Deutscher Olympischer Sportbund: Erstaunliche Diskrepanz

Die Ethikkommission des DOSB stellt Präsident Hörmann nach Untersuchung vieler Vorwürfe ein schlechtes Zeugnis aus. Sie rät zu Neuwahlen.

Alfons Hörmann richtet sich mit beiden Händen die Haare

Zu viel Selbstbespiegelung: Alfons Hörmann in der Kritik Foto: Ina Fassbender/dpa

Eines muss vorweg positiv festgehalten werden. Alfons Hörmann, der höchste deutsche Sportfunktionär, wurde von dem Vorwurf entlastet, im Ärger mit Untergebenen sich gern einmal greifbarer Wurfgeschosse zu bedienen. Im Bericht der Ethikkommission vom DOSB heißt es: „Es ergaben sich keine Anhaltspunkte, dass mehrfach ‚Stifte oder sonstige Gegenstände‘ von Präsident Hörmann auf Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter geworfen worden sind.“

Lediglich ein einziger, „nicht gezielter“ Stiftewurf „von unten nach oben“ konnte im Bericht nachgewiesen werden, bei dem sich Hörmann Ruhe für einen Vortrag verschaffen wollte. Ein vergleichsweise lässliches Vergehen, zumal der DOSB-Chef sich prompt dreieinhalb Wochen später dafür entschuldigt hat.

Ansonsten aber stellen die Einschätzungen und Empfehlungen der Ethikwächter der DOSB-Führung um Hörmann ein miserables Zeugnis aus. Die Ethikkommission wurde eingeschaltet, nachdem am 6. Mai ein anonymer Brief im Namen von DOSB-Mit­ar­bei­te­r:in­nen öffentlich wurde. In dem Schreiben wurden schwere ­Vorwürfe insbesondere auch gegen Hörmann erhoben und ein Klima der Angst im Dachverband beschrieben.

Vorgezogene Neuwahlen im Dezember hat nun die Ethikkommission unter dem Vorsitz des früheren Bundesinnenministers Thomas de Mai­zière empfohlen. Es fehle offensichtlich an gegenseitigem Vertrauen. „Es gibt zu viel Selbstbespiegelung, Demotivation und Gerüchte, Unzufriedenheit und Unklarheit.“

Gespaltene Wahrnehmung

Aufgefallen sind der Ethikkommission insbesondere die Einschätzungen zum Vorwurf, im DOSB herrsche ein Klima der Angst: „Die Diskrepanz der widersprüchlichen Meinungen, die der Ethikkommission zu diesem Thema vorgetragen worden sind, ist erstaunlich und für sich genommen schon ein Problem.“ Während die einen insbesondere Hörmann schwere Vorwürfe gemacht hätten, haben andere wiederum ausdrücklich seine Führung im „Geiste der Wertschätzung“ gelobt. Hörmann selbst habe der Kommission zugesagt, seinen Führungsstil selbstkritisch zu reflektieren und an sich zu arbeiten.

Interessant ist, dass die Stellungnahme der DOSB-Ethikkommission weit über die Probleme der Binnenverhältnisse im Dachverband hinausgeht. „Es ist auch zu konstatieren, dass die Beziehungen des Präsidenten/Präsidums/Vorstands zu Teilen der Spitzenverbände, zu Teilen der Landesverbände, zum Internationalen Olympischen Komitee, zum Bundesministerium des Inneren und zu wichtigen Teilen der Medien dringend verbessert werden müssen.“ Unter anderem hatte auch IOC-Präsident Thomas Bach der Ethikkommission eine Stellungnahme zugesandt.

Dagmar Freitag (SPD), die Sportausschussvorsitzende des Bundestages, nannte den Vorschlag der Ethikkommission, im Dezember auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung Neuwahlen zu organisieren, einen „Ausweis des Misstrauens“. Angesichts der schweren Vorwürfe, die im Raum stünden, frage sie sich, wie der DOSB weiterhin „Business as usual“ machen könne, beispielsweise mit der Benennung des Präsidenten als Delegationsleiter für die Olympischen Spiele in Tokio.

Hörmann muss sich Vertrauen wieder erarbeiten

Freitag ließ anklingen, dass sie sich radikalere Vorschläge der Ethikkommission hätte vorstellen können. Hörmann wurde durch das Gremium noch eine Tür offengehalten. Unter anderem hielt man fest, Hörmann könne nun in den kommenden Monaten um neues Vertrauen werben. Neue Kandidaten hätten wiederum genügend Zeit, mit ihren Konzepten für einen Neuanfang zu werben.

Mit Blick auf mögliche Neuwahlen wird die Frage von Bedeutung sein, welche Art von Wahlkampf in dem konstatierten Klima der Angst denn möglich ist. Bislang liegt lediglich die Stellungnahme des DOSB-Präsidiums und Vorstands vom Montagabend vor. Darin heißt es, man bedanke sich bei der Ethikkommission für die Arbeit und werde ihre Empfehlungen auf Sitzungen am Montag und Dienstag „intensiv diskutieren und beraten“.

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