Die Wahrheit: Der Mann an der Kandare

Schurken, die die Welt beherrschen wollen – heute: Lars „Klimmzug“ Klingbeil, der gestählt aus der Krise hervorgeht.

ein Mann vor einem Mikrofon

Sportlich ausgedünnt zurück aus der Krise: Lars Klingbeil Foto: Michael Kappeler/dpa

Zweimal die Woche verlässt Lars Klingbeil die SPD. Er nimmt den Atemschutz ab, lässt das Willy-Brandt-Haus hinter sich und sucht die Box auf. Das ist im Crossfit das, was unter normal gewachsenen Sportlern der Kraftraum ist. Der Generalsekretär macht sich warm, springt und sprintet mit den Beinen auf der Stelle, biegt sich erst kugelrund zum „Bagel“, wie es bekanntlich in diesem aus den USA stammenden „Martial Gym“ heißt, macht dann im Liegen die Kerze und jongliert mit seinen zwei Füßen drei Medizinbälle. Die Übungen gelingen ihm ohne einen Tropfen Anstrengung, der Puls tickt ruhig. Klingbeil gehört auch als Sozialdemokrat zu keiner Risikogruppe, er ist gesund.

Nach einigen weiteren Routinen kommt Klingbeil zum Höhepunkt. Er schreitet zu einem Stahlquader, der wohl oder übel einen Kubikmeter dick ist, packt ihn und wuchtet ihn hoch! Die Muskeln schwellen an und wollen in seinem T-Shirt über die Ufer treten. Das Gesicht verfärbt sich sozirot, der Politiker droht auseinander zu platzen. Endlich schleudert er mit einem Schrei den tonnenschweren Kubus von sich, Lars Klingbeil und die SPD haben es geschafft.

Er legt die Atemmaske wieder an, denn sein eigens auf ihn abgerichteter Personal Trainer betritt die Box. Der nickt, denn für einen Sozialdemokraten schlägt sich sein Schützling ganz ordentlich. Crossfit ist die männliche Form des Zirkeltrainings, gibt er zu verstehen, während er den Stahlklotz in die linke Hand nimmt und in den Geräteraum trägt.

Vor Jahren schaffte Lars Klingbeil beim einfachen Gehen nicht einmal 100 Meter am Stück, fuhr lieber mit dem Taxi oder blieb zu Hause liegen. Inzwischen joggt er am laufenden Meter, macht zwischendurch Kniebeugen, Liegestützen und Überschläge. Mitten in der Coronapandemie fragt niemand nach dem Generalsekretär der SPD, keine Menschenseele will noch ein winziges Sterbenswörtlein von ihm hören. Klingbeil kann rund um die Uhr tun, was er will, schweigt und turnt.

Im Rausch des tanzenden Sports

Früher rauchte er stattdessen täglich ein Pfund Zigaretten weg. Jetzt braucht er nur mehr seine Dosis Sport, braucht das Gefühl, über sich zu siegen, es ist wie ein Rausch, das pure Glück. Die Endorphine tanzen in seinem Körper, in der Wochen zwier!

Früher, da verdrückte er sich nach dem Abi in die Bahnhofsmission von Hannover zum Zivildienst. Dabei war er am 23. 2. 1978 als strammer Sohn eines Berufssoldaten auf die Welt marschiert! Hatte die Grundausbildung vom Abc-Schützen bis zum ehrenvollen Abschied vom Gymnasium im niedersächsischen Munster durchlaufen, einer von Truppenübungsplätzen eingezäunten Stadt, wo die Bundeswehr so viel Heer macht wie nirgends sonst, 5.000 lebende Soldaten bei 15.000 Einwohnern in Zivil.

Indes, die weltweiten Anschläge vom 11. 9. 2001 hatten ihr Gutes, sie brachten den Träumer auf Zack. Der Drückeberger ward Kamerad der Gesellschaft für Wehrtechnik und der auf gleicher Kette fahrenden Gesellschaft für Sicherheitspolitik, schloss sich ohne Blutverlust dem Förderkreis Deutsches Heer und der Soldaten und Veteranen Stiftung an. Gefördert vom SPD-Verteidigungspeter Struck († 2012 ohne Feindeinwirkung), setzte sich Klingbeil seither für Auslandseinsätze und einen hochgezüchteten Wehretat mit sämtlichen Händen und Füßen ein; anders als mancher Invalide hat er sie noch alle.

Auch sie hat er alle: die Lobbyisten der hohen Wirtschaft. Besonders Rheinmetall fand bei ihm sperrangelweite Ohren, weil der Rüstungskonzern in Unterlüß nahe Munster eine große Fabrik am Qualmen hat. Einmal in den letzten zweieinhalb Jahren empfing Lars Klingbeil aber auch den Abgesandten einer Gewerkschaft, er ist ja in der SPD.

Treuer Parteisoldat ohne Fleischwunde

Eingefädelt hatte der frisch Gewendete seine politische Karriere, indem er am 12. 9. 2001 (Datum ähnlich) in den Stadtrat von Munster vorstieß; 2006 okkupierte er auch den Kreistag. Zwischendurch wurde er von Gerhard Schröder einberufen und für sein Wahlkreisbüro dienstverpflichtet. Nach einer Reserveübung als Jugendbildungsreferent der SPD in Nordrhein-Westfalen und als Spieß im Büro des SPD-Landesvorsitzenden in NRW Garrelt Duin wurde er 2009 an den Standort Berlin versetzt, wo sich der treue Parteisoldat zum Seeheimer Kreis durchkämpfte.

Er bewährte sich im Bundestag, kam in den Verteidigungsausschüssen zum Einsatz, ohne eine Fleischwunde davonzutragen, und wurde 2017 von der SPD an die vorderste Front befohlen und zum General befördert, zum Generalsekretär.

Der muss eigentlich die Partei spitz auf den Vordermann ausrichten, steil Ordnung in den Saustall bringen und die Truppe scharf zusammenhalten, auch mal zusammenfalten. Doch kaum begann das Coronavirus an Staat und Bevölkerung zu nagen, schloss die SPD wie von selbst die Reihen, sortierte sich ohne Mucks hinter ihre Parteivorsitzenden, Bundesminister und Landesfürsten ein, und niemand kräht nach dem Geschäftsführer. So kann Lars Klingbeil statt unbotmäßiger Parteimitglieder nur sich selbst an die Kandare nehmen. Zweimal die Woche verlässt er dazu die SPD und sucht die Box auf.

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