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Die WahrheitKollektion Kanzleramt

In Berlin gibt es jetzt den „Kanzler-Shop“. Zu kaufen gibt es Goldbarren und andere nützliche Dinge rund um deutsche Regierungschefs.

Wie geschnitten Gold gehen die Barren mit dem Konterfei von Altkanzler Helmut Schmidt weg Foto: reuters

Endlich ist es so weit: Ganz in der Nähe vom Berliner Alexanderplatz in der Dircksenstraße hat der neue offizielle „Kanzler-Shop“ der Bundesrepublik Deutschland seine Pforten für die Kundschaft geöffnet. An der lustigen Eingangsglocke baumeln die goldüberzogenen Blechbüsten sämtlicher deutschen Bundeskanzler – von Adenauer bis Merkel. Und Gold ist auch schon das passende Stichwort, denn die exklusive Sonderedition der Goldbarren mit eingeprägtem Helmut-Schmidt-Porträt ist bereits vergriffen.

Die Käufer seien sogar bereit gewesen, das Zehnfache des Ausgabewertes hinzublättern, nur um den frisch Verblichenen in der heimischen Schatulle zu wissen, erklärt uns eine Fachverkäuferin. Die junge Dame im schwarz-rot-goldenen Kostüm verrät uns auch, wie es eigentlich zu der Ladenidee gekommen ist. Kanzleramtsminister Peter Altmaier habe nämlich gar nicht lange auf seine Chefin eintrommeln müssen, um sie für die Vorzüge einer von Finanzminister Wolfgang Schäuble unabhängigen Einnahmequelle zu gewinnen. Der Kanzeramtschef schlug daher vor, aus den Vermächtnissen von Merkels Amtsvorgängern möglichst viel Kohle zu machen.

Was das heißt, sehen wir gleich am Ladeneingang in einer schmucken kleinen Kühltruhe, in der nostalgische Heringsdosen mit eingelassenem Bismarck-Profil auf ihre Käufer warten – für 5 Euro ohne und für das Doppelte mit Inhalt.

Auch die Altkanzler Kohl und Schröder sind mit unnachahmlichen Unikaten im Angebot vertreten. Der Oggersheimer steuert handgeschriebene Rezepte für Saumagen auf Birnenkompott in Goldprägung bei, während sein Amtsnachfolger mit einem signierten Reservekanister der russischen Firma Gazprom vertreten ist. Für Kinder und Eisenbahnfreaks gibt es zudem eine von Helmut Kohl selbst gestaltete und modellbahngeeignete blühende Landschaft im HO-Maßstab.

Erfindungen von Adenauer

Den Großteil der Liebhaberangebote aus dem Kanzleramt nimmt allerdings der legendäre Konrad Adenauer ein. Für den alten Rheinländer ist im Laden eine eigene Verkaufsfläche reserviert, das sogenannte Rhöndorfer Eck, in dem es nur so vor Überraschungen wimmelt. Von Adenauers knapp zwanzig Erfindungen zu seinen Lebzeiten haben auch heute noch viele nichts von ihrer Strahlkraft verloren, wie etwa der Brausekopf, der das Gießen mit Sprühregen ermöglicht und schon für 9,95 Euro erhältlich ist.

Etwas mehr muss der technikinteressierte Liebhaber da schon für die Vorrichtung zur Verhinderung des Überfahrenwerdens durch Straßenbahnwagen hinblättern. Die feste Gussschaufel gibt es ab 49,90 Euro. Als Schnäppchen dürfte dagegen die Gartenhacke mit Hammerkopf gelten, die schon für 14,99 Euro zu haben ist.

Produkte sämtlicher deutscher Kanzler werden verkauft – von Adenauer bis Merkel

Daneben gibt es noch eine Hartgumminachbildung des rheinischen Schrotbrots, das Adenauer im Ersten Weltkrieg unter der Kaiserlichen Patentschrift Nr. 296648 hatte backen lassen, um die hungernde Bevölkerung Kölns zu sättigen. Ladenverkaufspreis: 8,98 Euro.

Nur ein Produkt wurde kurzfristig wieder aus dem Angebotskatalog herausgenommen: Adenauers letzter Erfindung lag die Idee zugrunde, alle Obstbäume in seinem Rhöndorfer Garten mit stromführendem Klingeldraht zu umwickeln. Das hätte bei feuchtem Wetter nicht nur für Schädlinge, sondern auch für ahnungslose Besucher und christdemokratische Gartengesellschaften tödlich enden können. So verrät es jedenfalls ein erklärender Warnhinweis vom TÜV Rheinland an der nun leeren Vitrine.

Wirkungskraft von Merkel

Doch es gibt auch ganz aktuelle Angebote im neueröffneten Kanzler-Shop in Berlin-Mitte. Um Angela Merkel und ihre Wirkungskraft entsprechend zu vermarkten, werden handgebatikte Stoffrauten angeboten, selbstverständlich alle auf der Rückseite mit Originalunterschrift der stets Rauten formenden Kanzlerin – ideal als Aufnäher für repräsentative Momente.

Etwas gewichtiger, auch vom Preis her, fällt da schon der nummerierte Allzweckbriefbeschwerer „Moby Dick“ aus, für den der Kanzleramtsminister persönlich nackt Modell saß. Die Stahl-Titan-Germanium-Legierung ist rostfrei und aus heimischem Erzabbau gefertigt, kostet allerdings satte 299 Euro. In den Fuß der fünf Kilogramm schweren Kleinskulptur ist Peter Altmaiers bekannter Wahlspruch eingraviert: „Wal, da bläst er!“

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