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Dating-Apps sind wie KatalogeEin Kapitel weiter gehen

Dating-Apps machen uns zu Ausstellungsstücken. Beim ersten Treffen stellt sich die Frage: Einfach weiterblättern oder das Date mit nach Hause nehmen?

Die Zeit swipte darüber hinweg: ein zwanzig Jahre alter Versandhauskatalog Foto: imago

D ating-Apps sind wie Kataloge. Man swiped von Foto zu Foto und sucht sich aus, was einem besten gefällt. Aber auch man selbst wird zum Ausstellungsstück und bietet sich im Katalog an. Um mir Profile anschauen zu können, muss auch ich Fotos von mir hochladen und hoffen, dass mein Gegenüber meine Bilder mag und wir matchen. Manchen reicht das dann schon, um sich auf Bier, Kaffee oder sonst etwas zu verabreden. Mir nicht. Wenn mir der erste Anblick gefällt, studiere ich im zweiten Schritt eingehend das Profil und entscheide erst dann, die Person anzuschreiben.

Einige Dating-Apps machen Vorschläge, wie man sich über Fotos hinaus präsentieren kann und bieten sogenannte Eisbrecher an. Auf „Darin könnte ich dich vermutlich schlagen“ schreiben viele „Tischtennis“ oder geben eines ihrer anderen Talente an. Nicht so R. Er schrieb: „Ich bin eigentlich nicht hier, um jemanden zu schlagen.“ Das löste Widerspruch in mir aus.

Auf Darin könnte ich dich vermutlich schlagen schreiben viele „Tischtennis“

Vielleicht hatte ich gerade meinen Eisprung oder war leicht angeschwipst, als ich ihm den Kommentar hinterließ: „Schlagen ist ja nicht immer schlecht.“ Darauf passierte: nichts. Bis er sich ungefähr drei Monate später meldete und ich gerade gelangweilt genug war, um darauf einzugehen. Wir verabredeten uns fürs Wochenende. Er schlug eine Bar vor, ich konterte mit einer, die fußläufig zu meiner Wohnung lag. Ich hatte Lust auf Sex. Da war es besser, nach der Bar nicht erst weit fahren zu müssen.

Am Freitag beim Bier stellen wir fest, dass wir beide Jobs haben, in denen wir viel schreiben, wenn auch auf ganz unterschiedliche Art. Ich frage ihn, warum er sich nach so langer Zeit noch bei mir gemeldet hat, er sagt, er habe länger nicht in die App geschaut, meine Antwort habe ihn neugierig gemacht. Er erzählt, dass er eine Zeitlang auf einer Dating-App für Menschen mit Fetischen war. Er erzählt es nüchtern, auch das Thema bringt uns irgendwie nicht in den Flirtmodus.

Kein Vibe da

Wir ziehen dennoch weiter in eine andere Bar, und ich manövriere uns auf ein Plüschsofa, habe Lust auf Knutschen, aber von R. nehme ich keinen Vibe in die Richtung auf. Als er gegen Mitternacht vorschlägt, zu gehen, ist mir immer noch nicht klar, ob es für ihn ein Aufbruch Richtung nach Hause ist oder er sich auch anderes vorstellen kann. Ich jedenfalls will ihn mit zu mir nehmen. Auf der Straße küsse ich ihn endlich, er ist überrascht, aber nicht abgeneigt. Dann laufen wir langsam in die Richtung meiner Wohnung.

„So“, sage ich, als wir vor meinem Haus ankommen, „hier wohne ich. Möchtest du noch mit hochkommen?“ R. ist wieder etwas perplex, er zögert, ringt offenbar innerlich mit sich. Und erklärt: Er habe nicht damit gerechnet, es sei schon länger her, dass er mit einem ersten Date im Bett gelandet sei, er habe eine lange Arbeitswoche hinter sich, sei müde und unentschlossen, was er von mir wolle.

Wir einigen uns darauf, noch ein wenig zu spazieren. Nach ein paar Runden durch den Kiez und noch mehr Knutschen stehen wir an einer Kreuzung. „Wie sieht’s aus?“, frage ich. „Zur U-Bahn geht es nach da“, sage ich und nicke nach links. „Zu mir nach da“ – Kopfbewegung nach rechts. „Gehen wir zu dir“, sagt R.

Wir knutschen erst auf meinem Sofa, wechseln dann ins Bett. R. zieht mich aus, küsst meinen Körper, umküsst meine Vulva, leckt meinen Kitzler, schiebt zwei Finger in mich hinein. Er ist der erste Mann, bei dem ich gleich beim ersten Sex komme. Selbst zu kommen, ist ihm gar nicht wichtig, er hat Spaß an der ganzen Sache und ich auch. Er bleibt zum Frühstück. Wir tauschen Nummern. Ich lösche ihn aus meinem Katalog und mich aus seinem. Und blättere weiter.

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Mira Milborn
Mira Milborn schreibt. In der taz die Kolumne "Zu mir oder gleich hier" übers Dating Ü40 - Spaß garantiert, cringe auch. @mirimil.bsky.social Instagram.com/miramilborn
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