Die Wahrheit: Nacht bei den Engeln
Auf einem verwahrlosten Grundstück ereignen sich unglaubliche Dinge, bis endlich die Polizei kommt und dem Spuk eine Ende macht.
N ichts außer dem Rauch, der eines Abends deutlich sichtbar aus dem Schornstein aufgestiegen war, deutete darauf hin, dass wieder jemand in dem kleinen, seit Jahren leerstehenden Haus wohnte. Weder brannte je Licht, noch wurde das hohe Gras im Vorgarten gemäht. Auch der Schornstein rauchte nicht wieder. Mein von dieser Ungereimtheit gereizter Verstand forderte eine Erklärung.
Seit meiner Jugend litt ich an sogenannter „Kreislaufschwäche“, die manchmal schon beim Erwachen auftrat und mir Schwindel, Übelkeit und in seltenen Fällen sogar Ohnmacht bescherte. An so einem Tag musste ich trotz meiner elenden Verfassung etwas Wichtiges in der Stadt erledigen. Weil ich hoffte, die Bewegung werde mir guttun, ging ich zu Fuß. Indes verschlechterte sich mein Zustand nur. Als ich durch die Straße kam, in der das geheimnisvolle Haus stand, war ich kurz davor, zusammenzubrechen.
Zu allem Überfluss begann es, stark zu regnen. Bis zum Gartentor besagten Hauses war es nicht mehr weit. Ziemlich nass und kaum mehr bei Sinnen, taumelte ich auf das verwahrloste Grundstück. Während ich mich zum Haus schleppte, glaubte ich zu sehen, dass jemand in der offenen Tür stand. Eine freundlich klingende Stimme rief mir zu, ich solle doch hereinkommen, der Kamin sei geheizt, und ich könne die Kleidung trocknen.
Beim Eintreten nahm ich Wärme und den Geruch von brennendem Holz wahr. Plötzlich wurde es so hell, dass ich nichts sehen konnte. Ich bat, das Licht auszuschalten, doch wurde darauf geantwortet, das sei leider unmöglich. Wie zur Begründung fügte die Stimme etwas hinzu, das für meine halbbetäubten Ohren klang wie: „Wir sind Engel.“
Ich glaubte, Flüstern und leises Lachen zu hören, dann erlosch das Licht und mit ihm mein Bewusstsein. Lautes Klopfen und Rufen weckte mich unsanft: „Aufmachen! Polizei!“ Ich begriff überhaupt nichts.
Es war stockfinster. Benommen tastete ich nach meiner Nachttischlampe, konnte sie jedoch nicht finden. Alles, was ich berührte, war mir fremd. Im Raum roch es nach trockenem Holz, auch das war ungewohnt. Ich versuchte, mich zu erinnern, was geschehen war. Indessen ging das Klopfen und Rufen weiter. Zweifellos kam es von der Tür. Ich stand auf, um nachzusehen. Im Dunkeln stieß ich gegen unerwartete Hindernisse und fand zuletzt eine Tür, die sich aber nicht vertraut anfühlte. Nach mehreren Versuchen gelang es mir, sie zu öffnen.
Draußen standen, von Mondlicht beschienen, zwei Polizisten. Einer fragte mich: „Was tun Sie hier? Können Sie sich ausweisen?“ Desorientiert fing ich an, von der zerstörerischen Macht des Schlafs zu sprechen. Der andere Polizist unterbrach mich: „Passen Sie auf: Wenn wir ,Jetzt' sagen, wachen Sie zu Hause in Ihrem Bett auf.“ Es erstaunte mich, dass ein Polizist so etwas sagte. Und schon riefen beide: „Jetzt!“ Tatsächlich erwachte ich in meinem Bett. Es war früh am Morgen und noch dunkel.
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