: Die ARD und die Hallenser Eierwürfe
Berlin (taz) — Nachdem längst das Eigelb vom teuren Anzug des Bundeskanzlers weggerubbelt worden ist, hat die deutsche Seele immer noch keinen Frieden gefunden. Schwer lastet die Frage: Wer waren die Frevler? Schon zwei Tage nach dem „Attentat“ spießte 'Bild am Sonntag‘ mit einem Pfeil ein Gesicht aus einem Meer von Köpfen. Schlagzeile: „Fotos entlarven Juso-Chef von Halle.“ Nun folgte auch das Erste Deutsche Fernsehen dem JournalistInnen-Ethos von der Pflicht zur Wahrheit. In der Tagesschau vom Montag abend präsentierte es stolz einen der vermeintlichen Eierwerfer. Eingekreist im vergrößerten Standbild Matthias Schipke, stellvertretender Juso-Chef aus Halle. Zweite Einstellung: Derselbe am Boden liegend, unter einem Polizistenstiefel.
Matthias Schipke werden alle gegenteiligen Beteuerungen jetzt nichts mehr nützen, denn das ARD-Archivmaterial suggeriert: Der war unter den Übeltätern. Sachsen-Anhalts SPD hat gegen den Jungsozialisten bereits ein Parteiverfahren beantragt, an dessen Ende dessen Ausschluß stehen kann. Zwar hat der Bundeskanzler verkündet, er werde auf eine Strafanzeige verzichten. Aber laut § 232,1 des Strafgesetzbuches kann vorsätzliche Körperverletzung auch ohne Antrag des Opfers von der Staatsanwaltschaft verfolgt werden, wenn sie „wegen des besonderen öffentlichen Interesses an der Strafverfolgung ein Einschreiten von Amts wegen für geboten hält“. Offensichtlich will der Kanzler diesen lächerlichen Zwischenfall nicht weiter aufblasen. Daher ist es eher unwahrscheinlich, daß der Justizminister von Sachsen-Anhalt seiner Staatsanwaltschaft eine solche Weisung gibt. Aber es ist möglich. Der ARD-Film wäre dann bestes Belastungsmaterial gegen Schipke. Und es gibt keinen Grund, warum das wahrheitsliebende Erste Deutsche Fernsehen, nachdem es der CDU solchermaßen Satisfaktion verschafft hat, der Staatsanwaltschaft diese Amtshilfe verweigern sollte.
Egal wie die Geschichte weitergeht stellt sich aber die Frage: Was ist journalistische Wahrheit — wem soll sie nützen? uhe/sr
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