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Die Regierung an ihrem Esstisch

Ihr Mann löste als Ministerpräsident Olof Palme ab. Sie versorgte derweil den Hof in Nordschweden. Dort lebt Solveig Fälldin bis heute, engagiert sich politisch und schwelgt nur manchmal in Erinnerungen

Foto: Anne Diekhoff

Aus Ramvik Anne Diekhoff

Bei Solveig Fälldin gibt es löslichen Kaffee. „Das war schon immer so“, sagt sie, als sie den Wasserkocher zum Tisch holt. Kleine, feine Tassen stehen bereit und ein Korb mit selbst gebackenen Kardamomschnecken. Die Katze kommt und bedient sich aus ihrem Napf am alten Holzfeuerherd, der längst ersetzt und trotzdem noch da ist.

Wie viele Politiker und Journalisten sie im Laufe ihres Lebens hier empfangen hat, kann Solveig Fälldin nicht sagen. Es waren viele.

Als sie und ihr Mann 1956 auf diesen kleinen, damals verfallenen Hof zogen, war das noch nicht abzusehen. Doch zwei Jahre später ging es los. Thorbjörn Fälldin holte überraschend ein zusätzliches Reichstagsmandat für die Zentrumspartei.

Das Haus war noch längst nicht fertig renoviert, die Tochter Eva gerade erst zwei Jahre alt. Vom kleinen Ramvik sind es 500 Kilometer bis nach Stockholm. Mit ihrem Mann in die Hauptstadt ziehen? Nein. „Da hätte ich doch nur gesessen und mit dem Essen auf ihn gewartet“, sagt sie.

Aus ihr wurde eine eigenständige Frau. Und aus ihrer Küche mit der Zeit ein berühmter Ort. Der ganz große Tisch von früher, er steht heute zusammengeklappt hinter der alten Küchenbank. „Den hatten wir, solange wir hier viele waren“, erzählt die Gastgeberin, „und Thorbjörn hatte immer einen Teil besetzt mit seinen Arbeitsunterlagen.“ Platz ist auch am neuen, kleineren Tisch noch. Für die Kinder, Enkel oder Urenkel, wenn sie vorbeikommen, aber auch für andere Gäste. Der letzte Besuch eines Zentrumsparteichefs ist zwei Jahre her.

Thorbjörn Fälldin, der Kleinbauer aus dem Norden, hatte seine Sache gut gemacht in Stockholm. So gut, dass er 1976 Ministerpräsident wurde, der erste von der Zentrumspartei. Er löste Olof Palme ab und beendete damit das 40-jährige Regierungsabo der Sozialdemokraten.

Fast ein halbes Jahrhundert danach scheint in Ramvik die tief stehende Sonne in die Küche, auf alte Einbauschränke, Dielenboden und Tisch. Die Stühle, rot wie die Schränke, hat Solveig Fälldins Großvater gebaut. „Sie sind so schön leicht“, schwärmt sie, „Espenholz.“

Eine Spülmaschine ist nicht zu sehen. Die habe 1985 den Geist aufgegeben, sagt Solveig Fälldin, und da waren die Kinder aus dem Haus. Für zwei Leute hätten sie doch keine gebraucht.

Auch Ikea findet in diesem Haus nicht statt. Das Thema kommt zur Sprache, als Fälldin vom alten Ramvik erzählt, dem Zentrum einer eigenständigen Kommune. Sägewerke, eine Papierfabrik und 4.000 Einwohner, Geschäfte für alles, was man brauchen könnte, Gesundheitsversorgung, Post und Polizei. Doch die Zeiten änderten sich, wie überall. Irgendwann hatte jeder ein Auto. Die Sägewerke schlossen und nach und nach die Geschäfte. 1969 wurden Ramvik und die umliegenden Dörfer eingemeindet in die Stadt Härnösand. In dem Gebiet der alten Kommune lebt heute nur noch ein Bruchteil der früheren Bevölkerung. Einen kleinen Laden gibt es immerhin wieder, mit Caféecke, in der sich morgens Rentner treffen.

Inzwischen, stellt Solveig Fälldin fest, führen die Leute zum Einkaufen gleich 60 Kilometer bis nach Birsta, ins große Gewerbegebiet, mit Ikea und allem. Dass Menschen das freiwillig tun und sogar sonntags, dass Shoppen als Vergnügen gilt, betrachtet sie mit Skepsis.

„Sie sehen wohl keine andere Möglichkeit mehr, etwas zu unternehmen“, überlegt sie. „Sie haben nicht gelernt, einfach in den Wald zu gehen oder überhaupt sich selbst zu beschäftigen.“ Ikea-Ausflüge als Unterhaltungsprogramm, und dabei noch Geld für überflüssige Dinge ausgeben: Das ist also nichts für sie.

Eine Uhr tickt und schlägt zur vollen Stunde. Sie schlägt mehrmals an diesem Nachmittag, die Zeit vergeht schnell im Gespräch mit Solveig Fälldin.

Ihr aktuelles Strickprojekt trägt sie weiterhin in einem Atomkraft? Nej tack-Beutel zur Handarbeitsgruppe

Sie wirkt ein bisschen erstaunt, oder es ist nur gebotene schwedische Bescheidenheit, als sie hört, dass die Leute im Dorf sie auf eine besondere Weise wahrzunehmen scheinen. „Da ist Solveig Fälldin“, das hört man oft jemanden sagen, wenn sie auftaucht. Bei einem der insgesamt spärlich besuchten Gottesdienste, oder wenn sie beim Flohmarkt im Haus des Volkes an der Kasse sitzt. Oder bei der Midsommar-Feier am Heimatmuseum, wo sie als eine von wenigen in schwedischer Tracht erscheint – und wahrscheinlich als einzige 90-Jährige ohne Gehstock oder Rollator. Die Leute registrieren, dass sie da ist. „Wie seltsam“, sagt Fälldin. „Es ist doch so lange her.“

Lange her ist aber nur die Zeit, in der sie dann auch selbst häufig nach Stockholm musste. „Na ja, Nobelpreisverleihung, Parlamentseröffnung, Staatsbesuche und solche Sachen“, da war sie als Gattin des Ministerpräsidenten gefragt. An ein Abendessen mit Helmut und Hannelore Schmidt in „West-Deutschland“ erinnert sie sich gern, und an Staatsbesuche bei den nordischen Nachbarn.

Zum Glück sei die Kleiderordnung damals noch nicht so exaltiert gewesen – Hauptsache, ordentlich angezogen. Sie habe alles Nötige in Härnösand eingekauft.

Auch in China und Kenia war Solveig Fälldin zu offiziellen Besuchen. Nichts davon änderte etwas daran, dass sie hier zu Hause war und hierher zurückwollte, in diese Landschaft geprägt von Wald, Feldern und dem großen Fluss, der in der Nähe in den Bottnischen Meerbusen mündet. In dieses Dorf, wo die typische Klientel der Sozialdemokraten und die der Zentrumspartei seit ungefähr 100 Jahren eine ziemlich geteilte Gemeinschaft bilden.

Auf den Aufstieg Thorbjörn Fälldins waren sie aber alle stolz. Hört man sich um unter den etwas Älteren, erfährt man, dass er zu den Stammzuschauern des Fußballvereins gehörte. Da habe er gestanden und seine lustige Pfeife geraucht, erinnert sich einer, der jahrzehntelang für Ramviks IF im Tor stand. Sehr nette Leute, die Fälldins, sagt er. Durch und durch anständig.

Die 90-jährige Solveig Fälldin vor ihrem Zuhause in Ramvik Foto: Anne Diekhoff

Im örtlichen Automuseum hängen Zeitungsartikel von damals gerahmt an der Wand: „Einfacher Bauer wird Staatsminister.“ Das prägt immer noch, auch den Blick auf seine Frau. Aber es ist nicht alles. Sie war es schließlich, die hier blieb, die Verantwortung für den Hof übernahm und sich in vielen Vereinen engagierte.

„Was du alles entscheiden darfst!“, habe ihre Mutter einmal bewundernd festgestellt. Eine starke Frau, sagt die jetzt 90-jährige Tochter, aber aus einer Zeit, in der der Mann alles bestimmte. Offiziell war das in den 1950er Jahren ja nicht viel anders. Aber Solveig und Thorbjörn hatten es offenbar raus, das Leben auf Augenhöhe miteinander zu teilen.

Der Hof war ihr gemeinsamer Traum gewesen. Auch er wollte ihn nicht für Stockholm aufgeben, er war seine Sicherheit. Fünf Hektar Kartoffelland. Ein Stall für die Schafe, die sie lieber halten wollten als Kühe, weil sie weniger Arbeit machten. Die kleine Landwirtschaft sollte sie versorgen können, aber genug Zeit lassen, denn sie hatten ja noch mehr zu tun.

Es war nicht nur ihm wichtig, Politik zu machen. „Es ist ja nicht einfach, mit einem Ministerpräsidenten verheiratet zu sein, das darf man wohl sagen. Man muss auch selbst interessiert sein.“ Solveig Fälldin ist bis heute politisch aktiv, bei den Zentrumsfrauen und im Kreisverband der Partei. „Je älter man wird, desto weniger schafft man natürlich mitzumachen“, sagt sie. Aber zum Beispiel beim Kampf für den Erhalt des Krankenhauses im 50 Kilometer entfernten Sollefteå, der hier seit Jahren schon parteiübergreifend läuft: Da ist sie dabei.

Die zentralen Institutionen und damit das Leben auf dem Land zu stärken, das ist ein klassisches Thema der Zentrumspartei, da dachten sie und ihr Mann gleich. „Und wenn wir mal in einer Sache unterschiedlicher Meinung waren, diskutierten wir, bis es ein Einsehen gab.“

Esstisch der Familie Fälldin – und Arbeitsplatz des Regierungschefs Foto: Per Kagrell/TT/imago

Thorbjörn Fälldin war von 1976 bis 1978 schwedischer Ministerpräsident, und dann noch mal von 1979 bis 1982. Seine erste Koalition zerbrach an der Atomkraft-Frage. Er war ein entschiedener Gegner. Und während die schwedische Regierung 2025 Atomkraft als Lösung aller Probleme preist, trägt Solveig Fälldin ihr aktuelles Strickprojekt – ein Jäckchen für das jüngste Urenkelkind – weiterhin in einem „Atomkraft? Nej tack“-Beutel zur Handarbeitsgruppe.

Die anderen Frauen dort seien übrigens aktive Sozialdemokratinnen. „Privat sind die ja alle sehr nett.“

Sie ist auch in dieser Gruppe die Älteste, wie inzwischen fast überall. Ihre Tage beginnen langsamer als früher, aber sie tut, was sie kann: Morgens 20 Minuten Fernsehgymnastik, später ein Spaziergang um die Felder. Am Haus ihrer Tochter vorbei und zurück zum Hof, wo einer ihrer beiden Söhne mit seiner Frau direkter Nachbar ist. Er hat nachgemessen: 1,6 Kilometer geht seine Mutter auf ihrer täglichen Runde.

Thorbjörn Fälldin am selben Ort, 1973 Foto: Olle Lindeborg/TT/imago

Seit neun Jahren lebt Solveig Fälldin nun ohne ihren Mann. Thorbjörn Fälldin starb 2016, im Alter von 90 Jahren. „Ich vermisse ihn jeden Tag“, sagt sie. Die Gespräche über alles, das gemeinsame Fernsehen, vor allem politische Sendungen und Sport. Die Leichtathletik-WM in Tokio wäre ihr gemeinsames Vergnügen gewesen. Jetzt guckt sie allein.

Sein letztes Jahr war schwer, erzählt sie. Er wurde krank, und zuletzt konnte er kaum noch sehen. „Da hab ich die Kreuzworträtsel-Fragen vorgelesen.“ Er selbst hat es mal so gesagt: Wer lange leben will, werde nun einmal alt.

Inzwischen ist Solveig Fälldin selbst 90. Nach so viel Leben hat sie unendlich viele Erinnerungen zur Auswahl, mit denen sie sich beschäftigen kann. Eigentlich mache sie das aber nur, wenn jemand danach fragt, sagt sie.

Dann fällt ihr etwas ein. Die Märzabende, wenn draußen noch viel Schnee liegt, aber Luft und Himmel sich schon verändert haben, Frühling voraus. An einem solchen Abend hinüberzugehen zum Stall, um nachzusehen, ob neue Lämmer dazugekommen sind – wie herrlich das war.

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