Die Wahrheit

Angeflötet und abgehängt

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Servicewühüste Deutschland und dem Rechtsruck im Lande? Nei-hein, sagt die Bäckereifachverkäuferin.

Früher hat man einfach „Hallo“ zur Begrüßung gesagt, kurz, trocken, eine Tonlage. Heute gleicht jeder Gruß einem Vogelkonzert. Die Bäckereifachverkäuferin verteilt ihr zu allem Überfluss noch mit Bonus-Silbe versehenes, provokant fröhliches „Guten Mo-horgen!“ auf zwei auf- und abschwellende Melodiebögen über anderthalb Oktaven.

Hat mal jemand untersucht, ob die Verkäuferinnen im Osten das auch machen? Wählen die Männer dort deswegen alle AfD? Weil sie es nicht ertragen, morgens beim Bäcker schon angeträllert zu werden? Oh, jetzt habe ich was über die Ostler gesagt. Dabei verstärkt das doch nur ihr Gefühl der Ausgrenzung, und dann wählen noch mehr geschundene Seelchen die AfD.

Zum Glück darf man wenigstens über Westler schimpfen, wie man will. Dabei gibt es auch bei denen abgehängte Regionen. Den Ortsteil Waldsiedlung in Altenstadt in der Wetterau zum Beispiel. Der ist so abgehängt, dass man nicht mal auf der dritten Stufe des geografischen Auszoomens weiß, wo das sein soll. Aber selbst da müssen Leute leben, ihr Lappen in Chemnitz und Freital und Bautzen, also reißt euch mal zusammen!

Die Wetterau jedenfalls liegt in Hessen, und dort wählt man nicht einfach nur AfD, sondern gleich einen NPD-Mann zum Ortsvorsteher, und zwar mit den Stimmen von CDU, SPD und FDP. Was zum Teufel ist eigentlich ein Ortsvorsteher? In der Wetterau gibt es Posten, von denen wir urbane Eliten nicht mal etwas ahnen. Aber schon schimpfen wir darüber, als gäb’s kein Morgen und kein Sachsen mehr. Ja, ihr Chemnitzer und Freitaler und Bautzener, das haben sie euch jetzt auch noch weggenommen!

Westler ma-hachen's besser

Und selbstverständlich können die Westler auch das viel besser: Da wählen nicht einfache Bürger wegen ihrer Sorgen AfD, da wählen Sozen und Liberale die NPD, und zwar, weil „wir keinen anderen haben – vor allem keinen Jüngeren, der sich mit Computern auskennt, der Mails verschicken kann“. Außerdem sei der NPD-Mann „absolut kollegial und ruhig“. Der nette Nazi von nebenan, der für ältere Mitbürger auch mal die Mails macht, wenn alte weiße Männer von der modernen Welt überfordert sind.

Aber ich bin wild entschlossen, die Demokratie zu verteidigen. „Ha-lo-ho!“, flöte ich zurück, und die Verkäuferin starrt mich finster an. Aber sie fällt nicht aus ihrer Rolle: „Was darf’s denn sei-ein?“, singsangt sie, ich pariere lässig mit „Zwa-hei Brö-hötchen bitte.“ – „Se-her gerne.“ Als würden wir gleich ein Nest gemeinsam bauen wollen!

„90 Ce-hent bitte.“ – „Ge-herne.“ – „Da-hanke sehr.“ Jetzt nicht die Nerven verlieren, ein finales „Tschü-hüss!“, dann ist es geschafft. Erleichtert wende ich mich dem Ausgang zu, da keift mir ein schepperndes „Wollnse ihre Brötchen nicht vielleicht auch mitnehmen, junger Mann!“ hinterher. Oha. Ich schnappe mir die vergessene Brötchentüte. Die Verkäuferin blickt mich hämisch an. „Tschü-hüss! Schönen Ta-hag noch!“, flötet sie triumphierend. Zum Glück kann ich wenigstens meine Mails selbst verschicken.

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Heiko Werning ist Reptilienforscher aus Berufung, Froschbeschützer aus Notwendigkeit, Schriftsteller aus Gründen und Liedermacher aus Leidenschaft. Er studierte Technischen Umweltschutz und Geographie an der TU Berlin. Er tritt sonntags bei der Berliner „Reformbühne Heim & Welt“ und donnerstags bei den Weddinger „Brauseboys“ auf und schreibt regelmäßig für Taz und Titanic. Letzte Buchveröffentlichung: „Vom Wedding verweht“ (Edition Tiamat).

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