Die Wahrheit: Haallloooo, Kiiinder!

Vor Weihnachten müssen Kinder sich unbedingt Theateraufführungen ansehen, um zu leiden unter dem Schrott, der auf den Bühnen gegeben wird.

Weihnachtszeit bedeutet in Schulen und Kindergärten: Theaterzeit. Man will den Nachwuchs wegholen von den Smartphone-, Fernseh- und Computerbildschirmen, auf denen hochwertige Filme und Serien zu bestaunen sind. Stattdessen sollen sich Regiearbeiten des nächstgelegenen Schauspielhauses auf den unschuldigen Netzhäuten abzeichnen.

Deshalb lassen jugendaffine Theatermacher ihre Akteure als Peter Pan, Balu der Bär oder Alice im Wunderland auftreten und „HAAALLLOOOOOOO, KIIIINDER!!!“ brüllen. Pädagogen erhoffen sich davon vermutlich, die von dem eindrucksvollen Erlebnis Geschädigten mögen ihren Internetzugang hernach wirklich zu schätzen wissen.

In Ramschkostümen aus der düstersten Fundusecke und vor im Feuerzangenbowlensuff zusammengeschreinerten Bühnenbildern kaspern die Mimen dann herum. Fragen: „Nanuuu? Wo ist denn die böse Hexe?“, die bloß anderthalb Meter entfernt lauert. Die enervierten Mädchen und Jungen ziehen seufzend die Augenbrauen gen Stirn, tun den armen Seelen aber den Gefallen und rufen: „Hinter dir!“, sind sie doch noch reinen Herzens und bringen es nicht über selbiges, den Irren da vorne auflaufen zu lassen, „obgleich er es allemal verdient hätte, der Depp“ (Ophelia-Marie, sechs Jahre alt).

Zu keiner Sekunde lassen sich die Sprösslinge bei solchen Aufführungen anmerken, wie furchtbar all das ist, was sich in hiesigen Kindertheatern abspielt. Da wird auf den Brettern geschrien, gepupst und gedummbeutelt, dass es nur so einiges hat, aber keine Art.

Der Höhepunkt des grausamen Spiels ist erreicht, wenn die Darsteller, noch angeglimmert vom Vorabend, umherrumpeln und wenn Räuber Hotzenplotz nicht nur lallt, sondern auch eine Fahne mit sich führt, als hätte er sich fünf Tankerflotten Ouzo in den Ösophagus manövriert. Es mag wie eine Übertreibung klingen, doch welches Kind hat nicht selbst schon diese Mischung aus Schminke, Kotze und Fusel gerochen?

Dabei wissen die Kulturschaffenden doch eigentlich um die Bedeutung der Kinderkundschaft: Zwar zahlen die Halbwüchsigen in der Regel nur die Hälfte, sie erscheinen dafür aber auch in Scharen. Die teilweise verblüffend hohen Auslastungszahlen der Häuser wären ohne die Schwärme der von Bildungs- respektive Erziehungseinrichtungen zum Besuch Gezwungenen erheblich niedriger.

Allein: Solange Paare noch zuverlässig ihre statistisch immerhin 1,5 Kinder produzieren, gibt es ausreichend Nachschub an Grundschul- und Unterstufenklassen, die das kirremachende Gegurke über sich ergehen lassen. Man sieht: Ein Volkssterben könnte auch Vorteile haben.

Dass sich heute approximativ nur noch ein Prozent der Deutschen ins Theater traut, liegt also möglicherweise weder an genereller Kulturverdrossenheit noch an konkurrierender Popkultur. Kindheitstraumata sind die Ursache.

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Cornelius W. M. Oettle kam in der kältesten Novembernacht des Jahres 1991 in Stuttgart zur Welt und weiß nicht, warum. Zur Überbrückung seiner Lebenszeit schreibt er als freier Autor für alle, die sich ihn leisten können. Seine Tweets aber sind und bleiben gratis.

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