: Der Sunnyboy des Rechtsextremismus
Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
Aus Magdeburg, Dessau und Erfurt Konrad Litschko und Gareth Joswig
Martin Reichardt steht für seine Grußrede bei der AfD-Jugend zwischen ein paar Eichenbäumen aus Plastik und Deutschlandfahnen auf der Bühne des Alten Theaters in Magdeburg. Nur noch wenige Tage sind es bis zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und der 57-jährige Landeschef wird in seiner Partei als Teil einer möglichen AfD-Regierung gehandelt, unter einem Ministerpräsidenten Ulrich Siegmund. Besonders ministrabel wirkt er an diesem Samstag allerdings nicht.
Mit weit aufgerissenem Mund brüllt Reichardt regelrecht: Vater Staat sei heute leider ein „nach Dope stinkender fauler Assi“. Er bekomme sein Geld von der Friedrich-Ebert-Stiftung, „um regelmäßig mit seinen Freunden vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu saufen und die Internationale zu lallen!“ Die stramm gescheitelte AfD-Jugend brüllt vor Lachen. Reichardt schraubt das Niveau noch weiter nach unten: Die Muttersprache sei „ein aufgedunsenes intersektional-feministisches Flittchen“, deren grüne Haare stets zerzaust seien, „weil Vater Staat sie dreimal täglich durchgendert!“ Die AfD wolle der „verlotterten Linken“ das „Sorgerecht für Deutschland entziehen“, ruft Reichardt. Die AfD-Jugend johlt.
Der Parteinachwuchs will der AfD Sachsen-Anhalt mit ihrem Bundeskongress in Magdeburg noch einmal Rückenwind im Landtagswahlkampf verschaffen. Als Höhepunkt des Tages hat sie dafür natürlich auch den Spitzenkandidaten Siegmund eingeladen. Als dieser nach Reichardt die Bühne betritt, gibt es Standing Ovations – und von Siegmund erst mal ein demonstratives Lob für den ausfälligen Auftritt seines Landeschefs. „Ich höre, Martin Reichardt hat sehr klare und notwendige Worte gefunden!“, sagt er grinsend und erntet frenetischen Jubel.
Noch lauter wird es, als Siegmund gegen die „Fake News“ vom Leder zieht und verspricht, als erste Amtshandlung den Rundfunkstaatsvertrag zu kündigen. Nach seiner kurzen Rede kann er sich vor Selfies kaum retten und signiert reihenweise Spiegel-Cover mit seinem Foto drauf, zusammen mit der Überschrift: „Der gefährlichste Mann Deutschlands“.
Siegmunds Heimspiel bei der Parteijugend ist ein Schulterschluss mit einem der radikalsten Teile der Partei: Neben Reichardts Tiraden wurde auf dem Jugendkongress bejubelt, dass Deutschland auch mit 60 Millionen Menschen gut leben könne, die EU „antiweiß“ besetzt sei und dass es mehr brauche als den Besitz der Staatsangehörigkeit, um Europäer zu sein. Siegmund geht nicht auf Distanz zu diesen verfassungsfeindlichen Parolen. Er betont, dass er selbst in der Jungen Alternative gewesen sei, die schon vor Jahren als gesichert rechtsextrem eingestuft war und deswegen aufgelöst wurde.
Und mit dabei in Magdeburg ist auch Simon Kaupert, der hinter den Kulissen Teil der Kongressregie ist. Sonst ist er fester Teil von Siegmunds Wahlkampfteam – zuständig mit seinem Filmkunstkollektiv für Fotos und aufwändige Wahlkampfvideos, reicht zur Not Siegmund auch mal ein Taschentuch, falls der ins Schwitzen kommt. Auch Kauperts Vita ist einschlägig: Er ist ein früherer Aktivist der Identitären, den Vordenkern des „Remigrations“-Konzepts, wie sie die massenhafte Ausweisung von Migranten nennen. Sein Filmkunstkollektiv, eine Medienagentur von Rechtsextremen für Rechtsextreme, ist auf dem Kongress auch mit einem Stand präsent.
Im Saal sitzt zudem Götz Kubitschek, der rechtsextreme Vordenker aus Schnellroda, den Siegmund zuletzt beim AfD-Bundesparteitag in Erfurt breit strahlend begrüßte, ihm auf den Rücken klopfte. Und der der taz erzählt, dass er im Austausch mit der Arbeitsgruppe gestanden habe, die das Wahlprogramm für Siegmunds AfD-Verband verfasst hat.
Die Radikalen, mit denen sich Siegmund unbeschwert im Magdeburger Theater umgibt, sie passen eigentlich nicht zu der Kampagne, mit der er gerade durchs Land zieht. Stets allein steht er da auf Bühnen, bei Großkundgebungen oder bei Simsonfahrten, immer bestens gelaunt, siegesgewiss, Typ harmloser Schwiegersohn. Nur wenige Tage noch, dann will Siegmund mit der AfD hier die absolute Mehrheit erringen. Gelingt das, wäre es ein Novum in der Bundesrepublik: Erstmals seit 1945 würde wieder eine rechtsextreme Partei in einem deutschen Bundesland regieren.
Noch ist es nicht so weit – und mit zuletzt steigenden Umfragewerten von Grünen und SPD könnte das Wahlergebnis auch schlechter ausfallen. Aber um zu verstehen, was mit einem AfD-Ministerpräsidenten Siegmund droht und wie radikal der vermeintliche Sunnyboy auftreten würde, muss man auf seinen Werdegang und sein Umfeld schauen. Und dann ist die Antwort eindeutig.
Es scheint wie ein weiter Weg, den Siegmund bis in dieses Umfeld gegangen ist. Aber vielleicht war der Weg auch gar nicht so weit. Geboren wurde Siegmund 1990 in Havelberg, wenige Wochen nach Wende. Er wuchs in Tangermünde auf, einer 10.000 Einwohnenden-Stadt im Norden Sachsen-Anhalts. Nach der Ausbildung zum Handelskaufmann und Fernstudium geht er nach Berlin, gründet dort eine Firma, die Innenräume beduftet, auch „gendersensitiv“, um die dortige Stimmung zu verbessern.
Mit 19 Jahren tritt Siegmund in die CDU ein, wird Mitglied der Jungen Union. Siegmund sei im lokalen CDU-Verband lange nicht aufgefallen, heißt es dort. Dann sei er plötzlich aufgetaucht und habe in den Vorstand gewollt. So laufe das aber nicht, wenn man gerade erst anfange, da müsse man sich erst Verdienste erarbeiten. Siegmund wurde letztlich nicht gewählt. Danach, so heißt es in der CDU, sei er „einfach weg“ gewesen.
Stattdessen taucht Siegmund 2014, nun 24 Jahre alt, bei der AfD auf. Der Landesverband Sachsen-Anhalt war erst ein Jahr zuvor gegründet worden. Wo dieser politisch steht, macht schon ihr damaliger Anführer klar: André Poggenburg. Der verbrüdert sich früh mit Björn Höcke, dem Thüringer Parteirechtsaußen. Beide gründen den völkischen „Flügel“ in der Partei, der eine „grundsätzliche politische Wende in Deutschland“ fordert, weg vom „Verrat an den Interessen unseres Volkes“. Poggenburg beschimpft den früheren Vizechef des Zentralrats der Juden Michel Friedman als „schleimiges Etwas“, besucht schon damals Götz Kubitschek in Schnellroda und plädiert für dessen AfD-Eintritt. Mehrere AfD-Kreisvorsitzende treten damals aus Protest gegen diesen Kurs und wegen Poggenburgs Umgang mit Kritikern aus der Partei aus.
Ulrich Siegmund aber stört all das nicht. Er legt jetzt erst richtig los.
Er sei „grundlegend konservativ“, sagt Siegmund damals der Volksstimme. Bei der CDU sei er aber auf „eingefahrene Wege und Koryphäen gestoßen“, habe sein Kreuz schon bei der Bundestagswahl 2013 bei der AfD gemacht. Nach dem Einstieg bei der AfD hält Siegmund anfangs zum Parteivize Jörg Meuthen, nennt Höcke jemanden, der in der Partei „aus dem Durchschnitt schlägt“. Von rechtsextremen Kameradschaften, mit denen sein Landeschef Poggenburg damals schon auf die Straße geht, distanziert er sich anfangs noch.
Zugleich aber tut Siegmund die AfD-Austritte ab: Nun herrsche eine „tiefere Einigkeit“ in der AfD. Und schon damals äußert auch er sich brachial. Merkel wirft Siegmund schon 2016 eine „diktatorische Politik“ und „Maulkorbpolitik“ vor. Auf seinem Facebookprofil kommentiert er die Nachricht über einen Mann, der seinen Hund aussetzte: „Erschießen wäre zu soft.“
Und in der AfD macht Siegmund die Karriere, die ihm in der CDU versagt blieb. Er wird Teil des Kreisvorstands in Stendal, zieht 2016 auch in den Landesvorstand und den Landtag ein. Dort wird Siegmund gesundheitspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion und übernimmt den Vorsitz im Sozialausschuss. Und widmet sich auch einem anderen Thema: vermeintlich linken Vereinen. Schon 2018 stellt Siegmund mit der AfD-Fraktion eine Anfrage mit 236 Fragen zum Demokratieverein Miteinander und „angeschlossener Projekte“ und beantragt, ihnen alle Fördergelder zu entziehen, da sie Steuergeldverschwendung seien.
Die Vorarbeit leistete der rechtsextreme Verein „Ein Prozent“, ein Verbund früherer Identitärer, der sich schon länger auf die Projekte eingeschossen hatte. Siegmund versteckt den Schulterschluss nicht, geht in deren Podcast und tönt dort, in Regierungsverantwortung würde die AfD „dem Spuk sofort ein Ende bereiten können, dann wär das kein Problem“.
Später tut Siegmund kund, dem rechtsextremen Verein auch schon Geld gespendet zu haben. Der wiederum lobt Siegmund schon 2021 als „Freund und Unterstützer des patriotischen, außerparlamentarischen Vorfelds“. Einer der Protagonisten von „Ein Prozent“: Simon Kaupert, der Identitäre und heutige Fotograf von Siegmund. Das Netzwerk, es ist da schon geknüpft.
In der breiten Öffentlichkeit aber bleibt Siegmund lange unbekannt. Bis zur Corona-Pandemie. In dieser Zeit erlangt Siegmund plötzlich breitere Aufmerksamkeit. Mit Kundgebungen reiht sich die AfD in Coronaproteste ein und Siegmund steht nun auf Bühnen. So wie im November 2021 auf dem Hallmarkt in Halle. Trotz Maskenpflicht tritt Siegmund ohne Mundschutz auf, ätzt über den „Merkelmaulkorb“, nennt die Schutzmaßnahmen „schwachsinnig“ und ein „Verbrechen an jedem Bürger“. Hier klingt Siegmund so gar nicht wie der gut gelaunte Sunnyboy.
Es ist die Zeit, in der Siegmund auch mit seinem Tiktok-Kanal loslegt. Innerhalb kürzester Zeit baut der AfD-Mann dort tausende Follower*innen auf, allen voran mit seinen Tiraden gegen die Coronapolitik. Heute hat er dort mehr als 820.000 Follower, einen der größten Politikeraccounts. Zum Vergleich: CDU-Ministerpräsident Sven Schulze kommt auf 4.200.
Es sind zwei Welten, in denen Siegmund ab jetzt unterwegs ist. Die digitale, in der er ein kleiner Star ist – und die vor Ort in Tangermünde, in der er kaum sichtbar bleibt. Siegmund ist in keinen Vereinen aktiv, tritt aus der Kirche aus, wegen ihrer „politischen Rolle“. Im Kreistag ist er laut Mitparlamentariern kaum aktiv, schickt seine Fraktionskollegen vor, die dort mit Anweisungen auftreten. „Siegmund macht nur seine Videos“, sagt ein örtlicher CDU-Mann, der namentlich ungenannt bleiben will. „Wenn keine Kamera da ist, ist er ein Nichts. Der spielt vor Ort keine Rolle.“
Der AfD-Landesverband aber merkt früh, dass ihr Nachwuchsmann auf Social Media ankommt. Mitte 2022 wird Siegmund zum Co-Fraktionschef im Landtag gewählt, mit 32 Jahren, wird als junges Aushängeschild präsentiert. Schon zuvor, Anfang 2021, hatte der Verfassungsschutz den AfD-Landesverband als rechtsextremen Verdachtsfall eingestuft, zwei Jahre später dann als „gesichert rechtsextrem“. Auch das ist für Siegmund kein Moment zum Innehalten. Er tut die Einstufung als „politisch motiviert“ ab.
Der AfD-Verband hat sich da inzwischen mit seinem früheren Vorsitzenden Poggenburg überworfen, wird aber nun von einem anderen Radikalen geführt: Martin Reichardt. Der Mann, der gerade in Magdeburg vom Leder zog. Der frühere Republikaner und Bundeswehroffizier tritt mit diesem Ton schon seit Jahren auf, schmäht die Bundesregierung mal als „Corona-Mafia“, mal als „pädophile, grüne Clique“. Auch Reichardt gehörte zum AfD-„Flügel“, trat mit diesem schon 2020 in Schnellroda bei Kubitschek auf.
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Und er war damals einer der vehementesten Verteidiger des Brandenburger AfD-Chefs Andreas Kalbitz, als der aus der Partei flog. Weil Kalbitz auf Fotos der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ) zu sehen war. Einer Gruppe, die Kinder in Zeltlagern völkisch indoktrinierte und 2009 vom Bundesinnenministerium verboten wurde, weil sie „rassistisches und nationalsozialistisches Gedankengut“ verbreitete, auch schon an Grundschulkinder. Und die sich selbst als elitärer Lebensbund sah, deren Mitglieder langfristig an die Schaltstellen der Macht wollen.
Und auch Siegmund selbst sitzt damals mit Kalbitz auf einer Bühne in Salzwedel, ungeachtet der HDJ-Vorwürfe. Die AfD lädt damals zum „Bürgerdialog“. Wieder geht es um das Thema „Linksextreme Seilschaften“, die man „aufdecken und zerschlagen“ wolle, wieder wettert Siegmund gegen den Verein Miteinander als „staatlichen Kampfverein gegen alles Konservative“. Dass es dafür Steuergelder gebe, sei „eine Sauerei“. Mit dabei auch: Björn Höcke.
Heute gehören auch einstige HDJ-Männer zu Siegmunds engstem Umfeld. Obwohl die HDJ, genau wie die Identitäre Bewegung, explizit auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD steht, die eine Parteimitgliedschaft ausschließen soll. Dennoch ist einer von Siegmunds engsten Begleitern im Wahlkampf ein früherer HDJ-Mann: Patrick Harr. Der war dort einst Leiter „Beschaffung“, kümmerte sich um Material wie Zelte oder Uniformen. Nun ist Harr Sprecher des AfD-Landesverbands, einst unter Poggenburg herangeholt, jetzt stets an Siegmunds Seite. Auch am Wahlprogramm soll er mitgearbeitet haben.
Oder Laurens Nothdurft, Anwalt von Siegmund und AfD-Ortsbürgermeister in Dessau-Roßlau, auch er ein einstiger HDJ-Aktivist. Er vertrat Siegmund vor Gericht, nachdem dieser im Landtag eine Linken-Abgeordnete beleidigt hatte, „geistig nicht mehr zurechnungsfähig“ zu sein. Nothdurft war einst gar Vorsitzender bei der HDJ. Und seine Familie knüpft daran an: Zuletzt tauchten Kinder von ihm bei einer möglichen Nachfolgegruppe der HDJ auf, den Jungadlern. Auch sein Bruder Felix W. war einst bei der HDJ, ist nun Referent in der AfD-Fraktion Sachsen-Anhalt, schrieb ebenso am Wahlprogramm mit.
Nothdurft erklärte der taz zuletzt über seinen Anwalt, er distanziere sich von nationalsozialistischem Gedankengut – und seine Kinder würden sich nicht politisch betätigen. Harr ließ eine Anfrage zu seiner HDJ-Zeit unbeantwortet.
Und es sind längst nicht nur die HDJ-Leute. Auch mehrere ehemalige Identitäre bewegen sich in Siegmunds Umfeld. Neben Filmemacher Simon Kaupert und seinem Filmkunstkollektiv ist das auch etwa Dorian S., der laut MDR die Homepage des AfD-Landesverbands betreibt. Oder Torsten G., der für den Onlineshop von Siegmunds Kampagne verantwortlich ist.
Ulrich Siegmund lässt taz-Anfragen zu diesen Personalien unbeantwortet. An anderer Stelle aber erklärte er, die Geschichten seien lange her und er mache keine Gesinnungsprüfungen. Für ihn zähle nur das Eintreten für die demokratische Grundordnung heute. Nothdurft lobt er bei einem Wahlkampfauftritt in Dessau als „besondere lokale Persönlichkeit“, spendiert ihm einen Extra-Applaus von der Bühne. Auch Simon Kaupert oder Patrick Harr attestierte er zuletzt „hervorragende Arbeit“.
In das Normalo-Bild passt genauso wenig einer, der ebenso verbal austeilt und mit Siegmund seit Jahren im Parteivorstand sitzt: Hans-Thomas Tillschneider, ein weiterer Schnellroda-Freund und „Flügel“-Mitgründer. Sein Thema ist die „Umvolkung“, ein rechtsextremer Kampfbegriff eines angeblich gesteuerten Bevölkerungsaustauschs durch Migranten. Tillschneider teilt immer wieder gegen Muslime aus, deren Kultur für ihn nicht nach Deutschland passt. Er ist für den Nato-Austritt und schreit auf Kundgebungen Dinge wie: „Unsere Feinde sitzen nicht in Moskau, unsere Feinde sitzen in Magdeburg und Berlin!“
Wie nun durch den Bild-Journalisten Paul Ronzheimer breiter bekannt wurde, hortet er in seinem Büro neben mit Wodka gefüllten Glaskalaschnikows auch eine Tasse der russischen Armee. Außerdem schreibt er eine monatliche Kolumne für eine kremlnahe russische Tageszeitung und nahm in der russischen Botschaft 2025 an der Feier von Putins 73. Geburtstag teil. Als Mitarbeiter soll Tillschneider heute einen alten Bekannten beschäftigen: Andreas Kalbitz.
Siegmund lobt auch Tillschneider dieser Tage bei einem Wahlkampfauftritt in Querfurt als „hervorragenden Direktkandidaten“, den er in den nächsten fünf Jahren brauche. Kein Wunder: Das Thema „Umvolkung“ vertritt auch Siegmund selbst. 2022 unterschreibt er mit anderen AfD-Fraktionschefs eine „Dresdner Protestnote“, in der sie gegen einen „Asylansturm“ und „die planmäßige Ersetzung der deutschen Bevölkerung durch Migranten“ protestieren. 2024 wettert Siegmund im Landtag über Geflüchtete, dass diese keine Menschen seien, die „Wertschöpfung betreiben“, sondern Straffällige und Vergewaltiger.
Und im November 2023 besucht Siegmund auch ein Treffen, das bundesweit Schlagzeilen machen wird: das berüchtigte „Remigrations“-Treffen von Potsdam im November 2023 mit dem Rechtsextremen Martin Sellner. Um Pläne für eine massenhafte Ausweisung von Migrant*innen soll es dort gegangen sein, so berichtete es Correctiv. Siegmund wurde vom einstigen HDJ-Mann Patrick Harr begleitet, soll dort um Wahlkampfspenden geworben haben. Auch habe er erklärt, dass sich das Straßenbild ändern müsse, etwa mit Druck auf ausländische Restaurants. Es müsse für Migranten möglichst unattraktiv sein, dort zu leben.
Und Siegmund erklärte laut Correctiv seine Masche: Er versuche erst Sympathie aufzubauen, als „ganz normaler Typ“. Die politischen Inhalte bringe er dann „zum Schluss durch die kalte Küche“.
Das Treffen von Potsdam sorgte für bundesweite Anti-Rechts-Demonstrationen, die größten Proteste seit Jahren. Siegmund verharmlost es dagegen als „Potsdamer Kaffeekränzchen“. Und legte nach. In einer Erklärung mit anderen AfD-Fraktionschefs aus dem Osten unterstrich er das „Remigrations“-Konzept, nannte dieses „das Gebot der Stunde“. Es brauche eine „großangelegte Rückführungsinitiative“ und Maßnahmen, um „den Assimilationsdruck auf nichtintegrierte Ausländer zu erhöhen“. Damit werde man beginnen, „sobald wir in Regierungsverantwortung sind“.
Heute klingt es ganz ähnlich, liest man das AfD-Wahlprogramm – das eine Gruppe um Hans-Thomas Tillschneider verfasst hat. Es ist das radikalste Programm, das je ein AfD-Landesverband in der mittlerweile 13-jährigen Parteigeschichte verfasst hat. Eine „Abschiebeoffensive“ und „Remigrationspolitik“ unter „staatlichem Zwang“ fordert dieses ein. Um den Islam in Sachsen-Anhalt zu „beschränken“, will man „alle Möglichkeiten ausschöpfen“. Vereinen, die eine „pervers-linke Agitation“ oder „antideutsche Kultur“ betrieben, werde jede Förderung entzogen. Explizit wird auch der Verein Miteinander genannt.
Und Siegmund selbst kündigt an, genau diese Punkte als Erstes anzugehen, wäre er im Amt. Das Streichen von Geldern für linke Vereine, darauf „freue ich mich schon richtig“, sagte er zuletzt. Und drohte, im Falle einer AfD-Regierung müssten rund 4.800 ausreisepflichtige Migranten Sachsen-Anhalt verlassen – dabei haben laut Innenministerium 4.116 dieser Personen derzeit eine Duldung und dürfen gar nicht abgeschoben werden.
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Die „Remigrations“-Offensive, der Kampf gegen linke Vereine, gegen Migranten und Muslime, es sind genau die Punkte, die Siegmund, Tillschneider und Reichardt seit Jahren predigen, die nun Realität werden könnten. Und denen zuvor auch die Identitären oder „Ein Prozent“ ideologisch den Boden bereiteten. Kein Zufall: Ihr Vordenker Götz Kubitschek pries schon 2016 auf der AfD-Wahlparty beim ersten Landtagseinzug in Sachsen-Anhalt, dass die neuen AfD-Abgeordneten „sehr, sehr gerne den ein oder anderen Begriff, das ein oder andere Thema, die ein oder andere aufbereitete Expertise aus unseren Projekten übernehmen und politisch umsetzen werden“.
Es sind nun diese Menschen aus Siegmunds Umfeld, die sich auch Hoffnung auf Posten machen können, sollte die AfD tatsächlich in Sachsen-Anhalt regieren. Siegmund schweigt bisher über sein mögliches Regierungspersonal – will dieses aber „zu 95 Prozent“ beisammen haben, rekrutiert vor allem aus Sachsen-Anhalt. Erzählt wird, dass Tillschneider dann Bildungsminister werden könnte, Reichardt Arbeitsminister, Patrick Haar Leiter der Staatskanzlei und Laurens Nothdurft Justiz-Staatssekretär. Ein Kabinett der Rechtsextremen.
In Tangermünde, wo Siegmund für die AfD im Stadtrat sitzt, verfolgen sie dessen Weg mit Kopfschütteln. In der CDU und SPD sagen einige, er sei ein Getriebener seiner Partei, der sich immer weiter mitradikalisierte. Für andere war Siegmund schon immer radikaler, als er nach außen scheint. Unstrittig ist: Siegmund hat jeden Radikalisierungsschritt seiner Partei mitgetragen, jeden davon selbst nach außen vertreten, von Poggenburg bis Potsdam.
Und auch vor Ort in Tangermünde nimmt die AfD bereits ihre Gegner ins Visier – und längst nicht mehr nur linke Vereine. In einem Video posierte Siegmund zuletzt vor der örtlichen evangelischen Kirche, machte sich über diese lustig, weil sie sich mit einem Banner „gegen Hass und Hetze“ positionierte. Und im Stadtrat beantragte seine AfD zuletzt, einem Verein 3.000 Euro zu streichen – nachdem dieser sich wiederholt gegen die AfD positioniert hatte.
Siegmund selbst hatte dem Verband zuvor in der Volksstimme „Filz und Mauscheleien“ vorgeworfen und erklärt: „Nach einem Wahlsieg im September werden wir uns auch um diesen Sumpf kümmern und ihn einfach trockenlegen.“ Am Ende lehnte der Stadtrat den AfD-Antrag ab. Aber die Drohung war angekommen. Der Vereinwar: die Arbeiterwohlfahrt.
Mitarbeit: David Muschenich
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