Die Malerin Berthe Morisot

Sie träumte nicht, sie malte

Sie war ein Publikumsliebling und von Kollegen geschätzt: Die Malerin Berthe Morisot. Das Musée d’Orsay in Paris widmet ihr eine große Ausstellung.

Blick in einen Ausstellungsraum, auf einem Gemälde spielt ein Mädchen Klavier.

Blick in der Ausstellung mit dem Bild eines klavierspielenden Mädchens. Foto: Patrice Schmidt/Musée D'Orsay

Als Édouard Manet im Louvre einer 27-Jährigen vorgestellt wurde, war dies der Beginn einer lebenslangen Freundschaft. Sie hatte Glück, denn der eher berüchtigte als wirklich berühmte Manet, neun Jahre älter, war schon verheiratet. Sie, Berthe Morisot, schnappte sich dessen jüngeren Bruder Eugène, der die für das 19. Jahr­hundert verblüffende Entscheidung traf, sie als Malerin zu unterstützen; heute würde man sagen zu managen.

Sie behielt ihren Namen, der jetzt – ohne weiteres Stichwort – Titel einer umfangreichen Ausstellung im Musée d’Orsay ist, mit 173 Ölgemälden, einigen Pastellen und einer einzige Vitrine mit aufgeklappten Notizbüchern. Für die vielen privaten Sammler, die ein oder zwei Ölgemälde von ihr besitzen, ist Morisot gewiss schon lange ein household name. Jetzt kommen die Gemälde aus aller Welt einmal zusammen. So wirft diese Retro­spektive – auch wenn sie nicht so genannt wird – vielfältiges Licht in allerlei Nischen und fügt die leuch­tenden Werke, die gar nicht gealtert zu sein scheinen, zu einem Gesamtbild, dem man sich kaum entziehen kann.

Tatsächlich hat sie die Karriere gemacht, von der ihr Schwager Édouard Manet geträumt hatte, der sich selbst nicht für einen Rebellen hielt und von den Schmähungen seiner Malerei, die sich nicht an die Regeln halte und zudem unfertig sei, nie so ganz erholte.

Morisot nämlich bekannte sich mit Mitte dreißig zu den Impressionisten, deren Techniken sie exemplarisch durcharbeitete. Sie war ein Publikumsliebling, von der Kritik selten gepiekst, und ein artists’ artist noch dazu: Manet, Degas, Monet und Rouart besaßen Werke von ihr. Ihre Bilder von der Mitte eines Saals her betrachtet, wirken wie Schulbeispiele, heiter, sinnlich, hell und ein bisschen harmlos. Das Musée d’Orsay aber hat hinter die Bilder keine Alarmanlagen gebaut, so dass man sie fast streicheln kann. Viele sind nicht einmal verglast. Aus der Nähe erkennt man die Bildlogik, die immanent ist.

An Langweiler verheiratet

Berthe Morisot machte keinen Unterschied zwischen Haus und Atelier; wenn Gäste kamen, verschwanden die Malutensilien hinter einem Paravent. Sie malte die Amme, wie sie dem Kind die Brust gibt; Mutter und Töchter beim Schmetterlinge kaschen; die junge Frau vor dem Spiegel beim Auftragen von Puder; und ihr eigenes Kind, Julie, mit seiner Puppe und mit dem Hund. Während die Männer von Paris Geschäfte machten, zu Gericht saßen, sich in Akademien aufplusterten, Kriege verloren und sich in Hinterstuben vergnügten, wurden Frauen – sofern sie als gute Partie galten – an Langweiler verheiratet, die sie mitnahmen auf ihre Posten in der Provinz.

So widerfuhr es Berthes Schwester Edma, die auch Ambitionen gehabt hatte, Malerin zu werden. Sie und ihre Kinder wurden Berthes wichtigste Modelle. Auf schönste Weise waren Frauen wie Edma dabei, sich die Zeit zu vertreiben, sich fortzubilden, aus dem Fenster zu schauen und auf den Abend zu warten, wenn der Patriarch zum Dinner kam, das sie selbst nicht kochen mussten.

Während Flaubert die erzwungene Träumerei der weiblichen Bourgeoisie als Desaster beschrieben hatte – Morisot war sechzehn, als „Emma Bovary“ erschien –, drehte sie den Spieß um: Sie träumte nicht, sie malte. Nicht für einen Moment erlaubte sie den anderen, daran zu zweifeln, dass sie ein Profi war.

Morisot verdichtete die Welt aus Rüschen, Blüten und Mustern bis an die Grenze des Erträglichen, im vollen Bewusstsein, dass die Ära des Müßiggangs endlich sein würde. In seiner Monografie zu Berthe Morisot (erschienen 2016, auf Englisch 2018) hatte sich Jean-Dominique Rey weit vorgewagt: „Schon im Konzept des Impressionismus liegt etwas Weibliches, in dessen Lust am flüchtigen Moment, im Vorrang von Eindrücken gegenüber der Wahrnehmung.“

Warten auf eine neue Zeit

In Reproduktionen sieht man das nicht. In der Distanz beginnt man, es zu ahnen. Rückt man aber ran an die Bilder und den Figuren auf die Haut, verschwindet die Blumigkeit des Milieus; der Schauplatz der Weiblichkeit erscheint plötzlich umkämpft. Sehr wohl hadert Morisot mit Fragen der Wahrnehmung: Sehe ich Häuser oder Miniaturen; ein Ding im Fenster oder die Farbe von Glas; Leinen auf der Wäscheleine oder Leinwände „en plein air“? Hier skribbelt sie sich durch die Details, dort lässt sie die Zügel schießen.

Berthe Morisot, bis zum 22. September, Musée d’Orsay, Paris. Katalog (Flammarion), 39,90 Euro

In der Kontemplation des Schönen liegt eine Botschaft verborgen: In Wirklichkeit wartet die bürgerliche Frau nicht auf das Abendessen, sondern auf den Beginn einer neuen Zeit.

Gelegentlich baut die Malerin regelrechte Bildfehler ein – gemessen an akademischen Standards –, wenn der Magd „Im Esszimmer“ (1880) ihre ordnende Hand aus dem abgewandten Gesicht wächst; oder wenn Julies goldenem Schopf im Garten ein gigantischer Turban in Grün und Rosa aufgepflanzt wird („Monsieur Manet et sa fille dans le jardin à Bougival“, 1883). Schon den Zeitgenossen war aufgefallen, dass Morisot Skizzenhaftes stehen ließ; so hat Julie im Puppenbild drei Füße. Was sie nicht gesehen haben können, war, dass die Malerin sich in jedem zweiten Ölbild Kommentarflächen reservierte, in denen sie an der Auflösung der Vorstellung eines Gegenstands laborierte.

Während die Breite und die Tiefe des malerischen Werks überrascht, war der Name Berthe Morisots in der Geschichte der Malerei immer präsent geblieben: Sie ist die hagere, unerreichbare Frau mit den schweren schwarzen Augenbrauen auf dem grünen „Balkon“-Bild von Édouard Manet. Dieses Gemälde ist auch im Besitz des Musée d’Orsay, aber die Kuratoren waren so klug, Manets Modell hier nicht als konkurrierendes Narrativ einzuführen. Die ausladende Ausstellung führt so in die erhellende, ans Fantastische grenzende Betrachtung über das Schicksal, ein Leben in Fesseln zu verbringen, die man nicht sieht.

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