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Park Chan-wooks Thriller „No Other Choice“ inszeniert Abstiegsangst mit bitterer Komik: Ein geschasster Angestellter kämpft brachial um einen Job
Von Arabella Wintermayr
Wo von „keiner anderen Wahl“ die Rede ist, sind Zweifel angebracht. Denn eine solche andere Wahl gibt es im Grunde immer – wer die Floskel bemüht, beschreibt meist keinen Zwang, sondern sich selbst: sein Weltbild und damit jenes stille Ordnungssystem, das seinem Denken zugrunde liegt, das Terrain der eigenen Entscheidungsmöglichkeiten absteckt und sie sortiert, manche Handlungsoptionen als „vernünftig“ bewertet und andere direkt aus dem Bereich des Machbaren verbannt.
Auch in Park Chan-wooks bitter-komischem Thriller zeigt sich dieses Muster: Dem Manager Yoo Man-su (Lee Byung-hun) wird nach über 25 Jahren in der südkoreanischen Papierindustrie gekündigt.
Weil er sich weigert, eine Liste „entbehrlicher“ Mitarbeiter zu erstellen, steht am Ende sein eigener Name darauf. Man habe schlicht keine andere Wahl, erklären die neuen US-amerikanischen Eigentümer von Solar Paper letztlich unbeeindruckt.
Aus der wohlfeilen Formel spricht ebenfalls mehr eine Überzeugung als eine Notwendigkeit: die, dass, was dem Profit und seiner Maximierung dient, nun mal das einzig Vernünftige ist – und deshalb selbst Entlassungen im großen Stil kaum einer Rechtfertigung bedürften. Nicht umsonst liegt schließlich im „Rationalisieren“ etymologisch bereits die Vernunft begraben.
Park Chan-wook nimmt die behauptete Alternativlosigkeit beim Wort: In der treffend „No Other Choice“ betitelten Adaption des 1997 erschienen Roman „The Ax“ treibt er sie mit satirischer Konsequenz auf die Spitze.
Was mit einer Kündigung beginnt, setzt eine Kette immer fatalerer Entscheidungen in Gang. Diese erscheinen im Lichte eines pervertierten Denkens, das die Bedeutung eines Menschen aus seiner wirtschaftlichen Brauchbarkeit ableitet, fast schon rational – oder gar alternativlos.
Bislang hatte sich Yoo Man-su auf der richtigen Seite der Bilanz gewähnt. Sein Leben trägt die beruhigenden Insignien gesicherter Mittelstandsverhältnisse: ein gepflegtes Haus mit eigenem Gewächshaus im Garten, eine elegante und ihm hingebungsvoll zugewandte Ehefrau namens Mi-Ri (Son Ye-jin), ein notorisch genervter, aber zu ihm aufblickender Teenagersohn und eine in sich gekehrte, musikalisch hochbegabte junge Tochter.
Es ist ein Alltag, dessen Harmonie der südkoreanische Filmemacher Park Chan-wook eingangs bei einem pittoresken Grillfest, untermalt von Mozarts Klavierkonzert Nr. 23, beinahe überdeutlich arrangiert. Natürlich muss da auf Man-sus im Überschwang familiärer Eintracht geäußertes „Ich habe alles!“ bald der Fall folgen.
Entgegen seinem Mantra, binnen drei Monaten eine neue aussichtsreiche Anstellung zu finden, steckt er auch über ein Jahr später noch immer im Einzelhandel fest. Er muss in kafkaesk anmutenden Bewerbungsgesprächen seine eigene Tauglichkeit behaupten.
Zu Hause wiederum beginnt Ehefrau Mi-Ri mit dem Wegrationalisieren dessen, was eben noch selbstverständlich war: erst der Zweitwagen, dann das Klavier, der Esstisch, der gemeinsame Tanzkurs, ihre Tennisstunden, das Netflix-Abo, schließlich das Haus. Selbst die Golden Retriever geraten zur Verhandlungsmasse.
Mit jeder gestrichenen Position schrumpft nicht nur der Besitz, sondern auch der Raum, in dem sich das Leben bislang selbstverständlich ausgebreitet hatte. Man-su erlebt diesen Prozess weniger als plötzlichen Absturz denn als schleichende Umdefinition seiner Existenz. Die Welt, die ihm eben noch Wert beimaß, beginnt ihn neu zu taxieren.
Als Gattin Mi-Ri schließlich auch noch eine Stelle als Zahnhygienikerin in der Praxis eines jungen, auffallend attraktiven Arztes annimmt, ist die stille Demütigung komplett – und Man-sus Entschluss gefasst: Um seine Chancen im Kampf um Anstellung und Anerkennung zu verbessern, bleibt ihm „keine andere Wahl“ als konkurrierende Bewerber auszuschalten.
Mit einer Mischung aus beinahe kindlicher Tüftlerlust und kühler Präzision folgt „No Other Choice“ dem Plan, den Man-su daraufhin entwirft: Er platziert eine verführerisch formulierten Anzeige für eine hoch dotierte Position in einem frei erfundenen Papierunternehmen.
Dann sichtet er akribisch die Lebensläufe, sortiert die vielversprechenden aus und stellt – gar nicht einmal besonders diskret – jenen Kandidaten nach, die ihm am geeignetsten und damit am gefährlichsten erscheinen.
Beim Inszenieren der Ausführung dieses Vorhabens überrascht Park Chan-wook mit Slapstick-Szenen und einer beinahe körperlichen Komik. Die verleiht „No Other Choice“ einen deutlich größeren Hang zur Albernheit, als man es aus südkoreanischen Filmen wie „Parasite“ (2019) kennt, in denen sich sozialkritische Schärfe mit einem deutlich finstereren, spöttischen Humor die Balance hält.
Dadurch geht bisweilen analytischer Biss verloren: Man-su tötet nach und nach Männer, die nicht nur seine ohnehin seltene Leidenschaft für Papier, sondern auch die gleiche prekäre Situation teilen und in ihrer Sorge um ihre Existenz dem Alkohol verfallen sind. Wie er reiben sie sich für eine bessere Zukunft der eigenen Kinder auf oder fühlen sich im Blick ihrer Ehefrauen nicht mehr begehrenswert: Die darin mitschwingende Tragik auszustellen, gelingt Park Chan-wook nicht immer deutlich genug.
Dieses Versäumnis ist bedauerlich: „No Other Choice“ erscheint ja zu einer Zeit, in der ein Politikstil wieder in Mode gekommen ist, der Kürzungen beim Sozialstaat oder Einschnitte bei Arbeitnehmerrechten – unter dem Etikett der „Alternativlosigkeit“ verkauft und rhetorisch wie praktisch eine ganz ähnliche Dynamik befeuert: Diese besteht darin, Arbeitnehmer gegeneinander auszuspielen oder die Angst der Mitte vor dem sozialen Abstieg gegen jene am unteren Rand zu wenden, also auf die ökonomisch Schwächsten zu lenken, statt auf jene, die von dieser Dynamik noch profitieren.
In anderer Gestalt aber zeigt sich diese Tragik dann im bitteren Schlusspunkt von „No Other Choice“ doch. Da nämlich tritt ein Mitbewerber auf, der sich nicht ohne Weiteres „ausschalten“ lässt, und der ebenfalls mit der Beschwichtigung, im Hinblick auf die Wettbewerbsfähigkeit „gar keine andere Wahl zu haben“, zum Einsatz gebracht wird: die künstliche Intelligenz.
Wenn man so will, wirkt der Film selbst wie ein Anarbeiten gegen diese Logik. Einerseits, weil „No Other Choice“ ausgerechnet von der Faszination für Papier erzählt, diesem analogen Relikt im Rauschen des Tech-Booms.
Aber auch, weil Park Chan-wooks Kino selbst wie kaum ein zweites für die Liebe zum künstlerischen Handwerk steht: Durch präzise komponierte Bilder (Ryu Seong-hee), sorgsam eingesetzte Musik (Jo Yeong-wook), Schnitte (Kim Sang-beom) im rhythmischen Eigenwillen und eine Kamera (Kim Woo-hyung), die nicht erfasst, sondern erschafft.
Dieser bestechend schön arrangierte Film atmet die Erhabenheit einer Arbeit, die ihren Wert gerade daraus bezieht, das Ergebnis vielfältiger menschlicher Hingabe und ineinandergreifender Gewerke zu sein. Vielleicht liegt darin die leise Erkenntnis des Endes: dass im Angesicht dieses Gegners das Gegeneinander endgültig an seine Grenzen gelangt. Gegenüber der KI bleibt womöglich gar keine andere Wahl, als Unersetzlichkeit als ein Gemeinschaftsprojekt zu begreifen.
„No Other Choice“. Regie: Park Chan-wook. Mit Lee Byung-hun, Son Yejin u. a. Südkorea 2025, 139 Min.
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