Demos in Bosnien und Herzegowina: Tränengas und Steinehagel

Die Massenproteste gegen schlechte Lebensbedingungen ergreifen weitere Städte. Mehrere Verwaltungsgebäude stehen in Flammen.

Demonstranten in Tuzla. Bild: ap

SARAJEVO taz | Wie ein Flächenbrand haben sich die Demonstrationen und Belagerungen von öffentlichen Gebäuden in Bosnien und Herzegowina am Freitag ausgebreitet. In Sarajevo versammelten sich im Laufe des Nachmittags mehrere Tausend Menschen. Die Polizei setzte Tränengas ein, die Demonstranten antworteten mit einem Steinehagel. In der 120.000 Einwohnder zählenden Industriestadt Tuzla drangen Demonstranten erneut in das Verwaltungsgebäude des Kantons ein und zündeten es an. Es brannte nieder.

Mit den Rufen „Diebe“ und „verschwindet“ belagerten Demonstranten das Gebäude des Kantonsgebäudes in der 100.000 Einwohner zählenden Stadt Zenica. Dort geriet die Lage am Nachmittag außer Kontrolle, es kam zu Schlägereien auf offener Straße, die Polizei war hilflos. Anhänger des Fußballvereins Sloboda Tuzla (Freiheit Tuzla) riefen zum Bau von Molotowcocktails auf.

Militante Proteste gegen die lokalen Politiker gab es auch in Bihac, wo ebenfalls das Kantonsgebäude besetzt wurde, und in den Kleinstädten Donji Vakuf, Sanski Most, Brcko und Mostar demonstrierten jeweils Hunderte. Ruhig verliefen dagegen kleinere Demonstrationen in den serbisch kontrollierten Städten Banja Luka und Prijedor.

Bosnien und Herzegowina ist seit dem Ende des Jugoslawien-Krieges und dem Friedensvertrag in Dayton 1995 in zwei Entitäten aufgeteilt: die bosniakisch-kroatische Föderation und die Republika Srpska. Beide Entitäten verfügen jeweils über ein Parlament und eine Regierung.

Die serbische Teilrepublik ist zentralistisch aufgebaut, die Föderation hingegen besteht aus 10 Kantonen und das Gebiet um Brcko hat einen eigenen Status.

Der Gesamtstaat ist schwach, Wirtschaftspolitik wird im Rahmen der Föderation in den Kantonen gemacht. Die Proteste richten sich vor allem gegen die Kantonsregierungen in der bosniakisch-kroatischen Föderation.

In Sarajevo wurde für den Abend eine noch größere Menschenmenge erwartet. Deshalb formierte sich ein großes Polizeiaufgebot. Busse von Emigranten aus Wien werden in Tuzla erwartet, Serben aus Bijeljina und anderen Städten Ostbosniens verbreiten im Internet ihre Solidarität mit den Arbeitern in Tuzla.

Warnung in sozialen Netzwerken

Die Politiker scheinen abgetaucht zu sein. Lediglich Fahruddin Radoncic, Vorsitzender der Partei „Für eine bessere Zukunft“ und Chef der größten Zeitung Dnevni Avaz, erklärte, die Kantonsregierungen seien an der Lage schuld, er hätte auf die Brisanz der Situation wiederholt hingewiesen.

In sozialen Netzwerken wird vor weiterer Gewalt gewarnt. Bei den Gewalttätigen könnte es sich auch um Provokateure handeln, sagen manche. Doch die Stimmung heizt sich weiter auf.

Allmählich entsteht auch ein Bild, wie alles begonnen hat. Wie schon seit Monaten demonstrierte am vergangenen Mittwoch eine Gruppe Arbeiter vor dem Gebäude der Kantonsregierung in Tuzla. Zu den Klängen einer Harmonika sangen sie Lieder, schwenkten die altbosnische Lilienflagge und hielten das Poster des ehemaligen Staatschefs Jugoslawiens Josip Bros, genannt Tito, hoch. Sie forderten, mit den Verantwortlichen des Kantons zu sprechen, weil sie seit 27 Monatren keinen Lohn mehr erhalten hatten.

Als niemand auf ihre Forderungen reagierte, versuchte die Delegation der Protestierenden, das Gebäude mit Gewalt zu betreten. Als Polizisten sie daran hinderten, kam es zu Rangeleien. Angesichts dieser Situation riefen Aktivisten der Zivilgesellschaft junge Menschen zum Protest auf, über Facebook mobilisiert kamen weitere Menschen hinzu, um gegen die „Diebe“ und die „Korrupten“ zu demonstrieren.

Übergriffe der Polizei

Aktivisten der Organisation „Udar“ (Schlag) und der Facebookseite „50.000 Leute auf die Straße für einen besseren Morgen“ unterstützten die Arbeiter. Der mit dem Bild von Che Guevara auf Facebook agierende Aldin Sragojevic, Sprecher von Udar, wurde festgenommen. Gerüchte machten die Runde, die Polizei hätte ihm die Beine gebrochen, was die Mobilisierung verstärkte.

Doch auch tatsächliche Übergriffe durch die Polizei ließen die Situation eskalieren. Immer mehr Menschen erklären jetzt in den Medien, in den letzten Monaten Hunger gelitten zu haben. Im Fernsehen TVBiH wurde über Fälle von Selbstmord vieler Menschen berichtet, die nicht mehr ihr Leben finanzieren können.

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