfizer verspricht eine Wirksamkeit von fast 300 Prozent für Aktionäre, für Patienten liegt sie derzeit bei 95 Prozent.

„BNT162b2“ wird in der 0,75-Liter-Einwegspritze geliefert und vom Kenner intramuskulär in die Arsch­backe degustiert. Im Vergleich mit dem temperamentvollen Russen nimmt sich das Massen-Cuvée aus der Mainzer Flachlage „An der Goldgrube“ blass aus, deswegen erhöhen wir die Dosis vorsichtig um das Achtzehnfache. Abgesehen von den belebenden Nadelstichen möpselt der Verschnitt aus Lipid-Nanopartikeln mit modifizierter mRNA recht fad in der Blutbahn. Erst als wir beherzter nachspritzen, überzeugt uns die stechenden Herznote, die sich vom schnellen Klopfen zum beschwingten Galopp steigert. Das macht Spaß, da ist Musik drin!

Auch die Kopfnote lässt sich durch Selbstmedikation ausbauen: Als die Ampulle zur Neige geht, fühlen wir uns dank Boten-RNA dem Coronavirus endlich mystisch verbunden. Nach einer weiteren Magnumflasche wabern wir selbst als schleimige Doppelmembran mit keulenförmigen Ausstülpungen durch die Gegend. Fazit: Ein harmloser Impfspaß für die ganze Familie.

Schutzwirkung mit Geschmack

Eine Woche nach Biontech trumpfte US-Konkurrent Moderna auf: 94,5 Prozent Schutzwirkung bei 30.000 Teilnehmern in der Phase-3-Verkostung. Damit hat deren Präparat „mRNA-1273“ den Rivalen beinah überflügelt. Einen festlichen Barrique darf man von den Amerikanern dennoch nicht erwarten. Für den europäischen Geschmack dürfte das Produkt außerdem zu süß ausfallen.

Zwar gefallen die Rauchakzente von Hickory und Sykamore, doch erschweren die allzu massiv gesetzten Kontrapunkte Marshmallow und Corn Syrup das Zirkulationserlebnis in den Arterien. Als störend dürften ferner die dominanten Röstzwiebelaromen und die mittelschwere Paranoia empfunden werden, die Probanden noch Tage nach der Einnahme ausdünsten. Allerdings treten diese Phänomene nur auf, wenn man bei der Dosierung Ounces mit Gallonen verwechselt. Ein Anfängerfehler, wie wir zugeben müssen. Fazit: Solides Immun-Fastfood zum saftigen Preis (32 bis 37 Dollar pro Dosis). Über die Nebenwirkungen können wir erst Auskunft geben, wenn wir sie durch den Dschungel gejagt und zur Strecke gebracht haben.

Bereits sternhagelvollgeimpft machen wir uns auf, um im Asia-Shop die letzte Charge zu testen. Den asiatischen und arabischen Markt wollen die Konglomerate Sinopharm und Sinovac aufrollen, die in China, Bah­rain und den Emiraten bereits subkutan tätig sind. Die Immunologen aus Fernost ersparten sich allzu langwierige Prüfungen, indem sie die Vakzine per Notfallzulassung direkt in die Bevölkerung piekten. Die Führung vertraut dem Volk, nur uns verweichlichten Westlern wird solche Robustheit mal wieder nicht zugetraut.

Im Regal finden wir noch eine angebrochene Packung Sino-Vakzin. Optisch kaum von getrockneten Fischköpfen, Schweineohren oder Teerpappe zu unterscheiden, überrascht der China-Impfstoff durch crunchige Textur und belebende Schärfe. Man kann ihn rauchen, spritzen oder streicheln. Die Nebenwirkungen sind schwer zu beschreiben. Am ehesten ähneln sie einem Herrn mittleren Alters, der uns mit dem Besen aus seinem Laden jagt.

Wir entschließen uns deswegen, den Impfstoff draußen an die Fledermäuse zu verfüttern. Wir selbst sind nach dem anstrengenden Impfmarathon längst immun, das bestätigen unsere drei Antikörper. Sie heißen Heinz, Frau Quitte und Dr. Korritke.

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