Der Ethikrat: Wo die Kraft fehlt

Muss man sich mit dem ewigen Scheitern abfinden? Der Ethikrat sieht eine gewisse Traurigkeit im Spiel und gibt sich Mühe mit der Weihnachtsfeier.

Blaue, weiße und türkisfarbene Weihnachtskugeln

Der Ethikrat in seiner Umsicht hatte Weihnachtskugeln mitgebracht Foto: Rolf Haid/dpa

Als ich kürzlich auf den Balkon ging, um den Badezimmerteppich auszuschütteln, traf ich den Ethikrat. Ich war überrascht, ihn dort zu finden, denn der Balkon ist sehr klein und im Dezember kein angenehmer Aufenthaltsort. Der Ethik­rat besteht aus drei älteren Herrn von geringer Größe, die mich gelegentlich aufsuchen, um mir Hinweise in Sachen praktischer Ethik zu geben. Der Rat saß auf sehr kleinen Klappstühlen und hatte einen Heizpilz aufgebaut.

„Wir möchten auch unter diesen pandemischen Bedingungen so etwas wie eine Weihnachtsfeier mit denen begehen, die wir auf ihrem Erkenntnisweg begleiten“, sagte der Ethik­ratsvorsitzende und wies einladend auf einen Teller mit Lebkuchen. Ich war gerührt und ein bisschen verlegen, üblicherweise neigt der Ratsvorsitzende nicht zu Gefühlsüberschwang.

„Wie werden Sie Weihnachten verbringen?“, fragte ich in der Hoffnung, etwas über die familiäre Situation der Ratsmitglieder zu erfahren. „Mein Kollege war so freundlich, sowohl meine Mutter und mich als auch unseren Kompagnon zu sich einzuladen“, sagte der Ratsvorsitzende und nickte dem Ratsmitglied zu, das gerade eine Engelsgirlande am Balkongitter befestigte. „Und selbst?“

„Wir reisen dieses Jahr nicht zur Großfamilie“, sagte ich, „wir bleiben einfach hier.“ Deshalb war ich zuvor allein zu einem Besuch zu meiner Mutter gefahren. Es war ein schöner Besuch gewesen, nur davon unterbrochen, dass ich wiederholt ungefragt Ratschläge zur Lebensführung meiner Mutter gegeben hatte, die sie gefasst hatte vorüberziehen lassen. Ich aß einen Lebkuchen und dachte an die Kette von ethisch-moralischen Unebenheiten der letzten Zeit.

Keine Spur von einem Erkenntnisweg

Die Lüge gegenüber einer besorgten Besucherin über den angeblichen Erfolg unseres Kampfs gegen die Katzenflöhe. Der Obdachlose, bei dem ich keine Zeitung gekauft habe, kurz nachdem ich unfassbar viel Geld für einen Pulli ausgegeben hatte. Die Abwesenheit nennenswerten Engagements für die Allgemeinheit. Lappalien und Nicht-Lappalien, die in ihrer öden Häufung zeigen, dass von einem Erkenntnisweg nicht die Rede sein konnte. Dabei war ich nicht einmal zu den tiefer gehenden Unebenheiten vorgedrungen.

„Wir könnten etwas singen“, sagte das Ethikratsmitglied, das gewöhnlich schwieg, und zog eine Flöte aus seiner Tasche. „Ich möchte noch eine Frage stellen“, unterbrach ich ihn. „Es ist doch philosophischer Konsens, dass es in der moralischen Bewertung von Handlungen weniger um den Erfolg als um die Absicht geht.“ Der Vorsitzende nickte, während er aus einem Beutel Kunstschnee holte, mit dem er die Balkonbrüstung bestäubte. „Aber was ist der Maßstab dafür, ob die Absicht mit genügend Nachdruck verfolgt wurde?“, sagte ich. „Man weiß doch nicht einmal selber, wo die Kräfte enden.“

Der Ethikrat schien vertieft in die Schönheit seiner Weihnachtsdekoration, das dritte Ratsmitglied, das bislang vor allem Lebkuchen gegessen hatte, hing nun blaue und goldene Kugeln auf. „Ich werde mein Leben lang einen allwissenden Erzähler vermissen“, sagte ich.„Jemand, der mir sagen kann: Das kannst du leisten, das nicht. Für das Straßenmagazin sollte es reichen und auch für ein bisschen Tun über den eigenen Tellerrand hinaus.“ Das Ratsmitglied spielte leise ein paar traurige Flötentöne. „Mir doch egal, ob das unmündig ist“, fügte ich hinzu, bevor es jemand anderes sagen konnte.

„Wir müssen uns mit der Traurigkeit abfinden“

Der Ratsvorsitzende sah mich mit einem Blick an, den ich nicht deuten konnte, aber inzwischen staubte es auf dem Balkon wegen des Schnees, den der Wind in meine Richtung blies. „Der Weg der Philosophie ist steinig“, sagte er. „Wir müssen uns auf die Traurigkeit des Scheiterns gefasst machen.“ „Aber wie?“, fragte ich. Doch da begann das andere Ratsmitglied „Es kommt ein Schiff geladen“ zu flöten und ich verstummte. Der Rat sang alle Strophen mit großer Innigkeit. Dann verabschiedete er sich.

Als ich am nächsten Morgen auf den Balkon ging, fand ich neben einem Häufchen Kunstschnee einen Umschlag mit roter Schleife. Darin lag eine Urkunde, auf der in krakeliger Schrift stand: „Der Ethikrat bescheinigt Frau F. Gräff philosophisches Bemühen im vergangenen Jahr.“

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