Der Fall Edward Snowden

Braucht es heldenhafte Menschen?

Weil Whistleblower Snowden seine Angst überwand, wissen wir mehr über das System weltumspannender Überwachung. Ist er deswegen ein Held?

An einem Fenster klebt ein Sticker mit dem Gesicht Edward Snowdens, darunter steht das Wort „Asyl“

Obwohl er im Exil lebt, kennt sein Gesicht jede.r: Edward Snowden. Doch ist er auch ein Held? Foto: imago images/Manngold

Darf denn niemand mehr einfach eine Held.in sein? Keine Greta Thunberg, die den Klimastreik zur weltweiten Bewegung gebracht hat, auch keine Carola Rackete, die ein großes Schiff steuerte, um Flüchtlinge aus dem Mittelmeer zu retten und dann auf europäischen Boden zu bringen. Brauchen wir keine Held.innen mehr?

Edward Snowden zum Beispiel. Nur weil der Ex-Geheimdienstangestellte, der jetzt im Asyl in Moskau wie eingemauert festsitzt, unter den quadratischen bunten Klebern des Rubik’s Cube Mikro-Informationen herausgeschmuggelt hat, weiß man vom weltumspannenden Überwachungs- und Datensammelwerk der NSA. Und nur seinetwegen wurde die Sache mit der unkontrollierten Überwachung wenigstens zwischenzeitlich ein wenig schwieriger.

Gerade legt Snowden mit „Permanent Record“ seine Memoiren vor. Die CIA erwartet sich von dem Buch so gute Gewinne, dass sie selbst beteiligt werden will. Schließlich gehörten die Geheimnisse, die Snowden da ausplaudert, irgendwie ihnen. Das hat das US-Justizministerium diese Woche verkündet.

Kriterien, wer ein Held oder eine Heldin ist, sind weder subjektiv noch beliebig, hat der Professor für Ethik und Sozialphilosophie Arnd Pollmann neulich bei Deutschlandfunk Kultur ausgeführt. Held.innen unterscheiden sich demnach von normalen Menschen, indem sie außeralltägliche Dinge tun. Sie machen, im Gegensatz zu den normalen, mehr, als sie für ihre moralische Pflicht erachten. Und sie gehen dabei ein großes persönliches Risiko ein. „Sie zeigen uns“, sagt Pollmann, „uns ‚Normalos‘, wenn man so will, was Menschen möglich ist, wo wir selbst dazu in aller Regel zu feige sind“.

Wir bewundern Held.innen also, weil sie ihre Angst überwinden.

Edward Snowden sieht das anders. Zwischen ihm und seinem Freund, dem Whistleblower Daniel Ellsberg, gebe es einen Konflikt, erzählte er diese Woche bei einer Buch-Präsentation. Ellsberg sage, man solle Menschen Helden nennen.

Er selbst, Snowden, hält dagegen. Man fälle schließlich selbst jeden Tag Entscheidungen, bei denen man eine heldenhafte Wahl treffen könne. „Es gibt keine heldenhaften Menschen“, meint er, „es gibt heldenhafte Entscheidungen.“

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taz-Vize seit 2016, davor US-Korrespondentin & Büroleiterin des Tagesspiegel in Washington. Schwerpunkte Rechtspopulismus, transatlantische Politik, Datenschutz und digitale Transformation der taz.

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