Debütalbum von Israelin Cloud of I: Wegsegeln mit Soundhealing

Yuli Shafriri alias Cloud Of I kombiniert Elemente der psychedelischen Kultur mit Musiktraditionen mit Cutting-Edge-Produktion.

Cloud of I, hier mal auf der Erde Foto: Jonatan Bubu Cohen

Yuli Shafriri sitzt vor wenigen Tagen beim Zoom-Interview im Haus von Freunden. Die junge Künstlerin lacht in die Kamera, obwohl die vergangenen Tage für die 27-Jährige kräftezehrend waren. „Normalerweise wohne ich in Jaffa, das ist momentan leider nicht der sicherste Ort. In den letzten Tagen bin ich herumgereist, habe versucht, den Raketen der Hamas aus dem Weg zu gehen.“

Wenige Tage später werden Shafriri und mit ihr befreundete Mu­si­ke­r*in­nen ein Konzert in einem Dorf im Norden Israels geben, das von den Raketenangriffen der Hamas verschont bleibt.

Die Stimmung ist ausgelassen, es wird getanzt, gejohlt gelacht, gefeiert. Yuli Shafriri stimmt ihren Song „Sail Away“ mit der Zeile „I want to cele­brate“ an. Die Bilder sind eine friedliche Gegenbewegung zu dem andauernden Konflikt in der unruhigen Region des Mittleren Ostens. „Vor dem Konzert haben wir eine kleine Zeremonie abgehalten, um für Frieden zu beten“, erklärt die israelische Sängerin.

Die spontane Open-Air-Aktion war das erste Konzert, das Shafriri und ihre Band seit vergangenem Jahr spielten. Erstmals konnte sie die Songs ihres Bandprojekts Cloud Of I vorstellen. Auf den fünf Songs der EP „Gazing“, die im Juli erscheint, verweben Shafriri und ihre Band verschiedenste Einflüsse aus Globalpop, Folk, Psych-Rock und Elektronik zu einem meditativen Klangteppich.

Feministisches Kollektiv im Kibbuz

Das Interesse für alternative Musik und Lebensweise wurde Shafriri schon in die Wiege gelegt. Aufgewachsen ist sie in Tel Aviv mit ihrer Mutter. Ihr Vater lebte im Kibbuz Kineret, den seine Vorfahren bereits im Jahr 1913 nahe des Sees Genezareth gründeten. Bei Wochenendausflügen in die feministische Kollektivsiedlung begann Shafriris Faszination für die Natur, die bis heute anhält. Im Kibbuz und in ihrem Elternhaus entdeckte sie auch ihr Interesse für Musik aus aller Welt. „Ich bin mit arabischen, brasilianischen und afrikanischen Sounds aufgewachsen, bis heute inspirieren mich die Alben meiner Mutter, mein Vater mag Jazz, Psychedelic Rock und Globalpop.“

Cloud of I: „Gazing“ (Batov/Broken Silence)

Wie viele andere junge Israelis zieht es Shafriri mit Anfang zwanzig nach Europa. In den Berliner Technoclubs feiert sie nächtelang zu elektronischer Musik, in Paris zieht sie in ein besetztes Haus. Mit ihren Mit­be­woh­ne­r:In­nen teilt sie ein Studio und fängt an, mit der Musiksoftware Ableton zu experimentieren. In Paris keimt auch die Idee für ihr Soloprojekt „Cloud Of I“.

Während viele junge Mu­si­ke­r*in­nen in Europa bleiben, entscheidet sich Yuli Sha­fri­ri jedoch für ein Leben in ihrer israelischen Heimatstadt. „Nach meiner Rückkehr begann ich, mehr Zeit in der Natur zu verbringen. Das Leben in Europa war mir zu intensiv, ich habe mich nach einer anderen Lebensweise gesehnt“, berichtet sie im Zoom-Interview. Sie reist in verschiedene Teile Israels, lernt unterschiedliche Gemeinschaften kennen, besucht alternative Festivals und übt sich in Meditation. Ihre Par­ty­erfahrung aus Europa treibt sie auch in das Nachtleben Tel Avivs.

Im Gegensatz zu Berlin und Paris ist die Musikszene in der israelischen Metropole überschaubar: „Die Musikszene in Tel Aviv ist zwar klein, aber sehr aufgeschlossen. Es gibt viele Einflüsse, jeder kennt jeden.“ Shafriri kennt sich im Underground Tel Avivs aus, sie ist Teil der Punk- und Rock-’n’-Roll-Szene. Bei der legendären Band the White Screen war sie Backgroundsängerin, später singt bei der Band Şatellites, die von türkischem Psychedelic-Rock inspiriert ist.

Loops am Mikrofon

Ihre Songtexte schreibt Shafriri inzwischen auf Englisch und Hebräisch. Ihre Stimme setzt sie wie ein Instrument ein. Bei Zeiten klingt sie mantraartig, an anderen Stellen wiederum betörend und treibend. „Die Art und Weise, wie ich meine Songs komponiere, ist sehr intuitiv. Ich finde einen Loop, schließe das Mi­kro­fon an und fange an zu singen. Manchmal singe ich auf Englisch, manchmal auf He­bräisch. Die hebräische Sprache ist für mich persönlicher, sie ist direkter.“

Die Songs von Cloud of I entstehen sowohl analog als auch digital. Die akustischen Melodien spielt Shafriri mit der Gitarre ein, die Loops programmiert sie mit Ableton. Die Songs entstehen oft in Zusammenarbeit mit dem Schlagzeuger Ben Ben Franklin, den Shafriri ihren musikalischen Partner nennt.

Das Duo ergänzen Toot Aviv (Synthesizer), Nimmtod Goldfarb (Bass) und Ariel Meriash (Gitarre). Neben Gesang und Gitarre spielt Shafriri auch Synthesizer und Schlaginstrumente. „Als Kind lernte ich brasilianischen Kampftanz. Bis heute habe ich das Rhythmusgefühl in meinem Körper, deshalb behandele ich jedes Instrument wie ein Perkussionsinstrument“, erklärt Shafriri.

Die fünf Songs der Debüt-EP „Gazing“ hat das Quintett bereits vor dem Lockdown fertig produziert. Während der Coronabeschränkungen zog Shaf­ri­ri in ein Dorf im israelischen Norden. Dort entdeckte sie die Praxis des tibetanischen Soundhealings für sich. Dabei werden vokale und instrumentale Vibrationen genutzt, um den Körper zu entspannen. „Schon als Kind habe ich mich selbst durch Sing- und Atemübungen geheilt. Durch Soundhealing ist mir die Wirkung von Musik noch bewusster geworden“, erklärt sie. Den entspannenden Effekt hört man auch ihrer Musik an. Neben Gesang, Gitarre und Synthesizern stechen pulsierende Perkussionen hervor.

Konzerte für Geimpfte

„Gazing“ erscheint beim britisch-israelischen Label Batov, das Funk- und Dancefloorsound aus verschiedensten Ländern veröffentlicht. Der Kontakt wurde ihr von der beliebten Bar teder.fm in Tel Aviv vermittelt, in der Shafriri häufig auflegte und performte. In Israel sind Konzerte für Geimpfte wieder erlaubt. Shafriri plant eine Show anlässlich der Plattenveröffentlichung, sie möchte auch im Ausland touren.

Im Interview äußert sie sich dazu allerdings verhalten, nicht nur aufgrund der ungewissen Auftrittssituation im Ausland, sondern vor allem wegen des Nahostkonflikts. „Ich bin keine Politikerin und möchte mich nicht positionieren. Ich wünsche mir Frieden und dass die Menschen nicht mehr in Gefahr leben. Mein Herz ist mit den Leidenden in dieser komplizierten und sensiblen Situation.“

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