Die Wahrheit: Mit letzter Finte

Donnerstag ist Gedichtetag auf der Wahrheit: Heute darf sich die Leserschaft am finalen Poem des verschiedenen Großdichters Grass delektieren.

Bild: Dorthe Landschulz

Warum schweige ich, verweigre so lange,

was seit Jahren in der naturhölzernen Lade,

deren Schub dem Kaschuben in mir stets gefiel,

wie eine Fußnote liegt zum Werk und zum Mann.

Es ist das behauptete Recht der Presse auf den Erstdruck,

der das von einem Großschwätzer besinnungslos geschwafelte

und zum onanierten Gedenken angetretene

deutsche Feuilleton zur Auslöschung verdammen sollte,

weil es in meinem Machtbereich unbefugt die Fuge

eines von mir selbst erstellten Epitaphs nicht mal vermutet.

Doch warum unterschlage ich noch,

jenen denkbarst würdigen Nekrolog rauszupulen

wie einen Aal aus verfaulendem Pferdekopf

oder wie den hohlen Kern aus Häuten der Zwiebel,

die mich, schneidend, Salziges verströmen läßt

wie einzig sonst der Gedanke ans Gesülze,

das sie mir nachlöffeln,

nun, außer Kontrolle, weil meiner Prüfung unzugänglich.

Das allgemeine Beheulen des Tatbestandes,

daß ich von jetzt an nie wieder was sagen muß,

empfinde ich als belastende Lüge,

und es sollte unter Strafe gestellt werden,

daß sie das Mietmaul nicht halten,

daß sie nicht zuwarten,

wie die Demut der Forscher, der Kenner

zu Tage fördert, wozu der dem Tag verpflichteten Zeitung,

ja, auch der geschätzten Zeit die Zeit stets abgeht,

Haus großes Verdikt „Heuchelt nicht!“

obendrein mißachtend.

Dann aber, wenn aus meinem Leib,

der von ureigener Eitelkeit,

die ohne Vergleich ist,

weniger zu leiden hatte als das Publikum,

längst die Kinder der Rättin ein Haus erbaut haben,

wird er scheinen, der allerletzte Grass, wird

noch einmal Blech trommeln

über das, was er war, was er wollte und tat.

Bis dahin sei Ruhe!

Nur so ist allen, den eifrigen Schreibern,

den bräsigen Lesern,

und meinetwegen den Israelis,

und letztlich auch mir zu helfen.

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