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Der Klub der gutartigenMasochisten

Es ist schon lange her, dass ich mich habe tätowieren lassen. Die stundenlangen, schmerzhaften Sitzungen haben mir mit den Jahren den Spaß genommen. Anfangs half mir noch das Adrenalin, den Schmerz zu dämpfen – schließlich tat ich etwas Neues, Aufregendes. Doch je öfter ich mich unter die Nadel legte, desto mehr spürte ich die Stiche. Dann las ich kürzlich von einem Start-up in London, das offenbar die Lösung für Menschen wie mich entwickelt hat: schmerzfreie Tattoos, die mithilfe von Pflastern mit hauchfeinen Nadeln unter die Haut gebracht werden.

Es klingt wie eine Lösung. Doch fühlt es sich nicht richtig an. Ist das Leiden beim Tätowieren wirklich ein Problem, das überwunden werden muss?

Der Begriff „Tattoo“ hat seinen Ursprung im tahitianischen Wort „tātau“, was je nach Quelle entweder auf das rhythmische Geräusch bei der traditionellen Tätowiermethode verweist oder so viel wie „Wunden schlagen“ bedeutet. Schmerz spielte in der polynesischen Gesellschaft ursprünglich eine wichtige Rolle. So soll der Sohn des Häuptlings von Tahiti beim Tätowieren genau beobachtet worden sein, um herauszufinden, wie viel Schmerz er ertragen konnte. In Samoa wiederum hieß es, dass Tattoos für Männer das Äquivalent zu den starken Schmerzen seien, die eine Frau bei der Geburt ertragen muss. Auch in Europa spielte das Hautgefühl bei der Tätowierung eine wichtige Rolle. Bei der Gletschermumie Ötzi etwa befinden sich die Tattoos genau auf den Körpermeridianen, die man in der Akupunktur zur Schmerzlinderung benutzt. Tattoos und der sie begleitende Schmerz sind also seit jeher Teil von geheimnisvollen Ritualen und Initiationsriten.

Diese Riten gibt es im westlichen Mainstream so nicht mehr. Doch Schmerz erfüllt weiterhin eine wichtige Funktion. Zwar wird derjenige, der sich das Knie angehauen hat, das in den wenigsten Fällen genießen. Jedoch wird in der Wissenschaft das Phänomen des „Benign Masochism“ beschrieben, was übersetzt so viel wie „gutartiger Masochismus“ heißt. Demnach kann man Freude an eigentlich unangenehmen körperlichen Reizen empfinden – vorausgesetzt, das Gehirn signalisiert absolute Sicherheit.

Das Tätowierstudio ist so ein sicherer, moderner Ritusraum. Denn in einer Zeit, in der sich die überwiegende Mehrheit von uns über viele Stunden hinweg im virtuellen Raum bewegt, markiert Schmerz eine gewisse Echtheit. Man spürt sich endlich mal wieder so richtig und ist im Klub derjenigen, die Schmerz Gefühlstaubheit vorziehen, dabei. Es wäre schade, wenn diese seltene Erfahrung verschwindet.

Wohl auch deshalb lehnen heute viele Tattooroutiniers schmerzstillende Salben ab. Das heißt nicht, dass man Schmerz mögen muss. Ich finde ihn, wie gesagt, äußerst unangenehm und es gibt Stellen, die würde ich nicht oder nicht mehr unter eine Tattoomaschine halten – zum Beispiel meinen Ellbogen. Der ist komplett mit Farbe bedeckt.

Das musste der Tätowierer damals zweimal machen. Er schwoll auf die Dicke einer Mango an. Tagelang konnte ich nur mit nach oben ausgestrecktem Arm einigermaßen schlafen. Wenn ich heute darauf zurückschaue, dann denke ich immer: Das Motiv habe ich mir wirklich verdient. Marta Popowska