Die Wahrheit: Eine Röhre ist keine Röhre

Im Berliner Stadtteil Friedenau hat ein geheimnisvoller amerikanischer Künstler das dümmste und klügste Kunstwerk der Welt installiert.

Mit einer Art Pipeline der Kunst sollen die Städte Berlin, Budapest, Lyon und Prag artifizell verbunden werden. Bild: Michael Ringel

Grass und Frisch, Kästner und Tucholsky, Lenin und Luxemburg, Göring und Goebbels, Karl Schmidt-Rottluff und Renée Sintenis, Herta Müller und Jürgen von der Lippe – schon immer bevölkerten weltberühmte Gestalten den am südlichen Rand des Berliner Innenstadtbezirks Schöneberg gelegenen Stadtteil Friedenau. Im sogenannten Dichterviertel und drumherum sammeln sich die Anekdoten aus der Welt-, Kunst- und Literaturgeschichte und werden gern weitererzählt hinter den traditionell nicht von Gardinen verhangenen hell erleuchteten Fenstern, aus denen sonst die Klagelaute gequälter Klavierschüler dringen, die von den als Holzmedientapeten bezeichneten Bücherregalen kaum gedämpft werden.

Es sind Geschichten von Günter Grass, der bis 1989 das Haus in der Niedstraße bewohnte, das einst dem Seeschlachtenmaler Hans Bohrdt gehörte, einem Jugendfreund von Kaiser Wilhelm II., der ihn hier oft besuchte, wie Willy Brandt später den Blechtrommler. Max Frisch lebte in der Sarrazinstraße, die nach einem Verwandten von Thilo Sarrazin benannt wurde, der seinerzeit mit seiner Deutschtümelei die Berliner Behörden enervierte. Und noch heute müssen die Mieter der Frisch’schen Wohnung laut Mietvertrag den Schreibtisch des Meisters im Originalzustand belassen.

Auch Erich Kästner lebte in der Niedstraße, und noch lange nach seinem Tod stand sein Name am Klingelschild zur Wohnung seiner „Sekretärin“. Rosa Luxemburg wohnte in ihren besten 12 Jahren hier, wo sie die gute Luft in Friedenau lobte. Lenin verbrachte seine Berliner Zeit in der Handjerystraße, wo in der alten Friedenauer Post angeblich eines seiner bekanntesten Bonmots entstanden sein soll, dass nämlich die sozialistische Planwirtschaft nur ein Erfolg werde, wenn sie sich die deutsche Post zum Vorbild nähme.

Auf dem ehemaligen Postplatz, der heute nach Renée Sintenis benannt ist, die als erste Bildhauerin Mitglied der Berliner Akademie der Künste wurde und deren bekannteste Skulptur der Berlinale-Bär ist, steht eine kleine bronzene Pferdefigur. Und jedes Friedenauer Schulkind kennt die Legende von dem Fohlen, das immer Hunger hat, weshalb selbst die älteren Passanten stets an der Bronzeskulptur innehalten und überprüfen, ob das Pferdchen auch ein Grasbüschel vor sich liegen hat, und wenn nicht, wird gerupft und Futter ausgelegt.

Gesamtkunstwerk „Broken City“

Friedenau ist ein weites artifizielles Feld, und den vielen Anekdoten wird nun eine neue hinzugefügt. Denn seit dem Oktober 2013 ist im Viertel ein frisches Kunstwerk heimisch: „The Pipe“ heißt das Werk von Robin Bork, wie ein laminiertes DIN-A4-Blatt, das mit Kabelbindern an einer Absperrung in der Handjerystraße befestigt wurde, erklärt. Was auf den ersten Blick wie eine verrostete Röhre aussieht, ist Teil des Gesamtkunstwerks „Broken City“, wie der Text aus der britischen Zeitung The Guardian erläutert.

Demnach habe der aus Seattle stammende „well known Native American artist Robin Bork“, der bereits „zweimal den Preis für den besten städtischen Künstler gewann“, eine Art Pipeline der Kunst zwischen den Städten Berlin, Budapest, Lyon und Prag installiert. Die metallenen Objekte dienten als Klanginstallation, wie jeder Passant feststellen könne, der seinen Kopf in die Röhre halten würde: „Stimmen innerhalb der Röhre werden von verschiedenen Arten von Schichten reflektiert, die einen Klang produzieren, der der Akustik eiserner Stätten in Myanmar gleicht.“ Derzeit arbeite Robin Bork zusammen mit dem japanischen Pop-Künstler Keiichi Tanaami an einem Projekt in Tokio, das auf die nicht enden wollende Krise um Fukushima abzielt.

Spätestens an der Stelle dürfte der Betrachter stutzen, denn irgendetwas stimmt mit diesem Kunstwerk nicht. Man muss sich nur umsehen. „The Pipe“ steht mitten zwischen anderen Röhren. Seit Jahren erneuern die Berliner Wasserbetriebe die Kanalisation von Friedenau. Warum, weiß jeder Hörer des Berliner Verkehrsfunks, wenn es besonders im Winter wieder heißt: „In Friedenau ist ein Wasserrohr geplatzt, und die Bundesallee zwischen Bundesplatz und Walther-Schreiber-Platz ist gesperrt.“ Dann läuft die sogenannte Friedenauer Senke voll, und man fragt sich, ob Kurt Tucholsky damals in der Bundesallee 79 seinen Fluch tatsächlich nur auf die deutsche Justiz gemünzt hatte: „Diese Flut von provozierenden, beleidigenden und höhnischen Trivialitäten ist unerträglich.“

Munter fließen die kulturellen Verweise

Friedenau hat eben schon einige Jahre hinter sich, schließlich wurde es nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 als eigenständiges Dorf gegründet. Die Frau des Baumeisters Hermann Hähnel kam der Legende nach auf den Namen: Die Au des Friedens. Ein Name, der sich auch in den Straßen des Viertels widerspiegeln sollte: Die Hauptstraße wurde zur Rheinstraße, und die meisten anderen Straßen wurden nach elsass-lothringischen oder saarländischen Flüssen benannt, um die der gerade zurückliegende Krieg getobt hatte.

So fließen die kulturellen Verweise munter durch den Kiez. Und wo viel fließt, sind viele Rohre. Die allerdings irgendwann einmal auch ausgetauscht werden müssen. Also liegt überall in Friedenau Material aus dem Untergrund herum. Das nun, im Fall von „The Pipe“, ein geheimnisvoller Künstler kurzerhand zum Kunstwerk erklärt hat. Denn es gibt weder einen „Native American artist“ namens Robin Bork noch den Guardian-Artikel, der sauber gefälscht wurde, im Archiv des Guardian ist er jedenfalls nicht auffindbar. Das Ganze ist ein einziger Fake. Eine Röhre ist keine Röhre ist eine Röhre …

Dabei weist die metallene Röhre signifikante Muster auf, die durchaus von einem Bildhauer mit einer Flex verursacht sein könnten. Wäre sie aber lediglich eine Objektinstallation, dann wäre die Röhre wohl das dümmste Kunstwerk der Welt. Doch es gibt eben die vielen feinen Anspielungen, die schon im ersten Satz des Begleitschreibens beginnen: „This is not a pipe“. Ein Zitat aus René Magrittes Gemälde „Ceci n’est pas une pipe“ (Das ist keine Pfeife), das, wie wir aus dem Kunstunterricht in der Schule wissen, uns eine neue surrealistische Sicht auf die Welt brachte, weil das Kunstwerk tatsächlich kein Objekt der Wirklichkeit ist, sondern bestenfalls ein Abbild.

Auch der Bezug zu Keiichi Tanaami öffnet ganze Kunstwelten. Denn der 1936 geborene Japaner gilt als geistiger Ziehvater der japanischen Pop-Art. Und wie wir wieder aus dem Kunstunterricht wissen, ist unter anderem das Verdienst der Pop-Art, Alltagsgegenstände in den Mittelpunkt der künstlerischen Betrachtung gerückt zu haben. Alles ist Kunst, jeder kann ein Künstler sein, lauten die Schlagworte. Und die hat der Schöpfer von „The Pipe“ vorbildlich aufgegriffen. Seine ebenso kleine wie in ihrer Vielschichtigkeit großartige Erzählung ist deshalb das momentan klügste Kunstwerk der Welt und so nur im artifiziellen Friedenau möglich.

Auf einer Bahnfahrt von Frankfurt nach Berlin saß ich einmal mit Wladimir Kaminer im Abteil und wir unterhielten uns über den Wahrheitsgehalt von Erzählungen. Kaminer aber sah dauernd aus dem Fenster und lächelte jedes Mal, wenn er wieder etwas entdeckt hatte. „Deutschland ist ein schönes Land“, meinte er schließlich, „überall liegen Röhren.“ Röhren aber bedeuteten, dass etwas fließe, und wenn alles fließe, dann sei das schön. Schön wie die Röhre von Friedenau.

Die Wahrheit auf taz.de

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

ist die einzige Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit. Sie hat den ©Tom. Und drei Grundsätze.

kari

Wenn Sie bei der taz anrufen, bekommen Sie keine gewöhnliche Warteschleife zu hören. Bei uns liest die Wahrheit ihre Gedichte vor!

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben