Die Wahrheit

Automatentod

Wenn der Pfandrückgeber den Kunden im Getränkemarkt piepend und fiepend den Krieg erklärt, dann hilft nichts mehr – nur noch die Pumpgun.

Es piept. Sobald ich dieses Piepen höre, läuft der Countdown zu meiner Gewaltfantasie. Ich stehe mit drei Bierflaschen im Getränkemarkt vor dem Automaten für die Pfandrückgabe. Hinter mir hat sich bereits eine kleine Schlange gebildet. Da wartet ein Rentner mit Leergut auf der Ladefläche seines Rollators. „Geht wieder nix! Da kennt sich doch keiner mehr aus!“, schimpft er und sucht zur Bestätigung meinen ausweichenden Blick. Dabei hat er recht.

Ich mag Cola Zero, es ist die E-Zigarette unter den Softdrinks. Der Automat mag sie auch, er hat die Flaschen alle gern geschluckt. Die erste Bierflasche aber hat er mir nach prüfendem Geruckel und Gerolle auf seinen gummierten Laufbändern kommentarlos wieder ausgespuckt. Jetzt streikt er und macht sich mit panischen Geräuschen bemerkbar. Sein benutzerfreundliches Farbdisplay leuchtet gelb: „Bedienung rufen!“ Es piept.

Es piept ein mannshoher T-705 der norwegischen Marke Tomra. An Tomra sind auch die Banker von JP Morgan beteiligt. Zufälle gibt’s! Das Nachbargerät streikt schon länger, jetzt fiepen und winseln beide Automaten um die Wette. Als Freund elektronischer Musik ergötze ich mich vorübergehend am leicht versetzten Zusammenklang ihrer minimalistischen Akkorde. Ein Brian Eno auf Speed hätte das komponiert haben können. Oder ein depressiver Philip Glass. Der Rentner tritt von einem Bein aufs andere, schaut sich um und ruft ins Ungefähre: „Hallo? Kommt da mal einer?“

Aus dem Ungefähren ruft die einzige Bedienung zurück: „Ja-haa! Nur die Ruhe! Komme doch gleich!“ Der Verkäufer war eben schon da, es hat nicht geklappt, er ist alleine im Laden – unterstützt nur von seinen unkündbaren, gleichwohl aber ebenfalls nicht sozialversicherungpflichtigen Blechkollegen. Gehetzt bedient er die drohende Schlange an der Kasse. Gerade öffnet er zum dritten Mal in Folge das automatische Altersschutzgesetzrollgitter vor den Zigaretten, es schnurrt mit aufreizender Langsamkeit nach oben.

Ich beuge mich ein wenig vor, als könnte ein Blick in den Schlund des T-705 hier irgendwie die Dinge voranbringen. Mir atmet ein abgründiger Geruch entgegen, der jeden Trinker schlagartig zur Besinnung bringen müsste. Nun stehe ich hier schon wie ein Bittsteller seit zehn Minuten in meinem Schweiß, um mir von einem stinkenden Roboter für meine drei Bierflaschen einen Bon in Höhe von exakt 45 Cent auszahlen zu lassen. Das ist der Fortschritt. Uns geht’s gut. Wir sparen, wo wir nur können. Besser leben. Es piept.

Und jetzt geht’s los. Mit einem wütenden Ruck löst sich der Automat aus seiner Verankerung. Putz rieselt, Mauersteine knirschen und zerbröseln. Mit rotierenden Kanonen verwandelt der transformierte T-705 die Regale in splitternde Wolken aus umherschwirrendem Glas und verdampfendem Apfelsaft, Rotwein, Bier. Und Blut, überall Blut. Auf dem Display leuchtet: „Bedienung töten!“ Auf meiner Flucht hinaus kommt mir der Verkäufer mit einer Pumpgun entgegen: „Nur die Ruhe“, sagt er: „Das haben wir gleich!“

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