Die Wahrheit: Die Einmannsekte

Im Heimatsprengel gab es diesen verschrobenen Typen, der irgendetwas im Kosmos suchte und mit einem Plastikschwert in die Schlacht zog.

Shiva war unser Dorfnarr und Heiliger, eine Mischung aus Catweazle und Gandalf, Strauchdieb und ZZ Top. Ein Pilgertyp mit Eigenheim, das er gezielt zu einem spirituellen Kraftzentrum herunterkommen ließ, seinem „Königreich RishiDasa“. Und einem Rennrad. Schon früh, wenn Aurora den Tag mit einem Lächeln begrüßt, war er damit unterwegs und hinterließ an den Fußgängerknotenpunkten unseres Vorstadtweilers seine apokalyptischen Wasserstandsmeldungen. Mit bunter Straßenmalkreide und kalligrafischer Akkuratesse lehrte er uns die wirklich wichtigen Dinge im Kosmos: „Würde, Respekt, Ehrerbietung und das Geheimnis der schwarzen Sonne.“

Der Schriftzug „Heil Shiva“ begrüßte den Fremdling, der seinen Tempel passierte, bisweilen aber auch „Heil Odin“. Er hatte eine weitere gute Antwort auf die leidige Gretchenfrage gefunden. Normalerweise ignoriert man diesen Schmu völlig, wird mindestens Agnostiker, besser aber noch Atheist. Oder aber man macht es wie Shiva. Er nahm sie gleich alle: Islam, Buddhismus, Hinduismus, die germanische Mythologie, den indianischen Totemismus und was die Menschheit sich noch so an lustigen Gottesvorstellungen ausgedacht hat. Er eignete sich bei allen was Mopsfideles an und kochte daraus ein wild blubberndes Einmannsekten-Süppchen, das offenbar vor allem Spaß verbreiten sollte.

Die Kinder lachten ihn ein bisschen aus, wie sie das schon mit Diogenes gemacht hatten. An guten Tagen grinste Shiva dazu. An sehr guten Tagen schnitt er eine furchterregende Grimasse und machte einmal trocken: „Buh“. Dann war erst mal wieder ein paar Wochen Ruhe. An den wirklich gran­dio­sen Tagen ging er auch schon mal mit einem Gummischwert auf den Schulhof und stellte sich conanhaft der infantilen Übermacht, bis eine spielverderberische Pausenaufsicht von ihrem Hausrecht Gebrauch machte.

Bei einer Freundin aus der Nachbarschaft mit indischen Wurzeln hat er sich früh unsterblich gemacht. Sie war neu im Beritt, als sie ihm zufällig auf der Straße begegnete. Er näherte sich sanft ihrem Gesichtskreis und raunte voll Mitleid: „Ja, ja, die Heimat ist weit weg.“

Ich begegnete ihm gelegentlich im nahen Forst, den Shiva gern aufsuchte, um die Waldgeister um Rat zu fragen, und ich, um die Kellergeister schwitzend auszutreiben. Als ich einmal wieder meine Meter machte, tauchte er gedankenversunken vor mir auf, auf Du und Du mit den Dryaden. Um Shiva nicht zu erschrecken, ächzte und schnodderte ich noch lauter als sonst. Nichts. Einen Meter hinter ihm entbot ich den Segensgruß: „Der Herr erfülle dein Herz mit Zärtlichkeit und deine Augen mit Lachen.“

„Huch“, schrie er erschrocken und schmiss sich lang hin. Ich entschuldigte mich, und seither nickten wir uns respektvoll zu. Waldgänger unter sich. Aber damit ist es jetzt vorbei. Kürzlich meldete der Dorffunk, Shiva sei tot. Offenbar bei seinen Frühtau-Exkursionen in eine Baugrube gefallen. Jetzt werden wir es nie erfahren – das Geheimnis der schwarzen Sonne.

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