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„Der Krieg ist längst da“

Die kurdischen Gebiete im Norden des Iraks werden aktuell von allen Seiten angegriffen: aus dem Iran, den USA und Israel. Ronya Othmann berichtet, was die neuen Ent­wick­lungen im Iran für die kurdische Bevölkerung bedeuten. Sie ist zu Gast beim taz lab

Die Autorin und Journalistin Ronya Othmann wurde als Tochter einer deutschen Mutter und eines kurdisch-êzîdischen Vaters 1983 in München geboren Foto: Paula Winkler.

Interview von Lenja Vogt

wochentaz: Die USA haben zuletzt fast alle ihre Soldaten aus dem Zentralirak in den Norden des Landes verlegt, sodass proiranische Milizen nun auch verstärkt Ziele in den kurdischen Gebieten angreifen. Frau Othmann, droht die Region dadurch zum direkten Schauplatz des Kriegs zu werden?

Ronya Othmann: Die Autonome Region Kurdistan ist längst Kriegsschauplatz. Schon 2018 feuerte der Iran Raketen auf die Büros zweier kurdischer Oppositionsparteien in Koya. 2022, im Zuge der „Frau, Leben, Freiheit“- Bewegung nach der Ermordung von Jina Amini, führte der Iran Drohnen-, Artillerie- und Raketenangriffe auf die Autonome Region Kurdistan durch. 2024 gab es erneut Angriffe, angeblich auf „Mossad-Basen“ – so der Iran –, getroffen wurden jedoch Wohnhäuser. Man kann die Liste weiter fortsetzen. Auch der Rest des Iraks ist längst Kriegsschauplatz, denn der wird zu großen Teilen von iranischen Milizen kontrolliert. Die Kata’ib Hisbollah ist für zahlreiche Menschenrechtsverletzungen verantwortlich, beispielsweise für die Ermordung des irakischen Sicherheitsexperten Hischam al-Haschimi.

Welche strategische Bedeutung haben die kurdischen Streitkräfte im Nordirak dann für die Konfliktparteien im Irankrieg, insbesondere für die USA und Israel?

Wenn in diesen Tagen von den kurdischen Streitkräften die Rede ist, dann sind meist die Peschmerga aus Rojhelat, den im Nordwesten des Irans gelegenen Teil Kurdistans, gemeint. Ihr Ziel ist die Freiheit und Selbstbestimmung der kurdischen Bevölkerung. Die Interessen von Israel und den USA sind da erst mal zweitrangig. Aber es wird natürlich begrüßt, wenn diese sich decken und sie militärische Unterstützung bekommen. Für die USA und Israel sind sie vor allem aufgrund ihrer langjährigen Kampferfahrung gegen den sogenannten Islamischen Staat und die iranische Republik interessant.

Gleichzeitig bombardieren die USA und Israel immer wieder kurdische Gebiete. Ist das nicht ein Widerspruch?

Die USA und Israel bombardieren nicht die Autonome Region Kurdistan. Sie bombardieren Rojhelat, denn insbesondere in den Grenzregionen sind auch Einheiten des iranischen Militärs stationiert. Die Angriffe richten sich daher in der Regel gegen militärische Ziele. Nichtsdestotrotz sterben auch immer Zivilisten.

Sind die Peschmerga überhaupt bereit, an der Seite der USA in den Krieg einzusteigen?

Der Sturz des iranischen Regimes ist eines der wichtigsten Ziele der Peschmerga. Die kurdische Bevölkerung im Iran leidet nicht nur unter der Unterdrückung und Gewalt, die dort alle Menschen tagtäglich erleben, sondern auch unter spezifisch antikurdischer Diskriminierung. Und – wie gesagt – auch jenseits der Grenze in der Autonomen Region Kurdistan bombardiert der Iran. Entsprechend groß ist der Wunsch nach dem Ende des Terrorregimes und einem Leben in Frieden. Die Peschmerga wissen, dass das Regime nicht von allein verschwindet.

Ist ein geschwächtes iranisches Regime aus kurdischer Perspektive tatsächlich das beste Szenario?

Das beste Szenario aus kurdischer Perspektive wäre, wenn das Regime fällt. Dieses Regime hat den Kurden nichts als Terror und Unterdrückung gebracht.

Droht dann nicht eher ein Bürgerkrieg?

Ronya Othmann,

schreibt Lyrik, Prosa und Essays und arbeitet als Journalistin. Zuletzt erschien „Rückkehr nach Syrien: Eine Reise durch ein ungewisses Land“ beim Rowohlt Verlag.

Man weiß nie, was in Zukunft passiert. Im Irak folgte auf den Sturz Saddam Husseins ein langer Bürgerkrieg, doch der hatte vielfältige Ursachen. Und daraus lässt sich kein Automatismus für den Iran ableiten. Fakt ist: Das iranische Regime überzieht die Region seit Jahren mit Terror. Der Krieg ist also schon längst da. Ein Sturz des Regimes könnte auch für mehr Frieden und Stabilität sorgen.

Was bedeutet das für die kurdische Frage?

Die Kurden haben unter dem Schah gelitten, sie leiden unter der Islamischen Republik. Sie wollen ein Ende der Unterdrückung. Der Sturz des iranischen Regimes birgt die Möglichkeit für grundlegende politische Veränderungen und neue Perspektiven. Ob Unabhängigkeit, Autonomie oder Föderalismus wird sich zeigen, im Mittelpunkt stehen erst mal Freiheit und Selbstbestimmung.

Beim taz lab wird Ronya Othmann gemeinsam mit Kristin Helberg und Naseef Naeem darüber sprechen, welche Perspektive Syrien in instabilen geopolitischen Zeiten hat. Blaue Bühne, 17 Uhr.

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