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DebatteAm guten Leben sparen kostet zu viel

Die Sauna im Solebad Cannstatt zu schließen zeigt, wie die Stadt Stuttgart öffentliche Räume kommerzialisiert. Weniger betuchten Menschen wird ein Treffpunkt genommen, stattdessen kann ein Unternehmen dort Geschäfte machen. Das ist nicht alternativlos, sondern eine politische Entscheidung.

Sie haben noch gut lachen: Die Stadt Stuttgart will die Saunen im Solebad Cannstatt schließen. Foto: Stuttgarter Bäder

Von Gastautor Mark Schwarz

Der Doppelhaushalt der Stadt Stuttgart für 2026 und 2027 ist beschlossen. Die großen Demonstrationen eines breiten Bündnisses aus Sozialer Arbeit, Kultur, Bildung und Zivilgesellschaft haben am Abstimmungsergebnis im Gemeinderat nichts mehr geändert. Das Spardiktat steht. Gleichzeitig waren und sind die Proteste politisch notwendig, weil sie sichtbar gemacht haben, dass Haushaltsentscheidungen keine neutrale Technik sind, sondern Prioritätensetzungen, die in Körper, Beziehungen und Routinen eingreifen. Mit jeder Kürzung und jeder vermeintlich sachlichen Optimierung stellt sich die grundlegende Frage neu, ob Städte vor allem betriebswirtschaftlich funktionieren sollen oder ob sie Bedingungen für ein gutes Leben für möglichst viele Menschen schaffen müssen. Wenn am guten Leben gespart wird, verschwinden nicht nur Posten in Tabellen, sondern soziale Räume, gesundheitliche Entlastung und Vertrauen in demokratische Gestaltung.

Was bislang auffällig fehlt, ist eine öffentliche Debatte über jene kommunalen Einschnitte, die nicht im politisch aufgeladenen Feld zwischen Kultur und Sozialarbeit verortet sind und dennoch zentrale Funktionen für Teilhabe, Alltag und Gesundheit erfüllen. Kürzungen an Alltagsinfrastrukturen wie den Stuttgarter Bädern kommen leise, kleinteilig und scheinbar unpolitisch daher. Während über Etats, Institutionen und Förderlinien gestritten wird, werden Einschränkungen bei Öffnungszeiten, Personal, Zugänglichkeit und niedrigschwelligen Angeboten häufig als technische Details behandelt.

Die Sauna lässt sich nicht so einfach ersetzen

Am 19. Dezember 2025 beschloss der Gemeinderat den Doppelhaushalt. Vorausgegangen waren nichtöffentliche Vorberatungen in diversen Ausschüssen. Unter Verweis auf eingebrochene Steuereinnahmen wurde ein strikter Sparkurs festgelegt, der sich im Wirtschaftsplan des Eigenbetriebs Stuttgarter Bäder in mehreren konkreten Maßnahmen niederschlägt: Eintrittspreise steigen, für Thermen sollen am Wochenende Zuschläge erhoben werden und Hallenbäder sollen weiterhin während der Freibadsaison für den öffentlichen Betrieb schließen. Was lange mit Personalmangel begründet wurde, erscheint nun offen als Sparmaßnahme. Besonders einschneidend ist die Entscheidung, den Saunabetrieb im Solebad Cannstatt dauerhaft einzustellen. Begründet wird dies mit Sanierungskosten von über zehn Millionen Euro, die nicht eingeplant sind. Stattdessen soll die Fläche an den bereits im Gebäude tätigen Reha-Anbieter ZAR der Nanz medico GmbH & Co. KG verpachtet werden. Die Stadt spart also nicht nur Betriebs-, Personal- und Sanierungskosten, sondern erzielt zusätzliche Pachteinnahmen, während eine öffentliche Diskussion über soziale Funktion, Nutzung und gesundheitlichen Wert weitgehend ausbleibt.

Die Sauna im Solebad ist kein Luxus, sondern Alltagsinfrastruktur. Ihr Abbau trifft Gesundheit, Entlastung und Teilhabe direkt. Für viele Menschen ist dies ein bezahlbarer Ort der Gesundheitsförderung, der sozialen Begegnung und der körperlichen Regeneration gerade dort, wo andere Zugänge zu Sport, Erholung und medizinischer Unterstützung eingeschränkt sind.

Viele Besucher:innen sind Rentner:innen, Erwerbstätige, Menschen mit knappen Budgets oder auch mit eingeschränkter Beweglichkeit. Dass das Bad und die Sauna trotz fehlender Barrierefreiheit so vielseitig und stark genutzt wird, verweist auf den hohen Bedarf und die feste Verankerung im Alltag. Menschen treffen sich dort regelmäßig, kommen ins Gespräch, entwickeln Routinen. Für viele ist der Saunabesuch eine Form selbstorganisierter Gesundheitsvorsorge, die sie sich gerade noch leisten können.

Die Stadt verteidigt die Schließung vor allem damit, dass am Standort ein schon vorhandenes Gesundheitsangebot ausgebaut werde und es in Stuttgart weiterhin ein attraktives Saunaangebot gebe. Diese Argumentation wirkt plausibel, solange man Sauna als austauschbares Element städtischer Infrastruktur versteht. Sie verliert jedoch an Überzeugungskraft, sobald man die konkrete Nutzungssituation ernst nimmt. Mit der Ausweitung des Reha-Angebots verschiebt sich die Logik des Ortes: Wo bislang ein städtisch verwalteter und öffentlich zugänglicher Bereich bestand, entsteht ein privatwirtschaftliches Angebot, das nicht jeder nutzen kann.

Auch der Verweis auf andere Saunen im Stadtgebiet greift zu kurz. Genannt werden das Leuze, das Mineralbad Berg, die Sauna im Stadtbad Heslach sowie ein zukünftiger Standort in Zuffenhausen. Aber: Das Leuze ist regelmäßig überfüllt, das Mineralbad Berg hat weniger Angebote, und das Hallenbad Heslach inklusive Sauna ist während der Freibadsaison geschlossen. Der angekündigte Standort in Zuffenhausen existiert bislang nicht. Stadtweit entsteht so eine reale Lücke, besonders östlich des Neckars. Wer bislang das Solebad genutzt hat, muss in überlastete Alternativen ausweichen oder verzichten.

Das ist neoliberale Spar- und Verwertungslogik

Hinzu kommt ein allgemeiner Trend zur Privatisierung durch Vermietung öffentlicher Bäder, der über das Solebad hinausgeht. In mehreren Stuttgarter Bädern werden seit Jahren Flächen und Zeitfenster an private Anbieter vergeben, etwa für Kursangebote von Aquafit der privatwirtschaftlich organisierten ATX-Training GmbH. Diese blockieren mit über 130 Kursen pro Woche Zeit und Beckenflächen, oft genau dann, wenn viele Menschen schwimmen wollen. Aus allgemeiner Daseinsvorsorge werden kostenpflichtige Spezialangebote. Ärmere Menschen verlieren, Unternehmen verdienen.

Die Schließung der Sauna ist Ausdruck einer neoliberalen Kommunalpolitik. Kosten, Einnahmen und Verwertungspotenziale rücken in den Vordergrund, während defizitäre Angebote selbst dann als Problem gelten, wenn sie zentrale Alltagsfunktionen erfüllen. Formal bleibt die Fläche in städtischem Eigentum, die Stadt wird zur Vermieterin. Faktisch wird sie der allgemeinen Nutzung dauerhaft entzogen. Weil solche Eingriffe weniger Aufmerksamkeit erzeugen als Kürzungen in Kultur oder Sozialarbeit und Betroffene seltener politisch organisiert sind, setzt sich diese Politik oft geräuschlos durch.

1994 eröffnete Stuttgart das Solebad mit Sauna in einem sozial prekären Stadtteil und trotz hoher Schulden. Damals wurde selbst bei knapper Kasse in die Daseinsvorsorge investiert. Heute wird weiterhin ein bisschen gebaut, aber bevorzugt dort, wo Angebote institutionell gut nutzbar sind: Das Sportbad Neckarpark dient vor allem Vereinen, Schulschwimmen und Wettkampf. Gleichzeitig verschwand das Stadtbad Cannstatt, weil die Sanierung als zu teuer gilt; ob der Neubau in Zuffenhausen tatsächlich ein wohnortnahes Alltagsbad wird, ist offen.

Die Stadt soll ein gutes Leben für alle organisieren

Am Solebad wird sichtbar, was der Rückbau öffentlicher Alltagsinfrastruktur konkret bedeutet. Der Verlust eines niedrigschwelligen Ortes für Gesundheit, Begegnung und Entlastung senkt Lebensqualität, weil vertraute Routinen wegbrechen und Alternativen oft teurer oder überlastet sind. In einem zweiten Schritt trifft dies auch die demokratische Bindungskraft, weil als alternativlos präsentierte Entscheidungen und spürbare Verschlechterungen im Alltag den Eindruck erzeugen, Politik sei keine verlässliche Adresse mehr, was rechte Parteien wie die AfD aufgreifen können, indem sie solche Erfahrungen in Anti-Establishment-Erzählungen übersetzen, ohne Lösungen zu bieten.

Weder das Solebad noch Stuttgart sind Einzelfälle. Kommunale Haushalte stehen bundesweit unter permanentem Konsolidierungsdruck. Einschnitte ins gute Leben werden dann gerne als alternativlos dargestellt. „Die Konsolidierung wird für uns alle spürbar sein, das sage ich offen. Manche Leistungen werden reduziert, Projekte verschoben und Gebühren oder Steuern angehoben“, erklärte Stuttgarts Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann (CDU). Eine Aussage, die Verteilungsfragen unsichtbar macht. Wenn eine Stadt ihre Finanzprobleme deshalb ausgerechnet dort „löst“, wo Menschen mit wenig Geld und wenig Einfluss Gesundheit, Erholung und soziale Kontakte organisieren, ist das kein neutrales Verwaltungshandeln, sondern eine harte politische Entscheidung mit sozialen und demokratischen Kosten.

Wer dagegen Bäder, Saunen und andere öffentliche Einrichtungen als Teil des guten Lebens versteht, denkt Kommunalpolitik als Gestaltungspolitik und das System kommunaler Finanzierung und Zuständigkeiten als politisch veränderbar. Also muss der Konflikt nach oben getragen und die Verteilungsfrage doppelt gestellt werden: politisch, weil Aufgaben nach unten an die Kommunen verlagert werden, ohne dass Zuständigkeiten und Mittel im gleichen Maß mitwandern. Und finanziell, weil unten gekürzt, verteuert und reglementiert wird, während oben Vermögen geschont und Reichtum kaum zur Finanzierung öffentlicher Infrastruktur und sozialer Grundversorgung herangezogen wird. Genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob Kommunalpolitik weiterhin Sparverwaltung bleibt oder wieder zur Gestaltungspolitik werden kann, die das gute Leben praktisch ermöglicht.

Mark Schwarz ist Soziologe, Doktorand und arbeitet an der Fakultät Architektur und Stadtplanung der Universität Stuttgart. Er besucht selbst gerne die Stuttgarter Bäder und hat die Petition zum Erhalt der Saunen im Solebad Cannstatt initiiert.

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