Demonstration zum 8. Mai in Berlin: Gedenken und Kampf bis heute

Bis zu 8.000 Menschen feiern in Berlin den Tag der Befreiung vom Faschismus und kritisieren rechtsextreme Strukturen in Polizeibehörden.

Porträt der Holocaust-Überlebenden Esther Bejerano von 2020

Die Holocaust-Überlebende Esther Bejarano wurde per Video zugeschaltet Foto: Jürgen Heinrich/imago

BERLIN taz | „Ist schon wieder 1. Mai?“ fragt ein mit Einkaufstüten beladener Mann lachend in der Kreuzberger Wiener Straße, als er das große Polizeiaufgebot und die vielen Menschen erblickt, die gerade in Richtung Spreewaldplatz ziehen. Man könnte es tatsächlich denken: 8.000 Menschen sind nach Angaben der Ver­an­stal­te­r:in­nen zur Demonstration unter dem Motto „Ihr seid keine Sicherheit – Gemeinsam gegen Rassismus, Antisemitismus und Nazis in den Sicherheitsbehörden“ erschienen.

Ein Sprecher der Polizei ging gegenüber der taz von rund 5.000 Teil­neh­me­r:in­nen aus. Damit war die Demonstration wesentlich größer als erwartet, hatte doch etwa die Polizei im Vorfeld nur mit bis zu 2.500 Teil­neh­me­r:in­nen gerechnet. Die Demonstration zog vom Platz der Luftbrücke in Tempelhof bis nach Kreuzberg. Ihr Anliegen war laut Demoaufruf nicht nur, „den Jahrestag der Befreiung vom deutschen Faschismus“ zu zelebrieren, sondern auch „die sofortige Entnazifizierung der mit rechtsradikalen Netzwerken und Ideologien durchsetzten Sicherheitsbehörden“ zu fordern.

Die Mischung aus Fest und Protest gelingt: Etwa in der Mitte des Demozugs singen Teilnehmende „All You Fascists Bound To Lose“ des Folksängers Woody Guthrie. Eine junge Frau fragt auf einem Schild, wen man anrufen solle, wenn die Polizei Menschen ermorde. Die Migrantifa fordert auf ihrem Transparent „kein Stück vom Kuchen, sondern Baklava für alle“. Insbesondere in der vorderen Hälfte des Zugs ertönen immer wieder Sprechchöre, die sich primär gegen Faschismus und rassistische Polizeigewalt richten.

Grußbotschaft von Esther Bejarano

Auf der Auftaktkundgebung wird eine Grußnachricht der Ausschwitz-Überlebenden Esther Bejarano abgespielt. Sie kritisiert das „nicht eingelöste Versprechen der Entnazifizierung“. In der Nachkriegszeit hätten Altnazis Polizei und Militärbehörden aufgebaut. Auch dies sei einer der Gründe für die „fast täglich bekanntwerdenden“ Fälle rechtsextremistischer Strukturen innerhalb der Polizei. Ihr Ausruf „Nie wieder Faschismus – Nie wieder Krieg!“ geht im Applaus unter. Es folgt eine Schweigeminute, während der nur das Zwitschern einiger Vögel zu hören ist.

„Ich bin hier, damit der 8. Mai als Tag der Befreiung ein gesetzlicher Feiertag wird“, sagt eine junge Frau zu Beginn der Demonstration dem Reporter. Der konkrete Anlass sei aber „die Polizeigewalt am 1. Mai“. Dieser Grund, heute hier zu sein, fällt immer wieder. In Hamburg hatte die Versammlungsbehörde alle linken Demonstrationen verboten, in Frankfurt kam es zu massiver Polizeigewalt, mindestens zwei Demonstrierende erlitten Schädelbasisbrüche. Auch in Berlin wurde die Revolutionäre 1. Mai-Demonstration nach einigen hundert Metern aufgelöst, woraufhin es zu Ausschreitungen kam. Dieses Vorgehen wird zur Größe der Demonstration am Samstag beigetragen haben.

Dennoch glich die Parade eher einem durch die Kieze ziehenden antifaschistischen Straßenfest – das aber von einer Kleinarmee aus 1.300 Po­li­zis­t:in­nen begleitet wurde. Dennoch blieb es friedlich. Lediglich als die Polizei einen jungen Mann aus der Demo in einen Hauseingang zog, nachdem dieser einen Spruch auf ein Baustellenschild geschrieben haben soll, kam es kurzweilig zu Handgreiflichkeiten. Die Ver­an­stal­te­r:in­nen kritisierten gegenüber der taz zudem „rechtswidrige Vorkontrollen“. Das Resümee des Polizeisprechers hingegen lautete: „So wünschen wir uns eine Kundgebung.“

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