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Das letzte Hotel

Seine Geschichten klangen wie ein langer, abgedrehter Rock-‘n‘-Roll-Text: Nina Hagen. Seine Frau in Holland. Sid Vicious. Seine Tochter. Jimi Hendrix. Der Rock-‘n‘-Roll-Junkie und am härtesten arbeitende Mann im Showgeschäft, Herman Brood, ist tot. Er stürzte sich vom Dach eines Amsterdamer Hotels

von H. P. DANIELS

1978. Kant-Kino, Berlin. The Wild Romance. Hey, Mann, wer ist dieser Typ? Dieser Heart-And-Soul-Rock-‘n‘-Roll-Junkie? Herman Brood war früher bei Cuby & The Blizzards, dann bei Vitesse. Jetzt kommt er mit eigener Band, hämmert ins Piano, raspelt, haspelt, spult in atemberaubender Geschwindigkeit seine hektischen Poeme herunter wie kleine Filme: von wilden Jungs und Mädels, wilden Romanzen, Straßenszenen im Zwielicht, Drogen und Rock‘n‘Roll: „Hate to see you fade away in some heartbreak-hotel room“.

Wir haben uns sofort verliebt in diesen dürren kleinen Holländer mit dem irre flackernden Blick, in seine Band Wild Romance und seine großartige Musik. Wir haben seine Platten gekauft: „Spritz“, „Cha Cha“, „Bühnensucht“, sind in jedes Konzert mit ihm gerannt.

„Brood für die Welt“ haben wir gesagt, aber es reichte nur für einen Hit in Holland und Deutschland: „Saturday Night“: „Beautiful soulmusic churnin‘ out of the juke-box, chicks, dressed to kill ...“ Von den großen Konzerthallen ging‘s wieder zurück in die kleinen Clubs. Was gut war für die Musik, die sich jeder kommerziellen Verwurstung entzog, die immer ihre „Street-credibility“ bewahrte. Weniger gut war das vielleicht für Herman, der sich den größten Teil des Jahres Abend für Abend auf winzigen Bühnen abrackerte als einer der „hardest working men in showbusiness“. Jedes Jahr, um die Weihnachtszeit, spielte Herman Brood mit seiner dampfenden Band mehrere Tage im brechend vollen Berliner „Quasimodo“. Spielte oft über drei Stunden lang, nur um sich zwischendurch mal mit viel sagendem Blick zu einer „sssär wiachtigä Pause in die Chardrroubä“ zu verabschieden. Da hat er sich dann vollgeknallt mit Heroin. Seit seiner Jugend hat er das gemacht, ein Leben lang, konnte nicht aufhören damit. Ein Jammer.

Irgendwann in den 80ern bin ich mit dem kleinen dürren Hermännchen durch die Berliner Kneipen gezogen. Er trug eine schwarze Motorradlederjacke unter einem knittrigen Trenchcoat, aus dem ihm ständig Kleingeld fiel. Während er sich am Tresen abstützte, schwankte, wankte, sich einen Tequila nach dem anderen hinter die Binde kippte, sah er gläsern durch mich durch: „Ich mach mir ein bisschen Sorgen um dich“, sagte er, „wenn du Rock-‘n‘-Roll-Sänger bist, ist das ziemlich gefährlich: mit dem Alkohol, den Drogen und dieses ganze Zeug – diese Rrrausgifte!“

Dabei trank ich nur Kaffee und machte mir Sorgen um IHN. „Ach ja“, sagt er, „meine Mutti macht sich auch immer solche Sorgen um mich!“ Seine Geschichten klangen wie ein langer, abgedrehter Rock-‘n‘-Roll-Text: über seine kurze Liaison mit Nina Hagen. Seine Frau in Holland. Sid Vicious. Seine Tochter. Jimi Hendrix. Rock‘n‘Roll. Seine Vorbilder. Elvis. Johnny Thunders von den New York Dolls, der an seiner Drogensucht eingegangen ist. Herman erzählt, wie sie ihn verhaftet haben im Zug nach München. Mit Heroin im Koffer, und wie sie ihn erst mal eingebuchtet haben. „Immer diese Paranoia in Deutschland.“ Am nächsten Tag war er wieder das Energiebündel auf der Bühne und sang „Dope Sucks“: „Get down to your instinct, get back to what you honestly feel – you better do it from the heart, don‘t do it from the head!“ Und er sang „Checkin‘ out at your last hotel“ für seine Helden und Vorbilder, für alle wilden Musiker, die in Hotels gestorben waren: Dave Batholomew, Chet Baker, Sid Vicious ... Am Mittwoch hat sich der 54-jährige Herman Brood selber ausgecheckt aus seinem letzten Hotel. Er ist vom Dach des Hilton in Amsterdam gesprungen. „Ich habe keine Lust mehr“, stand in seinem Abschiedsbrief.

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