: Die Risiken der Abwertung
Berlin (taz) – Frauen dürfen über ihr Alter lügen und Regierungen über bevorstehende Abwertungen. Das sind die Binsenweisheiten der Finanzwelt. Wenn eine Währung abgewertet wird, verliert jeder, der in ihrem Besitz ist, Geld. Wenn Abwertung droht, versucht also jeder noch rechtzeitig aus dieser Währung zu flüchten – die Abwertung wird damit Realität. Daher hat die russische Regierung bis unmittelbar vor der Abwertung des Rubels am Montag behauptet, an so etwas nicht im Traum zu denken. Hätte sie schon früher von Abwertung gesprochen, dann wäre der Wechselkurs des Rubels vermutlich völlig außer Kontrolle geraten.
Lange hätte sich die Zentralbank nicht mehr gegen den Abwertungsdruck stemmen können. Viele Russen und insbesondere russische Banken hatten versucht, Rubel in Dollar zu tauschen, so daß die Devisenreserven des Staates dahinschwanden. Nun hat die russische Führung versucht, mit der Erweiterung der Schwankungsbandbreite für den Rubelkurs eine Lösung zu finden, den Rubel abzuwerten und trotzdem die Lage im Griff zu behalten.
Ein Risiko bleibt dieser Schritt trotzdem. Nach den vielen Versprechungen, den Rubel stabil zu halten, erscheint die Entscheidung vom Montag als Wortbruch. „Es ist nicht so sehr die Glaubwürdigkeit der Währung“, beschreibt der US-Wirtschaftswissenschaftler Peter Kenan das Problem. „Es ist vielmehr die Glaubwürdigkeit der Reformer.“
Regierungen, die auf eine kontrollierte Abwertung ihrer Währung setzen, begeben sich auch ökonomisch in Gefahr. Zwar ist die Abwertung für die großen Exportfirmen von Vorteil, weil sie mehr Rubel für ihre eingenommenen Dollar bekommen. Aber wenn Investoren den Stabilitätsversprechen der Regierung keine Glaubwürdigkeit mehr schenken, stoßen sie die Währung einfach ab, um kein weiteres Risiko einzugehen. Die einsetzende Kapitalflucht aber könnte die Regierung nur durch die Heraufsetzung der Zinsen bremsen. Hohe Zinsen wiederum lähmen nicht nur die Investitionstätigkeit, sie machen auch den verschuldeten Unternehmen und Banken den Garaus. lieb
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