: Der Film vor dem Film
Warum das Ende der Sommersaison auch seine guten Seiten hat: Unser Autor scheitert regelmäßig am Aufstellen seines Liegestuhls im Freiluftkino. Doch schafft er es einmal, lehnt er sich zurück, um die Show des Scheiterns der anderen zu genießen
Foto: Alessandra Schellnegger/ SZ Photo/ picture alliance
Von Uli Hannemann
Vom Urnengang in Sachsen-Anhalt abgesehen, dürfte wohl kein öffentliches Feldexperiment mehr Zweifel an der Vernunftbegabung der Menschheit schüren als dreihundert Besucher, die im Freiluftkino versuchen, die dort für sie bereitgehaltenen Liegestühle aufzustellen.
Das gilt leider auch für uns. Denn ich gehe höchstens einmal im Jahr dahin, und habe dann jedes Mal aufs Neue den simplen Trick vergessen, mit dem man in drei Sekunden diese Affenfalle aus Holz und Leinwand aufbauen könnte. Wir sind also selbst ein interaktiver Bestandteil dieses evolutionären Offenbarungseids.
Natürlich gibt es wie überall auch hier immer ein paar von diesen Einsteins, die nicht so wie ich als erstes den Stuhl in die Hand nehmen, und vollkommen random daran herumruckeln, -ziehen, und -zerren. Sondern die stattdessen das Ding angucken, einfach nur angucken, analysieren, und es BEGREIFEN.
Danach erst handeln sie bedächtig und zielgerichtet. Ich weiß nicht, wie die das anstellen. Sie müssen Superhirne haben. Ich hingegen bin nur ein redlicher Geisteshandwerker, rechtschaffen und fromm. Ich kann das nicht. Meine einzige Technik lautet: Versuch und Irrtum. Und Irrtum und Irrtum und noch mal Irrtum.
Schnell schwindet auch noch der letzte Rest von Stolz. Die Scham, die sich angesichts des dilettantischen Spektakels einstellt, ist schier überwältigend. Sollen wir einfach wieder gehen? Ich könnte theatralisch einen Anruf faken und aufgeregt herumzetern: „Oh mein Gott, das Haus ist abgebrannt“, „Mutter ist tot“, „Der Hundesitterin ist die Fruchtblase geplatzt“. Komödienstadl goes Open Air.
Und sie dann wiederum so knallchargenmäßig vor den Umstehenden deklamierend als stünde sie vorne am Bühnenrand: „Ja, saudoof, dann können wir ja leider nicht im Kino bleiben, su-per-scha-de.“ Das ist das Stichwort. Fluchtartig verlassen wir den Ort der Schande. Der Stuhl bleibt schlüssigerweise liegen, ist schließlich ein Notfall, perfekte Tarnung.
Wir widerstehen der Versuchung. Natürlich linsen wir auch immer öfter verstohlen rüber zu den Nachbarn: Wie machen die anderen das? Vor allem die wenigen, die entweder öfter herkommen, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben, oder die es schlicht checken: die besagten Superhirne.
Doch selbst durch Zugucken und Imitation komme ich nicht weiter. Denn entweder sieht man gerade zufällig bei denen zu, die genauso überfordert wirken wie wir, oder aber es geht zu schnell: Klack, klack, klack, fertig. In der Kürze der Zeit werde ich nicht schlau daraus. Dabei können selbst Katzen aus Beobachtung lernen. Ich anscheinend nicht. Es ist deprimierend.
Erst flüsternd, dann schreiend, beginnen wir uns untaugliche Tipps zu geben, ach was „Tipps“, eher sind es wirr gestammelte Beschwörungen aus der Hölle eines völlig kompetenzbefreiten Aktionismus, und dazu jede Menge Flüche. Gleich können sich die Kinoschweine ihren verschissenen Rubik’s Chair aber mal ganz tief in den Arsch schieben. Fuck you, kack you, danke Merkel.
Doch die Selbstzweifel halten immer nur so lange, bis man es am Ende doch noch geschafft hat. In zehn Minuten. Rekordzeit. Glaube ich. Und stets ist es eine Mischung aus Epiphanie, Zufall und Mitleid der Götter. Dabei gibt es sowieso immer nur genau diesen einen kleinen Kniff, den man verinnerlichen muss, nicht mehr; alles andere ergibt sich von selbst daraus. Und ebendiesen Kniff vergesse ich jedes Mal im Laufe eines Jahres wieder: Irgendwas mit der Armlehne.
Direkt im Anschluss an das Gelingen setzt der völlige Größenwahn ein: Warum mache ich das eigentlich nicht beruflich? Am liebsten würde ich nach dem Liegestuhl gleich noch eine riesige Stadt mit goldenen Dächern und exquisiten Kaufläden errichten.
Weichwangige Snowflakes möchten jetzt sicher denken, dass ich, in der Stunde des Triumphes gnädig geworden, nun den anderen Losern um mich herum selbstlos unter die Arme griffe. Mit Rat und Tat, der Engel vom Freiluftkino. Aber gemach, Freunde und Kupferstecher, ich bin ja nicht von der Heilsarmee. Und ich hatte es auch nicht leicht. Ich aß mein Brot mit Tränen. Mir hat ebenfalls keiner geholfen, ich musste da ganz alleine durch. Am Ende hat mich genau das stark gemacht.
Daher denke ich, wenn ich sie jetzt stattdessen gründlich verhöhne, dürfte sie das nur anspornen. Jetzt erst recht, werden sie in ihrer ohnmächtigen Wut denken, diese in Energie umwandeln, und sich mit noch mehr Feuereifer an das so gut wie unlösbare Problem machen. Auf dies Weise helfe ich ihnen ungemein. Eines Tages werden sie mir dankbar sein.
Um ehrlich zu sein, bin ich aber einfach auch ein ziemlich schlechter Mensch. Und als solcher bereitet es mir nun mal ein teuflisches Vergnügen, mich buchstäblich zurückzulehnen, und die Show des Scheiterns zu genießen.
Wahnsinn, dieses Pärchen da neben uns. Hektische rote Flecken im Gesicht, clumsy Pfoten, gleich klemmen sie sich auch noch ihre unegalen Griffel zwischen Hauptstrebe und Fußteil ein. Au weia, ich hol dann aber nicht den Notarzt. Meine Güte, diese erbärmlichen Trottel. Was für ein Slapstick. Im Grunde gehe ich nur deshalb noch in dieses komische Wiesenkino.
Denn warum auch sonst? Die Vorstellung fängt für meinen Seniorengeschmack deutlich zu spät an, manchmal ist der Film schlecht; entweder wird es saukalt, regnet, obwohl das nicht im Internet stand, oder uns saufen die Mücken aus. Die Schlange vorm Bierstand ist ewig lang, weil sich die ganzen Popcornidioten ihr dämliches Popcorn in riesige Pappeimer schaufeln lassen.
Das dauert. In meinen Augen existiert keine überschätztere Substanz als Popcorn. Wie kann man etwas in den Mund nehmen, das allenfalls dazu taugt, Pakete mit zerbrechlichen Gütern auszupolstern. Und die Unsitte gibt es ja auch nur im Kino. Außerhalb käme kein Schwein auf die Idee. Nicht zu vergessen diese enervierenden Popcorn-Fressgeräusche – kkhhrrrpp, kkhhrrrpp, kkhhrrrpp, wie so Raupen, die in einer populärwissenschaftlich gestalteten Insektendoku mit tausendfacher Lautstärke wiedergegeben werden –, wenn die Opfer gerade mal nicht einander zuquaken, was in dem Moment auf der Leinwand passiert. Mann, Leute, das sehe ich doch, ich brauche von euch keine Audiodeskription für Sehbehinderte. Schnauze, sonst Fresse.
Hinter dem Areal für die Liegestühle stehen noch mehrere Reihen Plastikstühle, für die Faulen, oder die zu spät Kommenden – irgendwann sind die Liegestühle nämlich alle –, vielleicht auch für kluge und vornehme Menschen, denen Begriffe wie Würde, Maß und Vernunft keine Fremdwörter sind. Dafür sitzen sie dann eben hinten, aber ich hege den starken Verdacht, dass sie zivilisatorisch eher ganz weit vorne mit dabei sind.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen