Debütalbum von Wet Leg: Pläne schmieden auf der Gästecouch

Kleiner Hype für zwischendurch: Das britische indie-schmindie Frauenduo Wet Leg hat Vorschusslorbeeren bekommen. Nun erscheint das Debütalbum

Zwei junge Frauen liegen im Grass

Mögen's verknäuelt: Rhian Teasdale und Hester Chambers von Wet Leg Foto: Hollie Fernando

Hach, wie schön es wäre, so wie früher mal den Tag auf dem Sofa herumzulümmeln. Alles vollzukrümeln, Löcher in die Luft zu gucken, dabei Musik zu hören. Statt dessen starrt man mit schlechter Körperhaltung auf Bildschirme und versucht, eine Welt im Dauer-Krisenmodus zu verdauen. Zumindest für gut drei Minuten darf man sich in ein Szenario wie das eingangs beschriebene entführen lassen: von dem britischen Duo Wet Leg und seinem Hit „Chaise Longue“. Ihr Angebot wurde offenbar gerne angenommen, der Song millionenfach gestreamt.

Eingeleitet wird ihre latent laszive Ode ans Sofa-Slackertum von einem trockenen Beat, der sich hochschraubt zu punkigem Power-Pop, angetrieben von einer bratzigen Gitarre und trockenem, surrealem und dabei mitsing-tauglichem Humor („Is your ­mother worried?
 Would you like us to assign someone to worry your mother?“).

Wet Leg: „Wet Leg“ (Domino/GoodtoGo)Live: 16. 5., Köln, 24. 5., München, 25. 5., Berlin

Nicht zuletzt, weil die anderen Vorboten ihres Debütalbums, etwa das schnodderig dahingeleierte „Oh No“ – knackige Social-Media-Kritik: „I went home all alone / I checked my phone / And now I’m inside it“ – sich als ähnlich kurzweilig erwiesen, gab es Vorschusslorbeeren und viel Hype um Rhian Teasdale and Hester Chambers, das Beste-Freundinnen-Duo von der süd­eng­li­schen Isle of Wight.

2019 hatten die beiden Mittzwanziger verabredet, der Legende nach bei einer betrunkenen Riesenradtour, gemeinsam Songs zu komponieren – obwohl Teasdale mit Musik da eigentlich durch war. „Ich wollte unter keinen Umständen mehr traurige Gedanken zu Musik ummünzen, sondern Songs schreiben, die Spaß machen – beim Hören und beim Spielen.“ Wobei viele der lakonischen Texte sich durchaus den Momenten im Leben widmen, in denen man sich fragt, was der ganze Scheiß eigentlich soll.

Verwundert, aber nicht beeindruckt vom Hype

Das Indie-Label Domino Records war so überzeugt von der Musik, dass es die Katze im Sack kaufte: Im Interview erzählen Teasdale and Chambers, ein paar Stücke hätten sie bereits vor der Pandemie fertiggestellt, zunächst einmal, um auf lokalen Festivals kleine Sets zu spielen und so keinen Eintritt zu bezahlen. Das Album war bereits in trockenen Tüchern, als „Chaise Longue“ im Juni 2021 erschien; die Versuchung, diese Erfolgsformel zu Tode zu reiten, bestand also nicht.

Mit „Wet Leg“ ist den beiden Künstlerinnen ein ausbalanciertes, an einigen Stellen überraschend konventionelles Debüt gelungen: mal sarkastisch, manchmal melancholisch; gespickt mit sexuellen Anspielungen, Exfreund-Bashing und Referenzen an Lieblingsfilme, etwa die Teeniekomödie „Mean Girls“ (dt: „Girls Club – Vorsicht bissig!“) von 2004.

Beim Interview scheinen Teasdale und Chambers zwar verwundert, aber nicht beeindruckt von dem Hype. Bei der Begrüßung liegen sie ineinander verknuddelt auf dem Sofa, in überdimensionierten Flausch-Fleecejacken. Auch als sie dann am Tisch sitzen, wirken sie eher wie die 17-Jährigen, die sie waren, als sie sich am College kennenlernten – nicht wie die 28-Jährigen, die sie heute sind.

Die feenhaft wirkende Chambers hat eine hohe, zarte Stimme, ein Kontrast zu ihrem energischen Gitarrenspiel. Ihr Geld verdiente sie bislang durch Mitarbeit im Juwelierladen ihrer Eltern. Die unerschrockene Teasdale, Hauptsängerin, versuchte sich in verschiedenen Jobs und zog oft um: nach Bristol, London und Brighton, zurück auf die Isle of Wight.

Kein Karriereplan

Beide wirken so zugänglich wie uneitel, angenehm frei von Sendungsbewusstsein. Geduldig erklären sie ihre In-Jokes, reminiszieren über gemeinsame Unternehmungen: Zitierfähiges kommt bei dem so vergnüglichen wie unergiebigen Interview allerdings kaum heraus – was erfrischend wirkt, in Zeiten, wo Künst­le­r*in­nen sich fast schon verpflichtet zu fühlen scheinen, Abgründe zu beackern: die privaten (Identitätswirren! Psychische Beschädigungen!) ebenso wie die politischen (Klimawandel! Konflikte!). Wet Leg blicken lieber nonchalant auf ihre eigene überschaubare Welt.

Dass sie dabei keinen Karriereplan verfolgen, nimmt man ihnen durchaus ab. Der Reiz am Musikmachen, so Teasdale, liege schon jetzt darin, die Zeit heraufzubeschwören, als ihr Titel „Chaise Longue“ entstand – übrigens tatsächlich auf dem Möbelstück, das Teasdale als Schlafplatz dient, wenn sie Chambers besucht: „Wir hatten so viel Zeit, obwohl wir alles selbst gemacht haben. Das Schöne an DIY ist, dass man einfach über den Haufen wirft, was einem nicht gefällt. Sobald jemand in dich investiert, sieht das anders aus“.

Bleibt ihnen zu wünschen, dass sie einen Weg finden, diesen Spirit zu erhalten – auch wenn mittlerweile wohl viele Menschen darauf setzen, dass diese neueste Indiepop-Hoffnung nun bitte auch liefert.

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