: Die Schnitzelwirtschaft ist eine Geisterbahn
In Graz findet das Kunstfestival steirischer herbst statt. Es ist weniger provokativ als in den letzten Jahren, aber psychisch unruhig
Foto: Mathias Voelzke/steirischer herbst
Von Sophie Jung
Schön ist die steiermärkische Stadt Graz, die Genussstadt, wie Google im KI-Modus sofort erklärt. Die Chocolaterien reihen sich hintereinander auf der Flaniermeile der K.u.k.-Zeit, in den mittelalterlichen Gassen läuft das Kürbiskernöl tiefgrün über die Salate der Gastwirtschaften. Barocke Zwiebeltürme, neobarockes Opernhaus. Das wirkt alles so hübsch und entspannt und wohlhabend. Wie kommt es, dass sich die Grazer:innen eine kommunistische Bürgermeisterin samt kostenlosen Nahverkehr in der Altstadt leisten? Seit 2021 bekleidet Elke Kahr von der KPÖ das Amt, wurde vor wenigen Wochen wiedergewählt.
Trotzdem kann man der Schönheit nicht trauen. Allein schon, weil direkt hinter den Grenzen der Stadt, im südostösterreichischen Bundesland Steiermark, der FPÖ-Landeshauptmann Mario Kunasek seit 2024 wieder eine völkische, autoritäre Stimmungsmache betreibt. Und schon vorher lag etwas in der steiermärkischen Luft: Kriegstreiber Wladimir Putin zog es noch 2018 – die Krim war längst annektiert – dorthin, um mit der damaligen FPÖ-gestützten Außenministerin Karin Kneissl einen Hochzeitswalzer zu tanzen.
Etwas spukt also, auch in Graz. Die Plakate des derzeit dort stattfindenden Kunstfestivals steirischer herbst, das interessanterweise sowohl von der kommunistischen Stadtregierung als auch von der FPÖ-Landesregierung gefördert wird, schmuggelten daher jetzt ein gespenstisches Haus ins unbekümmerte Stadtbild. Seine schwarzen Umrisse und leeren Fenster sind in ein grünes Untergangslicht getaucht. Dieses Haus gibt es wirklich, im Stadtteil Gries, wo der Grazer Barock weniger Stuck und mehr Dreck an der Fassade hat und auch mal Arabisch oder Paschto gesprochen wird.
Ekaterina Degot, die aus Russland kommende Intendantin des Festivals, hat dieses Gebäude in dem migrantisch geprägten Gries – die FPÖ wittert hier medienwirksam einen „Bevölkerungsaustausch“ – als Hauptspielstätte ausgewählt. Es war mal eine populäre Schnitzelwirtschaft, stand lange leer.
Für den steirischen herbst 2026 ist die Schnitzelwirtschaft zu einer Art künstlerischen Geisterbahn geworden. In einer kleinen Kammer unter dem Dach läuft Maya Derens Experimentalfilmklassiker „Meshes of the Afternoon“ von 1943 im Loop. Immer wieder verliert die 1917 im russischen Kaiserreich geborene und später in Los Angeles lebende Deren in der surrealistischen Erzählung auf den knisternden Schwarz-Weiß-Aufnahmen ihren Schlüssel, findet die Haustür nicht mehr, verirrt sich auf Treppenstufen, hat plötzlich ein Messer in der Hand, wird selbst bei den simpelsten Gewissheiten unsicher, als zöge da jemand anderes die Strippen.
Wahnhaft wird der ukrainische Künstler Nikolay Karabinovych. Er schlüpft in die Rolle eines Detektivs, zeigt sein fiktives verlassenes Büro, Musikfolterkammer inklusive. Manisch hat Detektiv Karabinovych Artefakte aus der UdSSR und frühen Ex-UdSSR zusammengesammelt: Zeitungsausschnitte, Modefotografien, Kuckucksuhren. Er sieht in dem 1995 ermordeten russischen Fernsehjournalisten Wladislaw Listjew eine Reinkarnation Walter Benjamins und zieht Verbindungen zur Heirat des Turbofolk-Stars Ceca mit dem serbischen Milizenführer Arkan. In seiner irren Assemblage wird alles zum Indiz für die mafiösen Verschränkungen von Wirtschaft, Politik, Pop und Porno im heutigen Russland, auch Putins Hochzeitstanz mit Kneissl in der Steiermark kommt vor.
Dagegen ist das stete Fiepen aus großen Soundboxen in der Rauminstallation „The Quaking and the Shaking of Our Previous Making“ der Britin Heather Phillipson im ersten Stockwerk harmlos. Hier ist die Party vorbei, die Lichtorgel kreist ins Leere, Blumen welken an der dicht mit Deko behangenen Decke in Plastiktüten vor sich hin. Stattdessen ist ein großer Brotlaib in der Mitte des Raumes aufgebahrt. Was wird mit der Brotmumie betrauert? Eine linksautononme Szene, die es nicht mehr gibt, die Hausbesetzungen und ihre illegalen Partys, die nicht mehr stattfinden, weil es alles weggentrifiziert, wegkontrolliert und wegfinanzialisiert ist. Man fragt sich dann tatsächlich wehmütig, wo dieses gemeinschaftliche Aufbegehren im Untergrund geblieben ist, das auch so wichtig ist, damit es auf der gesellschaftlichen Oberfläche gut funktioniert.
Foto: Mathias Voelzke/steirischer herbst
Unter Degots Intendanz konnten die Ausstellungen des steirischen herbsts immer auch ein wenig wehtun: Vor zwei Jahren demontierte sie mit einer Schau in der traditionsreichen Grazer Neuen Galerie den Begriff der „Heimat“, vor vier Jahren ließ sie die Künstlerin Zhanna Kadyrova Trümmerteile aus dem ukrainischen Kriegsgebiet nach Graz holen. Den Krisen an den Nerv gehen, sie zeigen, provozieren, war die Haltung. Dieses Jahr ist es anders, äußerlich ruhiger, psychisch aber unruhig.
Was passiert, wenn die Ängste, die Warnsignale, die man allzu oft individuell vernimmt, keinen öffentlichen Ausgang finden? „Red Flags“ ist das Festival dieses Jahr betitelt, gemeint sind ebensolche Warnsignale, die „Red Flags“. Ekaterina Degot und ihr Team wählten dafür eine Kunst, die aufs szenische Erzählen setzt, persönliche Gedanken und Paranoia als gesellschaftliches Stimmungsbild erfasst. Und sie verlangen dafür eine Öffentlichkeit. Das funktioniert, vor allem in dieser schönen Stadt mit ihren schönen Fassaden.
„Red Flags“. steirischer herbst ’26, Graz (Österreich), bis 18. Oktober; Ausstellung bis 15. November.
Die Recherchen wurden vom Festival unterstützt.
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