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Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan und der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel trafen sich in Berlin zu einem Gespräch über die Situation in der Ukraine
Von Katja Kollmann
Fest umarmt Serhij Zhadan seinen langjährigen Freund Karl Schlögel. Drei Jahre lang war der ukrainische Schriftsteller nicht mehr in Deutschland. Als Angehöriger der ukrainischen Armee hat er eine Woche Fronturlaub bekommen und sitzt nun in der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz. Anlässlich des vierten Jahrestages des Überfalls der Russlands auf die Ukraine hat die Bundeszentrale für politische Bildung eingeladen zum Gespräch.
Gemeinsam beschreiben Serhij Zhadan und Karl Schlögel die Lebensbedingungen im ostukrainischen Charkiw. Die Frontlinie liegt 20 Kilometer nordöstlich der Millionenstadt. „In den Außenbezirken siehst du die Front“, sagt Zhadan. „Ich habe dort lange gewohnt. Das Haus, in dem meine Wohnung war, ist nicht mehr da. Total zerstört.“ Zhadan ist fassungslos, dann erzählt er von den Lebensbedingungen in der Stadt. Die Menschen ertrotzen sich einen Alltag mit Buchläden.
Der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel kennt Charkiw sehr gut. Vor zwei Jahren hat er mit knapp achtzig Jahren die kriegszerstörte Stadt das letzte Mal besucht. Er ist beeindruckt: „Der Zug aus Kyjiw kam auf die Minute pünktlich an.“ Dann nimmt er einen mit in die Straßen der Stadt, schwärmt von ihrer Architektur. Er konstatiert: „Früher ging ich als Flaneur durch die Stadt, jetzt als Berichterstatter.“
Schlögel erzählt von einer Stadt, die bis zu zum 24. Februar 2022 im „Take-off“-Modus war und in der sich jetzt, bedingt durch die Extremsituation einer Stadt in Frontnähe, zwei Zeitmodi gegenseitig bedingen: die sich überschlagende und die bleierne Zeit.
Dröhnende Drohnen, surrende Generatoren
Zhadan und Schlögel beschreiben, wie der Krieg den Klangteppich der Stadt massiv verändert hat. Neben den Einschlägen und dem Dröhnen der Drohnen ist vor allem das Surren der allgegenwärtigen Generatoren an jeder Ecke der Stadt zu hören. So werden Infrastruktur und EinwohnerInnen am Leben erhalten. Zhadan erläutert, dass sich in der Ukraine ein neuer Begriff herausgebildet habe, um die Situation der Bevölkerung im vierten Kriegswinter zu beschreiben: „Cholodomor“, abgeleitet von dem ukrainischen Wort für Kälte und mit einer direkten Referenz zum Begriff „Holodomor“, der Hungersnot Anfang der 1930er Jahre.
Zhadan erklärt, wie Russland „Planquadrat für Planquadrat“ in der Ukraine die in der Zeit der UdSSR geschaffene Infrastruktur zerstöre, weil man genau wisse, wie sie aufgebaut sei. Er blickt in die Zukunft und sieht ein freies Land mit unabhängiger, neu aufgebauter Infrastruktur und einer Explosion an Kreativität.
Karl Schlögel bewundere an den Menschen dort ihre Resilienz und fragt sich laut, wie wir mit so einer Situation wohl umgehen würden. „Wahrscheinlich würden wir in Panik verfallen“, kommentiert er trocken und betont gleichzeitig, dass wir damit rechnen müssten, angegriffen zu werden.
„Schauen Sie russisches Fernsehen“, rät er dem Publikum. „Dort überlegt man jeden Tag, ob Berlin oder London als nächstes bombardiert werden soll.“ Zhadan kehrt zurück in ein Land im Krieg, zu Radio „Khartia“, dem ersten Radiosender der ukrainischen Armee, den er 2024 mitbegründet hat.
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