modernes antiquariat: Der Großstadttraum hieß damals noch Christiane F.
Formen der Kaputtness
Vor dem Boom war auch schon Boom: Wir stellen in unregelmäßigen Abständen Berlin-Romane vor, die vor 1989 erschienen sind.
Die Geschichte rund um Christiane F. und „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ war mein zweiter Kontakt mit dem Printjournalismus. Es gab diese Stern-Hefte, die bei meinen Eltern im Keller lagen – meine Oma hatte sie mitgebracht, und meine Eltern trauten sich nicht ihr zu sagen, dass sie lieber die Zeit lasen. In denen blätterte ich also herum und las von Christiane F. Vorher gab es die Entführung der Kronzucker-Kinder, und kurz danach eine Reportage über eine New Yorker Diskothek namens „Limelight“ und über besetzte Häuser in der Oranienstraße. So sah sie also aus, die Welt da draußen. Drogen, Entführungen, Glamour. Ganz schön unheimlich.
Eigentlich gibt es das ja alles noch. Entführungen und Glamour sowieso. Nur die drogenabhängigen Vierzehnjährigen, die auf den Strich gehen, um ihr Heroin zu finanzieren, die von zu Hause weggelaufen sind und sich jetzt in Berlin herumtreiben, kommen heute vielleicht nicht mehr alle aus Westdeutschland und Gropiusstadt, sondern obendrein aus Ostdeutschland und Osteuropa.
Trotzdem scheint „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ aus einem fernen kulturellen Kontinuum zu kommen. In den frühen 80er-Jahren ist Berlin noch Westberlin, der Ku’damm ist die Straße, wo man bummeln geht. Die Discothek heißt „Sound“, im Gefängnis werden die Terroristinnen aus der RAF von den Junkiemädchen angehimmelt, und die, die man heute Migranten nennt, heißen noch nicht einmal Ausländer: Es sind schlicht Kanaken.
Aber das ist noch nicht alles. Auch das Buch selbst hat als Skandal-Medium abgedankt. Vierzehnjährige, die Rauschgift nehmen und auf den Strich gehen, mitten in der Gesellschaft – das wird heute in den nachmittäglichen Talkshows verhandelt und ist weniger ein Problem der Gesellschaft als ein Problem derer, die dieses Problem haben.
Als ich dann ein bisschen älter war, erlebte „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ in meiner Klasse eine kleine Renaissance. Irgendwann in der zweiten Hälfte der Achtziger brachten ein paar Klassenkameraden es mit in die Schule – sie kannten auch „Leute in 36“. Das Buch kursierte, man unterhielt sich über Drogen und Sucht und über das Schweinesystem. Nicht dass „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ im Sinne klassischer Aufklärung funktioniert hätte: Die beiden, die das Buch mitbrachten – und sich die allermeisten Gedanken machten über die Kreislauf von Sucht und Entzug, die Abfolge von weichen zu harten Drogen – schluckten, rauchten und spritzten ein oder zwei Jahre später selbst, als gäbe es kein Morgen.
Schaut man sich das Buch heute noch einmal an, ist es vor allem eines, was übrig geblieben ist: Die Vorstellung, dass Berlin irgendetwas damit zu tun hat, dass man sich hier über andere Formen von Kaputtness aus den Verhältnissen befreien kann, aus denen man kommt. Der Großstadttraum. Zwar hat das bei Christiane F. viel mit David Bowie und all dem zu tun, was dann die Achtziger hervorbrachten – und so will das heute natürlich keiner mehr hören. (Selbst die Neunziger sind ja mittlerweile vorbei, wird gemunkelt.) Aber bis heute kommt niemand nach Berlin, weil die Unis hier so gut wären oder die Häuser so hoch. Nach Berlin kommt man, weil hier Dinge locken wie der Sound oder die Szene. TOBIAS RAPP
Christiane F.: „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Gruner + Jahr, Hamburg 1993, 324 Seiten, 19,80 DM
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