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Zwischen den RillenDer Techno-DJ von morgen: Richie Hawtin

Dem Fortschritt ein Gesicht

Früher, als DJs noch die „Schamanen“ waren, unter deren magischen Händen Musik in eine neue Form von Leben transformiert wurde, war das dialektische Prinzip des Plattenmixens eine Geheimwissenschaft. Als die Besten ihrer Zunft galten diejenigen, die als Erste die neuesten obskuren Weißpressungen in ihren DJ-Taschen stecken hatten und die die Hits von morgen bereits gestern aufgelegt hatten. Heute jedoch, wo in jeder Kellerbar zwei Technics-Plattenspieler rumstehen, 12-Jährige bereits perfekt das Einmaleins des DJings beherrschen und eh niemand mehr das aktuelle Geschehen in der elektronischen Musik überblickt, ist es für DJs ungleich schwieriger geworden, Überraschungsmomente unter den Plattennadeln hervorzuzaubern. Für Richie Hawtin ein unerträglicher Zustand.

Mit „DE9: Closer To The Edit“ tritt er deswegen an, das gute Gewissen von Techno zu sein. Um ihn herum ist alles Business as usual, keine Zukunft weit und breit, alle gehen leicht gelangweilt ihren Brötchenjobs nach, doch wo bleibt die Vision? Wo niemand neue Wege einschlagen will, weil die ganze Sache ja auch so perfekt läuft, muss er, Richie Hawtin, Technolegende, es mal wieder richten. So verkündet er mit seiner neuen Platte nichts weniger als die Revolution, betritt forschen Schritts das nächste Level und wenn alles nach Plan läuft, wird er bald von sich behaupten können, der Erste gewesen zu sein, der den DJ von morgen verkörperte.

Es ist nicht ganz klar, was „DE9: Closer To The Edit“ genau ist. Weder ein Artist-Album, noch eine reine Mix-CD, dient die Platte vor allem der Beweisführung, dass es für eine schon immer nach vorne gerichtete Musik wie Techno nicht mehr ausreichen kann, nicht mehr ausreichen darf, mit völlig veralteter Technik den eigenen Anforderungen gerecht zu werden. Die Platte ist letztlich eine Art Test-CD einer neuen Software geworden, mit deren Hilfe sie maßgeblich entstanden ist. Final Scratch, so die Message ganz im Sinne ihrer Entwickler, gehört demnächst in jeden DJ-Haushalt. Dass Richie Hawtin ein wenig die Rolle des Marktschreiers für das Produkt übernimmt, ist nicht zu übersehen, aber dem Fortschritt ein Gesicht zu geben, lag sicherlich auch im beidseitigem Interesse.

Was genau ist Final Scratch? Das Großartige an dieser Software lässt sich kaum von der Hand weisen, ermöglicht sie es doch, samtliche klassischen DJ-Techniken bei der Bearbeitung des Vinyls um digitale Möglichkeiten zu erweitern. Mit Hilfe von Final Scratch lassen sich mehr als 1.000 MP3-Tracks direkt vom Laptop auf Vinyl herunterladen, das auf herkömmliche Weise bearbeitet werden kann – was das Ende der Plattenkisten bedeuten könnte. Mit „DE9: Closer To The Edit“ versucht Hawtin außerdem zu zeigen, was Final Scratch sonst noch zu bieten hat. Er hat für seine Platte über 100 Tracks gesammelt, sie gecuttet und, wie er selbst sagt, in ihre Grundbestandteile zerlegt. Das ergab um die 300 Loops und Miniatur-Remixes, die er wie ein Puzzle neu zusammengesetzt hat.

Dieser Aufwand lässt sich in einer herkömmlichen Mixplatte natürlich nicht bewerkstelligen. Live wäre „DE9: Closer To The Edit“ niemals reproduzierbar, somit ist das Hybrid aus regulärem Hawtin-, Remix- und Mix-Album vor allem eine nerdige, leicht klinisch wirkende Extremtüftelei. Der nächste Schritt wäre der DJ- Roboter.

Hawtin, der als Kanadier in seiner langen Artist- und DJ-Karriere als Plastikman, Fuse, Final Exposure oder Circuit Breaker schon immer eine besondere Affinität zu Detroit-Techno und deutschem Minimaltechno bewiesen hat, lieferte bevorzugt Tracks der deutschen Schule von Acts wie Decomposed Subsonic oder Sergej Auto, aber auch von Detroit-Legenden wie Carl Craig unters Messer. Was ihm dabei jedoch nicht gelingt, ist, den einzelnen Tracks ihre Seele zu belassen.

Hawtin ist viel zu verliebt in die Technik, die ihm zur Verfügung stand, als dass er bereit gewesen wäre, seinen Puzzleteilen ein wenig Raum zur Entfaltung lassen und ein eigenes Motiv darzustellen. Schaut her! Das kann man alles machen mit Final Scratch, scheint er ständig sagen zu wollen. So klingt es, das innovative Limit.

ANDREAS HARTMANN

Richie Hawtin: „DE9: Closer To The Edit“ (Novamute)

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