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Die Verunsicherung bleibt

Die Milzbrand-Fehlalarme in Thüringen und Schleswig-Holstein offenbaren Mängel im Krisenmanagement, die Hysterie in den Behörden und Nervosität unter Wissenschaftlern

DRESDEN taz ■ Zu den 70 Proben, die sich in einem Erfurter Labor bereits von Trittbrettfahrern stapeln, kann eine weitere aus Rudolstadt hinzugestellt werden. Deutschland hat seit dem Wochenende zwei Milzbrand-Fehlalarme mehr. Es sind die bislang spektakulärsten.

Kurz vor 15 Uhr am Freitag hatte die Deutsche Presse-Agentur aus dem Thüringer Gesundheitsministerium den „dringenden Verdacht“ auf Anthrax-Sporen in einem an das Rudolstädter Arbeitsamt gerichteten Brief gemeldet. Es berief sich dabei auf Testergebnisse aus der Außenstelle des Bundesinstituts für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin in Jena. Der Brief eines angeblichen „Achmeds“ aus Islamabad war mit einer deutschen Briefmarke frankiert. Einer vorsorglich mit Gummihandschuhen hantierenden Poststellen-Mitarbeiterin war bereits am 25. Oktober der tütenförmige Inhalt aufgefallen.

Ebenfalls am Freitagnachmittag kam auch aus Neumünster in Schleswig-Holstein die Nachricht, es gäbe hinsichtlich zweier entdeckter Pakete mit weißem Pulver einen konkreten Verdacht. Bereits am Abend gab das mit der endgültigen Untersuchung beauftragte Berliner Robert-Koch-Institut jedoch Entwarnung. Trotzdem bleibt die Verunsicherung. Rudolstädter Bürger stellten sich am Sonnabend die Frage, warum eine Woche Zeit vom Auffinden des Briefes bis zur Übergabe an das Jenaer Institut am vorigen Donnerstag vergehen konnte. Die Differenz zwischen dem Jenaer und dem Berliner Ergebnis verleitete Passanten zu Spekulationen, man wolle „im Interesse Berliner Politiker“ nur beruhigen und vertusche Ergebnisse.

Reinhard Kurth, Leiter des Robert-Koch-Institutes, hatte den Jenaer Irrtum mit einer verblüffenden Ähnlichkeit alltäglicher Bakterien mit dem Milzbrand-Bazillus begründet. Erst eine genetische Untersuchung könne letzte Klarheit bringen. Thüringens Gesundheitsminister Frank-Michael Pietzsch (CDU) hat inzwischen eine Prüfung der Behördenabstimmung und der Laborauslastung angekündigt. „In Zukunft wird es schneller gehen“, sagte er am Sonnabend in Erfurt. Dann allerdings stellt sich die Frage, warum in beiden Fällen noch vor dem gesicherten Testergebnis die Öffentlichkeit alarmiert wurde.

Nur zwei Stunden nach Bekanntgabe des Verdachts hatte sich in Neumünster der Verteiler der Pakete gestellt. Der selbst ernannte Künstler gedachte, mit der makabren Verteilung von 30 Paketen seinen 30sten Geburtstag zu feiern. Sie enthielten lediglich harmlosen Gips. Ekkehard Klug, parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Fraktion im Kieler Landtag, warf daraufhin der Landesregierung Hysterie vor. Sie dürfe gerade in der aktuellen Situation nicht als „Panikorchester“ fungieren.

Angebliche Kritik des Bundesgesundheitsministeriums an Thüringen und Schleswig-Holstein wurde inzwischen von einer Sprecherin dementiert. Sowohl in Kiel als auch in Erfurt wurde argumentiert, bei einem positiven Testergebnis wäre ein Verschweigen des Verdachtes noch weniger zu rechtfertigen gewesen. Wenn inzwischen schlichter Gips für eine Bio-Terrorwaffe gehalten wird, sagt das vor allem etwas über die Verunsicherung der Bevölkerung und die Nervosität von Behörden und Wissenschaftlern aus.

Zahlreiche Politiker fordern härtere Strafen für Trittbrettfahrer und Klaus Zumwinkel, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Post, kündigte Schadenersatzforderungen an.

MICHAEL BARTSCH

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