Wohnwagen auf Parkplatz

Abgesagt: Vorbereitungen auf die Caravan-Messe im hessischen Wächtersbach Foto: Bernd Hartung

Deutschland in der Corona-Krise:Ein Land bremst ab

Am Dienstag spielen in Bremen die Theater. Am Mittwoch spielen in Wächtersbach die Kita-Kinder. Dann ändert sich dieses Land grundlegend.

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15.3.2020, 18:23 UHR

Eine junge Frau zieht den Kragen ihrer geöffneten Jacke vor ihr Gesicht und hustet hinein. Gemeinsam mit den zwei anderen Frauen auf dem Vierersitz scherzt sie darüber, was sie in Quarantäne machen würden. Sie sprechen darüber, als sei es abwegig. Es ist erst sieben Uhr morgens, die S-Bahn ist voll. Auf der anderen Seite des Zugfensters drückt sich die Sonne gerade durch das flächendeckende Grau. In den Fenstern von Plattenbauten reflektiert sich das Sonnenlicht auf das Rote Rathaus. Die hustende Frau schaut aus dem Fenster hinaus und gähnt in ihre Hand.

An der nächsten Station steigt eine ältere Frau ein. Als sich die Türen schließen, schaut sie verunsichert zur glatten Metallstange. Sie versucht ihren Mantelärmel schützend über die Hand zu ziehen. Er ist zu kurz. Als sich die Bahn dann in Bewegung setzt, stützt sie sich mit dem Ellenbogen gegen die Stange. Im ganzen Abteil üben sich Menschen mit verschränkten Armen oder den Händen in den Taschen im Balancieren, anstatt sich festzuhalten. Selbst in Berlin, der Stadt der vielen parallelen Alltäglichkeiten, in der Rücksicht kleingeschrieben wird und das Handeln anderer im Zweifel jede:m egal ist, ändert sich etwas.

Vor sechs Wochen erreichten Deutschland die ersten Videos aus Wuhan. Die Reaktionen waren für die meisten überschaubar. Dann kamen die ersten Infizierten in Süddeutschland. Diese Meldung löste die Hamsterkäufe von Nudeln, Toilettenpapier und H-Milch aus. Desinfektionsmittel war schnell vergriffen und wurde mitunter aus Krankenhäusern gestohlen. Die Grenze zwischen Komik und Tragik verlief in den vergangenen Wochen entlang der menschlichen Abgründe.

Nun ist das Coronavirus in Deutschland angekommen.

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts kann sich die Fallzahl innerhalb einer Woche verdoppeln, wenn sich die Menschen den Empfehlungen widersetzen. Doch wie sieht der entscheidende Beitrag aus? Wie verändert sich das Leben in Deutschland in einer Woche?

Bremen am Dienstag: Alles fast normal

In Bremen erst mal gar nicht. Das Viertel ist an diesem Dienstag trotz Nieselregen belebt. Jenny Addens unterhält sich in einem der Cafés am Steintor über zwei Tische hinweg mit ihren Gästen. Sie reden über Corona, der derzeit größte gemeinsame Nenner der Gesprächsthemen. Die blonde Frau mit Pudelmütze steht auf, rückt sich das Kellnerportemonnaie am Gürtel zurecht und geht zurück an die Arbeit. Dabei habe sich bisher fast nichts verändert, sagt sie. Die Gäste kämen weiterhin. „Es gibt jetzt Anweisungen, wie man sich verhalten soll: Hände waschen, in die Armbeuge niesen. Das sind Dinge, die man halt eh in der Gastro macht“, sagt Addens und lässt ihren Blick nach oben schweifen.

Zwar steht ihr Urlaub auf Kippe: Sie wollte nächste Woche ausgerechnet über Düsseldorf „ins Warme“ fliegen. Und auch das Tätowieren, was sie nebenbei betreibt, sei schwierig geworden, denn Desinfektionsmittel ist Mangelware. Bedrohlich findet sie Sars-CoV-2 dennoch nicht. Eine Freundin sei die Krankenschwester, die den ersten Coronafall in Bremen behandelt habe. Und selbst die sei gesund geblieben. „Insgesamt gibt es hier ja auch erst vier Fälle oder so“, sagt Addens und winkt ab.

Die Zahl bestätigt das Klinikum Bremen-Mitte. Hier gibt es eine Corona-Ambulanz, in der täglich 200 Personen getestet werden können. Nach Angaben der Klinik sei die Ambulanz „gut ausgelastet, aber alles ist ruhig und geordnet“. Vor Ort bleibt die Tür geschlossen. Nur die laminierten Hinweisschilder und drei Mundschutzmasken im Mülleimer deuten darauf hin, dass hier etwas ungewöhnlich ist.

In der Innenstadt flanieren Menschen über die Einkaufsstraße, durch Passagen, über den Markt. Das Theater wird weiter bespielt, heute startet das türkische Festival „Kültürale“. Solange „der Schwarm“ keine Schließung fordert, wolle man weitermachen wie zuvor, sagt die freundlich-heitere Stimme aus der Pressestelle des Theaters. Aber am Mittwoch gibt das Bremer Theater bekannt, alle Veranstaltungen bis Ende März abzusagen.

Corona entspannt den Terminkalender, erlaubt Homeoffice, die Absage der Abendpläne übernehmen zunehmend die Kultureinrichtungen. Es entschleunigt den Alltag. Wer jedoch auf Veranstaltungshonorare oder den Stundenlohn an der Clubgarderobe angewiesen ist, steht vor finanziellen Schwierigkeiten, deren Ausmaß noch niemand recht einschätzen kann.

Donnerstag in Wächtersbach: Das Virus kommt noch

Donnerstagmorgen in Fulda steigen zwei junge Frauen in den Regionalzug Richtung Frankfurt am Main. Sie kommen von der Hochschule, wo sie gerade Hausarbeiten eingereicht haben. Ihr Alltag läuft normal weiter, trotz der allgegenwärtigen Gefahr, sich mit Sars-CoV-2 zu infizieren. „Vielleicht sehen wir es auch wegen unserem Studienfach entspannter“, sagt eine der beiden und lacht. Sie studieren Internationale Gesundheitswissenschaften. Studentin Paula F. sagt: „Ich selber habe gar keine Angst. Ich bin fit und vielleicht würde ich es gar nicht merken. Wenn, dann bin ich wegen der Älteren besorgt“, sagt sie und zuckt mit der linken Schulter.

zwei Frauen stehen in einem Flur

Pflegerinnen im Seniorenheim von Wächtersbach: Hülya Kaya und Magdalena Feher Foto: Bernd Hartung

Auf halber Strecke zwischen Fulda und Frankfurt liegt die Kleinstadt Wächtersbach. Trotz seiner Altstadt mit Fachwerkhäusern und gerade renoviertem Schloss spielt sich das Leben ausgerechnet in einem Großmarkt ab. In der „Trefferia“, einer Kantine hinter dem Kassenbereich, kommen Städter und Dörfler zu Frühstück, Gulasch oder Sahnetorte zusammen. Auch wer nicht einkauft, trifft sich hier – manchmal auch zu Livemusik und Tanz am Nachmittag.

Heute sind nur wenige der dunklen Holztische besetzt. An einem sitzen Joachim und Irmgard Remy, zwischen ihrem leeren Einkaufskorb und einer flachen Trennwand zum nächsten Tisch. „Das ist die Coronaschutzwand“, sagt Joachim Remy über die Erhebung hinweg und lacht lautlos. Wenn er redet, hält er eine elektronische Sprachhilfe an seinen Hals. Letztes Jahr im Mai wurde bei ihm Kehlkopfkrebs diagnostiziert. Die Chemotherapie ist abgeschlossen, doch nun ist er einem neuen Risiko ausgesetzt: dem Coronavirus. „Wir sind beide eher so die Ruhigen und lassen uns nicht verrückt machen“, sagt er. Irmgard Remy nickt das ab, auch wenn da etwas Sorge in ihrem Blick liegt. Auch sie hat bereits eine Krebskrankheit überstanden. Joachim Remy scherzt weiter, mehr lebensfroh als naiv: „Gestern habe ich bei Netto geschaut. Es gab nur noch das Toilettenpapier, wo man sich den Hintern verletzt.“

„Ich denke, wenn alle ihre Panikkäufe erledigt haben, wird es besser.“ – Auch mit Corona? – „Nein. Der Virus wird erst richtig kommen“, sagt Remy. Er zieht dabei die Augenbrauen hoch. Bei all dem Spaß achten die Remys darauf, anderen Menschen nicht zu nahe zu kommen. Zu Hause in Kefenrod, einer kleinen Gemeinde nördlich von Wächtersbach, haben die Remys eine Flasche Desinfek­tions­mittel für die elektronische Sprachhilfe. „Das reicht ein Jahr“, winkt Joachim Remy ab. Dass manche Menschen literweise Desinfektion kaufen, findet das Paar lächerlich. „Und wenn das Klopapier alle ist, dann werden die Zeitungen wieder aus dem Briefkasten geklaut“, lacht das Rentnerpaar.

Irmgard und Joachim Remy gehören zur gefährdeten Gruppe, zu jenen, für die ein Krankheitsverlauf von Covid-19 lebensgefährlich sein könnte. Sie übernehmen die Verantwortung füreinander.

Die Pflegerin im Altenheim

Magdalena Feher trägt die Verantwortung für gleich sechzig Personen der Risikogruppe. Sie ist die Pflegedienstleiterin eines Seniorenzentrums am Stadtrand. Vor wenigen Minuten hat Feher von dem ersten Coronafall in Wächtersbach erfahren, doch sie bleibt gefasst: „Wir müssen ja nicht mehr Angst machen, als es ohnehin gibt.“

Eine Frau kommt in das Büro der Pflegedienstleitung. Sie trägt ein dunkelblaues Bandana-Kopftuch um den Kopf und ein rotes T-Shirt mit dem Logo des Heimträgers. Hülya Kaya ist hier seit 2007 Pflegekraft. Beim Wort Corona klopft sie zweimal mit den Handknöcheln auf die Tischplatte. Bisher sei alles unauffällig. „Wir haben keine Angst, aber wir sind vorsichtiger geworden“, sagt Kaya. Die Pflegekräfte geben sich untereinander nicht mehr die Hand, wechseln ihre Kleidung nach Betreten der Einrichtung und waschen und desinfizieren die Hände noch mehr als gewöhnlich, auch zu Hause, sagt sie. „Das ist hier ein geschützter Raum“, betont sie immer wieder, als wolle sie auch sich selbst davon überzeugen.

Doch auch das stimmt nur bedingt. „Wir können nichts vorschreiben, wir können nur anraten“, sagt Feher. Sie rät Angehörigen der Bewohner:innen, ihre Besuche auf das Nötigste zu beschränken.

Ein Besuch der Presse ist keine Notwendigkeit, deshalb berichtet Kaya von den Bewohner:innen: „Viele sind dement. Aber selbst die Wacheren gucken Fernsehen. Da läuft viel über Corona, doch bisher haben sie noch nicht darüber gesprochen. Sie reden eher über Griechenland und die Türkei, wie furchtbar dort mit den Menschen umgegangen wird.“ Unterm Strich seien die Bewohner:innen schlichtweg mehr mit sich beschäftigt, „und das ist besser als Angst“, sagt Kaya.

Im Regenbogenkindergarten scheint eine Schließung nicht absehbar. Die Garderobe im Vorraum der Kita ist prall gefüllt mit bunten Jacken, Gummistiefeln und kleinen Rucksäcken. Im Essensraum sitzen die Frosch- und die Tigergruppe auf drei winzige Tische verteilt. Sie nehmen sich Würstchen, Brot und Suppe. Die Kinder zwischen drei und sechs wissen, was Corona ist: „Das macht Leute krank!“, rufen sie. Und was hilft dagegen? „Zu Hause bleiben“, sagt der sechsjährige Jari. Er zieht sein Kinn hoch, ist stolz auf seine Antwort.

Händewaschen in der Kita von Wächtersbach

Hände waschen in der Kita von Wächtersbach Foto: Bernd Hartung

Nun sind sie aber alle hier und nicht zu Hause. „Wir haben auch kein Corona“, sagt Jari frei heraus. Er senkt seinen Blick und fängt an zu grübeln. „Wie kann der hier reinkommen?“, fragt er in die Runde, als wäre Corona eine Fabelfigur. „Vielleicht krabbelt er durch die Tür?“, sagt Juliane, die neben ihm sitzt. Ein Kind vom Nachbartisch entgegnet: „Dann müssen wir sie alle zusammen zuhalten!“.

Die Maßnahmen des Kindergartens sind ähnlich begrenzt. „Kinder sind Kinder“, sagt die Leiterin Bettina Schumann. Sie sind sich nah, und auch wenn sie nach dem Essen selbstständig ihre Teller abräumen, geht Disziplin nur bedingt. Man gehe nun häufiger Hände waschen, dabei wird zweimal Happy Birthday gesungen. Vor dem Essen werden Tischsprüche gewählt, die ohne Händchenhalten funktionieren und kranke Kinder werde konsequenter nach Hause geschickt. Es sei mit der Stadt, dem Gesundheitsamt und der Feuerwehr abgestimmt, was passiert, „wenn es näher kommt“. Noch scheint das Virus fern.

Als sich vor einigen Wochen die Corvid-19-Fälle in China häuften, sagte ein Kind zu einem anderen: „Da sterben Leute.“ Es war einige Tage nach dem Sturmtief „Sabine“. „Nein, das war nur ein Sturm. Das geht vorbei“, habe das andere Kind geantwortet. So erzählt es Bettina Schumann, als wünschte sie wie ein Kind denken zu können.

Einen Tag darauf, im Laufe des Freitags, kündigen neun Bundesländer die Schließung von Schulen und Kitas an. Auch in Wächtersbach muss eine Schule wegen eines erkrankten Kindes schließen. Nach Angaben des Bürgermeisters Andreas Weiher (SPD) würden die Kindergärten auf Notbetrieb umgestellt. „Sie ganz zu schließen, ist keine Option“, sagt er. Eine fehlende Kinderbetreuung würde mehr Care-Arbeit für Eltern, voran Mütter, bedeuten und somit flächendeckende Ausfälle von Arbeitskräften – auch in Berufen wie der Krankenpflege. Die für das Wochenende geplante Wächtersbacher Caravanmesse soll trotz des Virus stattfinden. Es werden zwar zwei- bis dreitausend Menschen erwartet, aber die Messe sei schließlich unter freiem Himmel, sagt der Bürgermeister.

Kurz darauf wird die Caravanmesse für dieses Jahr abgesagt. Die Regenbogen-Kita ist ab Montag geschlossen.

Der Verlauf der Woche zeigt: Hände waschen allein reicht nicht. Doch was dann? Am Anfang der Woche wird noch diskutiert, ob Veranstaltungen mit über 1.000 Teilnehmer:innen bundesweit abgesagt werden sollten. Wenig später empfiehlt Kanzlerin Angela Merkel, Sozialkontakte so weit wie möglich einzuschränken. Und in Österreich sind seit dem Sonntag Versammlungen von mehr als fünf Personen landesweit verboten.

Das Koordinatensystem des Miteinander verschiebt sich. Was man eigentlich darf und was man muss, was nun gefährlich für einen selbst ist und ob man selbst eine Gefahr für andere darstellt – das sind Fragen, die neu verhandelt werden.

Freitag in Dortmund: Tristesse statt Derby

„Normalerweise wäre es hier rappel, rappel, rappelvoll“, sagt Aki mit lang rollendem r. Sie schaut müde über ihre Brille hinweg, an dessen Bügeln ein gelbes Band hängt. Hinter ihr sind Autogrammkarten und eine Maske mit dem Gesicht von Jürgen Klopp an der Wand befestigt. Aki ist Wirtin im Lütge-Eck, einer Fankneipe von Borussia Dortmund. Der Verein sollte dieses Wochenende Schalke 04 zum Ruhr-Derby empfangen. Am Anfang der Woche hieß es noch, es solle ein Geisterspiel werden. An diesem Nachmittag sagte die Deutsche Fußball Liga das Spiel dann komplett ab. Akis Vorratskeller ist voll, ihre Kneipe ist leer. Gerade einmal vier Stammgäste zählt man an dem langen Holztresen.

Neben zwei alten Männern sitzen Stefan und Kiki M. hinter Biertulpen. Stefan M. geht zum Rauchen vor die Tür. „Aki hat jetzt Probleme. Deshalb sind wir heute hier, das ist Saufen aus Solidarität“, sagt er und ascht mit Schwung ab. „Normalerweise ist hier alles voll auf der Straße“, ruft Stefan M. und deutet auf die leere Fußgänger:innenzone. Drei Jugendliche laufen die Brückstraße entlang und kippen blaue Getränke. Ein Mann schlurft auf M. zu und fragt ihn nach Kleingeld. M. gibt ihm eine Zweieuromünze. „Bis elf müssen sie zwölf Euro zusammen haben“, erzählt er. Die Notunterkunft kostet in Dortmund Geld. Obdachlose trifft die Pandemie besonders. Sie können sich in keine Wohnung zurückziehen und wenn zudem keine Menschen auf den Straßen sind, wird das Betteln noch schwieriger.

Gegen Mitternacht ziehen Stefan und Kiki M. in einen Club weiter. Er hat geöffnet, doch als sie den Raum betreten, sind nur drei andere Gäste da. „Das hat nichts mit Corona zu tun. Das wird hier noch richtig voll“, sagt Stefan M. und bestellt einen Fanta-Korn.

Nachts um eins sind Tanzfläche und Barschlange miteinander zu einer energischen Masse verschmolzen. „I’ve got the feeling“, schmettert aus den Boxen und der halbe Raum ruft „Wuhu!“. Hinter dem Pult des DJ geht es auf eine Terrasse. Dort sitzen Kadir Bağci und seine Freund:innen zum Rauchen. „Corona hat hier keine Auswirkungen“, sagt Bağci und zeigt um sich herum. Die Terrasse ist voller Menschen, die dicht an dicht stehen oder sich mit Umarmungen und Küssen begrüßen. Verantwortungslos finden sie ihr Verhalten nicht. „Wir überwinden das. Deutschland ist gut vorbereitet“, sagt Bağci. Das Feiern will er sich nicht nehmen lassen, ebenso wenig die Schulbildung – die sei schließlich das Wichtigste in Deutschland. Und doch wird beides in den kommenden Wochen bundesweit eingeschränkt werden. Diese Nacht ist vorerst vielleicht die letzte, in der es Stefan und Kiki M., Bağci und seine Freund:innen und vielen anderen noch erlaubt ist, in einem Club zu feiern.

Am nächsten Morgen ist der Frühling in Dortmund. Die kühle Luft riecht nach Blumen und Backwaren, die Zahl der Spazierenden ist überschaubar. Im Osten der Stadt reicht eine Menschenschlange von der Bäckerei hinaus auf den sonnigen Gehweg. Wer an der Theke ankommt, kauft keine Vorräte in großen Mengen, sondern Brötchen für ein spätes Frühstück, Kuchen für den Kaffeebesuch oder Torte für das Geburtstagskind. „Hier hat sich bisher zum Glück noch nichts verändert“, sagt eine der beiden Bäckersfrauen. Zwei Mädchen sitzen an einem kleinen Tisch, essen Brötchen und trinken Kakao aus Trinkpäckchen.

Am Sonntagmorgen liegt eine Straße in Berlin-Kreuzberg still im Sonnenschein. Nur die eingezogenen Markisen der geschlossenen Geschäfte bewegen sich im Wind. Vor einem Café sitzen vereinzelt Personen bei Kaffee und Zeitung. Die Tische sind wie kleine Inseln weit voneinander entfernt um den Gehweg herum verteilt. Am Eingang des Cafés hängt ein Zettel: „Liebe Gäste. Bitte 1,5 m voneinander Abstand halten und am besten To-Go bestellen!“. Unter dem Strich des Ausrufezeichens ist ein Herz. Die Theke im Geschäft ist mit Panini und Croissants gefüllt.

An der hellgrünen Wand daneben hängen Plakate für Veranstaltungen, die nicht stattfinden werden. Im Geschäft läuft leise portugiesische Fado-Musik. Sie handelt von Sehnsucht nach besseren Zeiten.

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■ Das neuartige Coronavirus trägt die offizielle Bezeichnung SARS-CoV-2. Es ruft die Krankheit mit dem offiziellen Namen Covid-19 hervor. Der Virus ist von Mensch zu Mensch übertragbar.

Ab Januar 2020 hatte sich das Virus von der Stadt Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei her ausgebreitet – inzwischen weltweit.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Ausbreitung des Coronavirus am 11. März 2020 zur Pandemie erklärt, also zu einer weltweiten Epidemie.

Alle Artikel der taz zum Thema finden sich im Schwerpunkt Coronavirus.

Eine Pandemie ist eine weltweite Epidemie, also regional nicht begrenzt. Bei einer Pandemie überträgt sich ein neuartiger Virus von Mensch zu Mensch.

■ Da es keine Grundimmunität gibt, keine spezifischen Medikamente und keine Impfung, führt das zu einer hohen Zahl an teils schweren Erkrankungen und Toten. Dies kann unter anderem zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen, wie es beispielsweise in Italien bereits regional zu beobachten war. Deshalb ist das Ziel, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, damit nicht zu viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken.

Auf eine weitreichende Beschränkungen sozialer Kontakte hatten sich am 22. März 2020 die Bundeskanzlerin und Regierungschefs der Länder geeinigt. Damit sollte der Anstieg der Fallzahlen verlangsamt und eine Überlastung des Gesundheitssystems möglichst verhindert werden. Im April sowie im Mai beschlossen Kanzlerin und Länderchefs dann schrittweise Lockerungen. Die Kontaktbeschränkungen bleiben grundsätzlich bis zum 29. Juni bestehen. Details regeln weiterhin die Länder. (Hier eine Übersicht der Bundesregiergung zu Regelungen in den Ländern). Im Fall regionaler schneller Anstiege der Infektionszahlen sollen die Behörden vor Ort sofort mit neuen Beschränkungen reagieren.

■ Einen Abstand von mindestens 1,5 Metern soll man weiterhin draußen zu allen anderen Menschen außer der Begleitung einhalten.

■ Ein Mund-Nasen-Schutz muss in ganz Deutschland beim Einkaufen und im Öffentlichen Personennahverkehr getragen werden.

■ Seit Anfang Mai gilt: Angehörige zweier Haushalte dürfen sich grundsätzlich treffen – beispielsweise also zwei Familien oder zwei Wohngemeinschaften. In einzelnen Bundesländern gibt es darüberhinaus Spezialregelungen.

Schulen und Vorschulen sollen unter Auflagen noch vor dem Sommer wieder für alle Kinder öffnen.

■ In Kliniken und Pflegeeinrichtungen wurden die Regeln gelockert: PatientInnen oder BewohnerInnen können wieder durch eine bestimmte Person besucht werden.

Alle Geschäfte in Deutschland dürfen unter Auflagen wieder öffnen – ohne Quadratmeterbegrenzung der Verkaufsfläche.

Im Sport ist das Training unter freiem Himmel wieder erlaubt. Freizeitsportler müssen sich aber an bestimmte Auflagen halten. So muss eine Distanz von mindestens 1,5 Metern gewährleistet sein.

Die Fußball-Bundesliga hat die Saison seit Mitte Mai mit Geisterspielen fortgesetzt – zumindest die erste und zweite Liga der Männer. Die Fußballbundesliga der Frauen bleibt hingegen zunächst ausgesetzt. Vor Publikum werden in dieser Saison in jedem Fall keine Spiele mehr stattfinden.

Großveranstaltungen bleiben bis zum 31. August verboten.

Bei Restaurants sollen die Bundesländer eine schrittweise Öffnungen selbst regeln. Auch für Kinos, Theater, Hotels oder Kosmetikstudios haben die Ländern die Lockerungen eigenständig zu verantworten.

■ Spielplätze sind unter Auflagen wieder geöffnet – darauf einigten sich Kanzlerin und Länderchefs bereits am 30. April.

Gottesdienste und Gebetsversammlungen sind wieder zugelassen – unter besonderen Anforderungen des Infektionsschutzes. Taufen, Beschneidungen und Trauungen sowie Trauergottesdienste sollen im kleinen Kreis möglich sein.

Museen, Ausstellungen, Gedenkstätten, Zoos und botanische Gärten können unter Auflagen wieder öffnen.

Aktuelle Fallzahlen zum Coronavirus in Deutschland veröffentlicht das Robert-Koch-Institut (RKI).

Eine ausführliche Darstellung der COVID-19-Fälle in Deutschland bis auf Landkreisebene hat das RKI in einem Corona-Dashboard zusammengestellt. Auch gibt es tägliche Situationsberichte heraus.

Internationale Zahlen hat unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer interaktiven Grafik aufbereitet.

■ Ebenso weltweite Fallzahlen stellt die Johns Hopkins University auf einer interaktiven Karte dar.

■ Die Unterschiede bei den Fallzahlen von RKI, WHO und Johns Hopkins University bedeuten nicht, dass die Zahlen falsch sind. Differenzen ergeben sich vielmehr aus Melde-Verzögerungen und unterschiedlichen Quellen: Dem RKI werden die Fallzahlen von den Gesundheitsämtern über das jeweilige Bundesland übermittelt. Es meldet die Zahlen nach einer Prüfung dann weiter an die WHO – so kommt es zu Verzögerungen. Die Daten der Johns Hopkins University kommen nach eigenen Angaben aus verschiedenen öffentlich zugänglichen Quellen und können daher von jenen Zahlen von RKI und WHO abweichen.

Eine Erkrankung an Covid-19 nach einer Infektion mit dem Coronavirus äußert sich laut Bundesgesundheitsministerium durch grippeähnliche Symptome, wie trockenem Husten, Fieber, Schnupfen und Abgeschlagenheit. Auch über Atemprobleme, Halskratzen, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit, Durchfall sowie Schüttelfrost sei berichtet worden.

Die Inkubationszeit beträgt nach aktuellen Erkenntnissen wohl bis zu 14 Tage: Das heißt, dass es nach einer Ansteckung bis zu zwei Wochen dauern kann, bis Symptome auftreten.

■ Wichtig: Infizierte können den Virus schon übertragen, wenn sie selbst noch keine Symptome bemerken.

Der Coronavirus wird vor allem mit einer Tröpcheninfektion übertragen. Laut Robert-Koch-Institut sind theoretisch auch eine Schmierinfektion (über kontaminierte Oberflächen) und eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen möglich. Nach bisherigen Erkenntnissen verlaufen mehr als 80 Prozent der Erkrankungen vergleichsweise mild. Wer meint, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, sollte unbedingt

zu Hause bleiben und zum Telefon greifen. Dann entweder

■ beim Hausarzt anrufen

oder beim

■ Ärztlichen Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117.

Telefonisch gibt es zudem noch weitere Stellen für Informationen:

■ Die Unabhängige Patientenberatung ist zu erreichen unter: ☎ 0800 – 011 77 22

Ein Bürgertelefon hat das Bundesgesundheitsministerium eingerichtet unter: ☎ 030 – 346 465 100

Für Gehörlose und Hörgeschädigte ist ein Beratungsservice des Gesundheitsministeriums per Fax zu erreichen: ☎ 030 – 340 60 66 07, sowie per Mail unter info.deaf@bmg.bund(dot)de und info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Ein Gebärdentelefon mit Videotelefonie findet sich unter: www.gebaerdentelefon.de/bmg/

Die aktuellen Risikogebiete für Ansteckungen hat das Robert-Koch-Institut bis zum 10. April 2020 veröffentlicht. Mittlerweile hat sich Covid-19 weltweit ausgebreitet. Ein Übertragungsrisiko bestehe daher „sowohl in Deutschland als in einer unübersehbaren Anzahl von Regionen weltweit“, schreibt das RKI.

Für Reisende gibt es weitere Informationen zu Covid-19 und Reisewarnungen beim Auswärtigen Amt.

■ Zum Infektionsschutz gibt es auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) umfassende Anleitungen zum richtigen Händewaschen, zu den angemessenen Regeln beim Niesen sowie auch Merkblätter zu allgemeinen Hygiene- und Verhaltensregeln.

■ Niesen oder Husten soll man möglichst in die eigene Armbeuge und versuchen, sich seltener ins Gesicht zu fassen.

Händwaschen sollte man regelmäßig und zwar mindestens 20 Sekunden mit Wasser und Seife.

■ Reduzieren sollte man den Kontakt zu anderen Menschen derzeit so stark wie möglich, empfiehlt die BGzA. Wenn man doch in der Öffentlichkeit unterwegs ist, soll man möglichst einen Abstand von zwei Metern zu anderen Menschen einhalten.

■ Das Infektionsschutzgesetz (IfSG) gilt bundesweit einheitlich und bisher richten sich die Maßnahmen der Behörden nach diesem Gesetz, schreibt unser rechtspolitischer Korrespondent Christian Rath in seinem Überblick zur Rechtslage.

■ Die Katastrophenschutzgesetze der Länder sind anwendbar, sofern sich die Lage zur Katastrophe zuspitzen sollte.

■ Die Bundeswehr kann im Rahmen der Amtshilfe heute schon tätig werden, etwa im Sanitätsbereich oder zur logistischen Unterstützung. Im Extremfall kann sie auch im Inland eingesetzt werden, um (gemeinsam mit der Polizei) die öffentliche Ordnung zu bewahren oder wiederherzustellen, etwa wenn geplündert wird oder Krankenhäuser belagert werden.

■ In den „Notstandsgesetzen“ ist das geregelt, zu denen die Artikeln 35, 87a und 91 des Grundgesetzes zählen. Die „Notstandsgesetze“ wurden 1968 gegen den Widerstand der Außerparlamentarischen Opposition (APO) beschlossen.

■ Gerüchte, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über das Coronavirus kursieren derzeit viele.

■ Aufklärung über viele Corona-Falschmeldungen bietet unter anderem der Verein Mimikama.at.

■ Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in englischer Sprache eine eigene Seite zur Aufklärung von Mythen über den Coronavirus veröffentlicht.

■ Zu den häufigsten Fragen hat das Robert-Koch-Institut ein FAQ zu Corona veröffentlicht.

■ Weitere Fachinformationen finden sich ebenso auch auf einer Überblicksseite des Robert-Koch-Instituts.

■ Verhaltens- und Hygienetipps und ebenso in einem FAQ die häufigsten Fragen beantwortet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Corona-Übersicht auf infektionsschutz.de.

■ Umfassend informieren kann man sich auch beim Bundesgesundheitsministerium.

■ Eine weltweite Übersicht bietet die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Bundesweite Telefonnummern im Überblick:

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117

Unabhängige Patientenberatung: ☎ 0800 011 77 22

■ Bürgertelefon des Bundesgesundheitsministeriums: 030 346 465 100

Beratungsservice für Gehörlose und Hörgeschädigte: Fax: 030 / 340 60 66 – 07 sowie per Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de / info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Gebärdentelefon (Videotelefonie): www.gebaerdentelefon.de/bmg

■ Bei Sorgen ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar unter: 116 123 sowie 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222.

■ Infos über Corona auf Türkisch hat die taz in ihrem Text „Koronavirüs Almanya'da“ zusammengestellt.

■ In weiteren Sprachen sammelt die taz Info-Texte under taz.de/coronainfo

■ Hygiene-Infos in weiteren Sprachen bietet die BZgA in Hygiene-Merkblättern unter anderem auf Türkisch “Viral enfeksiyonlar – hijyen korur!“ (PDF) sowie auf Englisch “Viral infections – hygiene works!“ (PDF)

Leichte Sprache: Informationen zum Coronavirus in Leichter Sprache stellt das Bundesgesundheitsministerium zur Verfügung.

Gebärdensprache: Das Bundesgesundheitsministerium beantwortet Fragen mittels Videotelefonie und ist dafür über ihr Gebärdentelefon zu erreichen. Dazu gibt es hier noch mehr Infos. Das Gebärdentelefon ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 18 Uhr sowie am Freitag von 8 bis 12 Uhr erreichbar. Ebenso möglich sind Fragen per Fax: 030 / 340 60 66 – 07 oder per E-Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de oder info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de.

■ Weitere Sprachen: Kurze Info-Flyer der Johanniter auf Englisch (PDF), Dari (PDF), Arabisch (PDF), Farsi (PDF), Türkisch (PDF), Russisch (PDF), Italienisch (PDF) und Französisch (PDF) hat der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bereitgestellt.

International: Informationen zum Coronavirus in verschiedenen Sprachen stellt zudem die Weltgesundheitsorganisation WHO bereit.

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