: Das ewige Z
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Aus Ingolstadt Dominik Baur
Der Moment, in dem die Mauer der jahrzehntelangen Verdrängung in sich zusammenfiel, kam, als Robert Berg vor zwei Jahren noch einmal in Auschwitz war. Mit seinen beiden ältesten Söhnen, Alfons und Willi, ist er hingefahren. Zum einen wollten sie den damals 85-Jährigen die Reise nicht alleine machen lassen, zum anderen war es auch sein Wunsch, ihnen diesen Ort zu zeigen. Den Ort, an den er als Vierjähriger verschleppt wurde. Aus einem einzigen Grund: Weil er Sinto war. Also das, was sie, seine Söhne, auch sind.
Vielleicht würden sie ja etwas verstehen, dachte Robert Berg sich. Was genau? Schwer zu sagen. Wie viele Holocaustüberlebende hatte er es stets vermieden, über die schlimmsten Erfahrungen seines Lebens zu sprechen. Vielleicht, mag die Hoffnung gewesen sein, könnte der Ort nun erzählen, was er all die Zeit nicht zu erzählen vermochte.
Auschwitz also. Zunächst habe er das Lager gar nicht wiedererkannt, sagt Berg. Sie seien zwischen den Baracken hindurchgegangen, die bis August 1944 das sogenannte Zigeunerlager bildeten. Doch dann habe er plötzlich einen Stacheldrahtzaun gesehen, dahinter eine weitere Baracke. „Ich komm da um die Ecke und schau mir diese Baracke an, und auf einmal habe ich alles wieder vor mir gesehen.“ Diese Baracke, das weiß Robert Berg in diesem Augenblick, war die Küche für die SS. „Ich habe einen Schweißausbruch bekommen und am ganzen Körper gezittert.“
Robert Berg wusste sofort, dass er in dieser Küche schon einmal gewesen war. Im Winter 1943/44 war das. Da zwängte sich der Bub durch den unter Starkstrom stehenden Stacheldrahtzaun. Bis heute ist es ihm ein Rätsel, wie er das geschafft hat. Hätte er einen der Drähte berührt, wäre es sein Tod gewesen. Aber die Anziehungskraft des Essensdufts von der anderen Seite war zu stark. Für die Häftlinge gab es schließlich nur ein bisschen Brühe und einen Kanten Brot zu essen. Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben.
Hinter dem Zaun waren es nur wenige Meter bis zur Küche, ein Fenster stand offen, sie war leer. Robert kletterte hinein, auf dem Herd stand ein Topf mit großen Fleischstücken darin. Er fand eine Gabel und einen Jutesack und stopfte so viel Fleisch hinein, wie er tragen konnte, als plötzlich ein Wachmann hinter ihm stand.
„Ich glaube, es war ein Pole. Er hat mich gefragt, was ich hier mache, und ich habe gesagt, dass ich Hunger habe. Dann hat er mir eine Ohrfeige gegeben und gesagt: Komm nie wieder, sonst erschießen sie dich.“ Daraufhin hat er den Fünfjährigen zurückgeschickt – mit dem Sack. In der Baracke, in der sie untergebracht waren, gab Robert das Fleisch seiner Mutter. „Da sind die anderen Häftlinge auf meine Mutter zugekommen wie die wilden Tiere. Sie wollten auch etwas haben. Aber es war natürlich viel zu wenig.“
Am Ende verriet einer der Mithäftlinge die Mutter. Zur Strafe musste sie die ganze Nacht in ihrer dünnen Kleidung draußen im Schnee stehen. Robert hörte sie dort wimmern. Jahre später mussten ihr als Folge der Erfrierungen ein Bein sowie Finger und Zehen amputiert werden.
„Ich habe einen richtigen Schlag bekommen, als ich die Küche wiedergesehen habe“, erzählt Berg. „Noch heute habe ich Albträume und kriege im Schlaf Schweißausbrüche. Nie wieder möchte ich dort sein.“
Während er erzählt, sitzt Robert Berg in einer Küche im oberbayerischen Ingolstadt und gibt noch einen Löffel Zucker in seinen schwarzen Kaffee. Für seine 87 Jahre ist er in sehr guter Verfassung. Noch immer geht er seiner Arbeit nach. Schrotthändler sei er, eigentlich hätte er heute noch eine Fuhre Alteisen aus Stuttgart holen sollen, sagt er, aber sein Fahrer sei ihm ausgefallen.
Die Küche, in der Berg sitzt, ist nicht die seine. Auch der Nachname Berg ist nicht der seine. Er lädt keine Fremden zu sich nach Hause ein. Und seinen echten Namen möchte er lieber nicht in der Zeitung lesen. Robert Berg will, dass seine Geschichte gehört wird, aber selbst möglichst nicht gesehen werden.
Systematische Verfolgung: Sinti und Roma sind eine anerkannte nationale Minderheit in Deutschland. Die Anwesenheit von Sinti in Deutschland ist seit dem 15. Jahrhundert dokumentiert, die ersten Roma sind vermutlich im 19. Jahrhundert eingewandert. Wie die Juden wurden auch Sinti und Roma über die Jahrhunderte Opfer von Diskriminierung, die im Genozid durch die Nazis gipfelte. Im Mai 1940 begann die systematische Deportation. Die genaue Zahl der von den Nazis ermordeten Sinti und Roma ist nicht bekannt. Schätzungen nennen eine Zahl von etwa 500.000. Heute leben in Deutschland wieder rund 60.000 Sinti.
Europäischer Gedenktag: Der 2. August ist seit 2015 offizieller Europäischer Holocaust-Gedenktag für die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma. Er erinnert an die letzten 4.300 Sinti und Roma, die an diesem Tag 1944 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von der SS ermordet wurden. Dort findet auch dieses Jahr die zentrale Gedenkfeier mit Angehörigen von Überlebenden und politischen Vertretern statt.
Bundesweit: Es gibt viele weitere Gedenk-Veranstaltungen am 2. August, darunter eine um 13 Uhr im ehemaligen Frauen-Konzentrationslager in Ravensbrück im brandenburgischen Fürstenberg/Havel sowie um 20.30 Uhr am Berliner Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas, wo auch Robert Berg und Agnes Krumwiede sprechen werden. Anmeldungerbeten.
Damit ist er nicht allein. Immer mehr Sinti wollen an die Öffentlichkeit gehen, ihre Geschichten erzählen. Und zugleich setzen viele darauf, dass ihnen ein Leben in der Verborgenheit ein wenig Sicherheit gibt. Aber das ändert sich langsam.
Die Küche, in der Berg sitzt, ist die von Agnes Krumwiede, einer Ingolstädter Politikerin und Pianistin. Die 49-Jährige, die von 2009 bis 2013 für die Grünen im Bundestag saß, ist längst die wichtigste Ansprechpartnerin der Sinti in Ingolstadt geworden, ein Bindeglied zur Mehrheitsgesellschaft. Ihr vertrauen sie.
Krumwiede ist in Ingolstadt aufgewachsen, einer Stadt, die sich lange sehr schwertat mit dem Erbe der Nazidiktatur – vielleicht schwerer als andere. Es ist noch nicht einmal ein Jahr her, dass man sich nach langen Debatten dazu durchringen konnte, dem überaus einflussreichen Verleger Wilhelm Reissmüller, einst ein höchst engagierter Nazi, posthum die Ehrenbürgerwürde zu entziehen.
Agnes Krumwiede stammt aus einem sozialdemokratisch geprägten Elternhaus, interessierte sich schon früh für die Zeit des Nationalsozialismus. Ihr erstes Referat am Gymnasium, einer Klosterschule, hielt sie mit zwölf Jahren über die Geschwister Scholl. Zu einer Zeit, als ihre Religionslehrerin den Schülerinnen noch erklärte, dass Homosexuelle in die Hölle kämen und ihr Geschichtslehrer Alfred Schickel überregional von sich reden machte, weil er als rechtsradikaler Historiker die Opferzahlen des Holocaust infrage stellte. Das war Ende der 80er Jahre.
Enkel Jeremy Landsberger
Als sich Krumwiede im Jahr 2020 an der Organisation einer Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Auschwitzbefreiung beteiligte, stieß sie bei ihrer Recherche auch auf die Namen zahlreicher Ingolstädter Sinti-Familien, lernte Holocaustüberlebende, vor allem aber deren Nachfahren kennen.
Seit 2021 recherchiert sie auf einer Projektstelle zu den Opfern des Nationalsozialismus der Stadt, im Winter 2023/24 folgte eine Ausstellung über Sinti und Roma in Ingolstadt, Ende 2025 dann die Veröffentlichung des Bandes „Gefangen in der NS-Vergangenheit“. Dass sich Menschen wie Robert Berg inzwischen geöffnet haben, hat auch mit ihr zu tun.
Berg besucht inzwischen regelmäßig Schulklassen, erzählt dort seine Geschichte. Schließlich ist er einer der letzten Sinti, die den Holocaust erlebt haben. Andere Sinti, die sich ebenfalls in Ingolstadt niedergelassen hatten, sind längst verstorben. Hugo Höllenreiner etwa, einer der ersten, die an die Öffentlichkeit gegangen sind, oder auch Karl Fröhlich. Über beide wird noch zu sprechen sein.
Wenn Berg jetzt von früher erzählt, spricht er über seine ersten Kindheitserinnerungen, damals noch in Berlin-Treptow. Direkt an der Spree hätten sie gewohnt, sein großer Bruder sei manchmal in einer alten Badewanne mit ihm ans gegenüberliegende Ufer gepaddelt.
Er erinnert sich auch an die Besuche seines Vaters, der bei der Wehrmacht war. Wie dieser ab und zu stolz in seiner Uniform nach Hause gekommen sei. Aber auch daran, wie man der Familie im März 1943 gesagt habe, sie bekomme jetzt eine neue Wohnung. Dann brachte man sie zum Bahnhof.
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Natürlich gab es keine neue Wohnung. Stattdessen wurde Bergs Mutter mit ihren sechs Kindern im Viehwaggon nach Auschwitz deportiert. Als sein Vater unter Kameraden einmal beklagte, dass er für die Deutschen kämpfe, während diese seine Familie ins KZ gebracht hätten, wurde er denunziert und ebenfalls nach Auschwitz deportiert.
Wenn die Schüler ihn darum bitten, und das tun sie meistens, krempelt Robert Berg den linken Ärmel hoch, zeigt seine Tätowierung: Z-5648 lautet die Nummer. Z wie „Zigeuner“.
Manchmal muss er weinen. Zum Beispiel, wenn er von drei seiner Geschwister erzählt, die in Auschwitz an Typhus gestorben sind. Oder vom Vater, der im Herbst 1944 von der Familie getrennt und nach Bergen-Belsen gebracht wurde, wo er unter ungeklärten Umständen ums Leben kam. Überlebt haben den Holocaust lediglich die Mutter und vier Kinder. Das jüngste von ihnen, Roberts Schwester Helga, war noch kurz vor der Befreiung auf die Welt gekommen. Nach Jahren im Displaced Persons Camp in Bergen-Belsen kam Robert dann zu den Großeltern, die in Bayern als Schausteller die Nazizeit überstanden hatten.
Wenn ihm bei seinen Besuchen in Schulklassen die Tränen kommen, ist ihm das immer sehr unangenehm. Als ob er es wäre, der sich schämen müsste. Aber so ist das mit der Scham. Sie befällt nur allzu gern die Falschen.
Von den deutschen Sinti und Roma überlebten gerade mal 5.000 die Nazis, viele von ihnen zwangssterilisiert. Für sie war es in der jungen Bundesrepublik schwer, als rassistisch Verfolgte anerkannt zu werden. Der Bundesgerichtshof entschied in einem Skandalurteil von 1956, dass die Betroffenen sich die Verfolgung zumindest bis zum Beginn der massenhaften Ermordungen im März 1943 selbst zuzuschreiben hätten – durch „eigene Asozialität, Kriminalität und Wandertrieb“. Erst 1963 wurde diese Haltung revidiert. 1982 wurde der Völkermord durch die Bundesrepublik offiziell anerkannt.
Die Erfahrung des Holocausts hat alle Sinti geprägt, egal welcher Generation sie angehören. Jeremy Landsberger etwa, 34 Jahre alt. Er kann davon erzählen, wie Erich Landsberger, der Großvater seiner Mutter, Opfer der brutalen Menschenversuche von Josef Mengele wurde. Oder wie Karl Fröhlich, der Großvater väterlicherseits, sechs Jahre lang von einem KZ ins nächste kam, nachdem er mit 15 Jahren als „Arbeitsscheuer“ verhaftet wurde – ironischerweise an seinem Ausbildungsplatz in einer Gärtnerei.
Auch Laura Höllenreiner, 39, und ihr Sohn Wesley, 15, können von ihrem Großvater respektive Urgroßvater Hugo Höllenreiner berichten; Laura ist bei ihm aufgewachsen. Er sei der wichtigste Mensch in ihrem Leben gewesen, sagt sie. Normalerweise habe er nie kurze Hosen getragen, aber einmal habe sie seine Beine sehen können, total vernarbt bis zu den Knien. Als Kind habe ihr Vater in Auschwitz bei der Entsorgung der Leichen mithelfen müssen. „Drei Jahre lang ist er bei eisiger Kälte barfuß im Massengrab gestanden. Und oft ist er ausgerutscht, hingefallen, und da hat er sich an den Zähnen der Leichen geschnitten.“
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36 Familienmitglieder haben die Höllenreiners in Auschwitz verloren. Und das sind nur diejenigen, die auch tatsächlich Höllenreiner hießen. Auf einer Tafel in der Gedenkstätte hat Wesley sie gezählt.
Auch diese Geschichte könnten die Höllenreiners erzählen: Im Lager hatte Hugo einen besten Freund. Mit ihm hat er Ball gespielt. Den Ball hatten sie sich aus Lumpen gebastelt. Als er einmal in die Nähe des Zauns flog, lief der Freund hin, um ihn zu holen. Hugo Höllenreiner wollte ihn noch abhalten, denn es war verboten, in die Nähe des Zaunes zu gehen. Ein Schuss fiel. Der Junge lief noch zurück zu Hugo Höllenreiner – und brach zusammen. Er starb in den Armen des Freundes.
„Als dann mein Großvater 2015 gestorben ist“, sagt Laura Höllenreiner, „habe ich mir vorgestellt, wie er jetzt in den Himmel gekommen ist und der Freund als erster auf ihn zugelaufen ist.“
Ja, die Ingolstädter Sinti können viel von der Vergangenheit erzählen. Aber sie wollen auch über die Gegenwart sprechen. Eine Gegenwart, in der Sinti in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vorkommen. Auch, weil sie es oft selbst bewusst vermeiden. Aber Menschen wie Jeremy Landsberger wollen sich nicht mehr verstecken.
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Man trifft ihn in einem fünfstöckigen Mietshaus unweit des Ingolstädter Nordbahnhofs. Hier, im zweiten Stock, wohnen seine Eltern. Jeremy sitzt mit seinem Vater, Jakob Fröhlich, auf dem beigefarbenen Ledersofa und erklärt, warum er das lange Schweigen endlich brechen will. Im Hintergrund hört man die Unterhaltungen weiterer Familienmitglieder, Schwestern, Schwager, Nichten, Cousins, Neffen, die Mutter; es ist eine große Familie. Die Fröhlichs zählen zu den größten Sinti-Familien in Deutschland. Allein Karl Fröhlich, heißt es, habe rund 100 Enkel.
Es gibt Spezi und Wasser. Auf dem gefliesten Boden liegt ein Perserteppich, der Wohnzimmertisch ist aus Glas. Rundherum an den Wänden eine Vitrine, ein gigantischer Fernseher und mehrere Gemälde mit goldenem Rahmen, auch eines von Karl Fröhlich. Typischer Sinti-Style, sagt Landsberger. „Dieser Mix aus Altmodischen und Modernem, uns gefällt so etwas.“
Er suche mittlerweile die Öffentlichkeit, sagt Jeremy Landsberger, weil er etwas verändern wolle. „Wir sind lange genug ruhig geblieben.“ Viele trauten sich einfach nicht, sich als Sinti zu erkennen zu geben. Sie behaupteten dann beispielsweise, italienische Wurzeln zu haben. „Ich möchte dazu beitragen, dass die Leute erkennen, dass wir hier seit 600 Jahren dazugehören. Was ist das Kriterium, dass man sich als deutsch betiteln darf? Ich meine, 600 Jahre sollten genug sein.“
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Dennoch behält auch er es hin und wieder für sich, dass er Sinto ist. Zum Beispiel, wenn er im Geschäft seines Vaters, einer Goldstube, aushilft. „Einmal kam da von einer Kundin wieder diese typische Frage: ‚Sie sind aber kein Deutscher, gell?‘ Und da habe ich gedacht, jetzt probiere ich es mal. Ich habe gesagt: Ich bin Sinto. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie schnell die Frau ihren Schmuck genommen und den Laden verlassen hat. Wortlos.“
Jeremy Landsberger hatte in seinem Leben auch immer wieder mit Bedrohungen zu tun, mit rassistischen Beschimpfungen. Und selbst wenn es manchmal nur unterbewusst oder vermeintlich scherzhaft sei, würden Sinti immer wieder als Menschen zweiter Klasse eingestuft. „Oder sie stellen uns gleich als asoziale Zigeuner hin, die von Haus zu Haus gehen und die Leute beklauen.“
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Und dann gibt es diesen einen Satz, der immer wieder fällt: „Euch hat man vergessen zu vergasen.“ Als Teenager habe ihm das mal ein Gleichaltriger zugerufen, berichtet Jeremy Landsberger. Es kam zu einer Schlägerei, die Sache landete vor Gericht. Was Landsberger am meisten schmerzte: dass der Richter über den Spruch hinweggegangen sei und vor allem kritisiert habe, dass Landsberger den anderen nach der Beleidigung als „Nazi“ beschimpft habe. Das tue man doch nicht.
Wesley Höllenreiner erzählt, wie er mit seiner Mutter Laura an einem Sonntagnachmittag in ihre Lieblingsgaststätte gehen wollte. Der Pächter hatte vor Kurzem gewechselt. Als sie ankamen, sagte ihnen eine Kellnerin, es sei nichts frei. Als Laura Höllenreiner darauf hinwies, dass draußen noch viele freie Tische seien, kam der Wirt und sagte nur, sie sollten jetzt gehen. „Wir wollen eure Sippschaft hier nicht haben.“
Es gibt natürlich auch andere Erfahrungen. Der 15-jährige Wesley erzählt, wie er in seiner Klasse auf Neugier statt auf Ablehnung stößt. „Manche Schulfreunde haben gar nicht gewusst, dass es Sinti und Roma gibt, und haben mich gefragt, was das ist.“ Im Sommer 2024 hat ein Filmteam eine halbstündige Dokumentation über Wesley gedreht, ihn dafür bei seinem Besuch in Auschwitz begleitet. Der Film wird für die politische Bildung benutzt. Wesley schlug später vor, ihn mit der Klasse anzusehen. Das habe noch mehr Verständnis bei den Mitschülern geweckt, eine Klassenkameradin habe geweint.
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Manchmal ist es nicht mehr einfach, zu unterscheiden, was die Ausnahme ist und was die Regel. Es hat sich etwas geändert in Deutschland, da sind sich auch die Sinti in Ingolstadt einig. Klar habe man Angst. Das sagt Laura Höllenreiner. Das sagt Jeremy Landsberger. Das sagt Robert Berg. Und Jakob Fröhlich sagt, man könne bei manchen Reden von AfD-Politikern förmlich „den Hitler raushören“.
Laura und Wesley Höllenreiner haben es sich zur Aufgabe gemacht, an die Verbrechen zu erinnern, die die Nazis an Sinti und Roma begangen haben. Schon als Kind hat Laura ihren Großvater oft begleitet, wenn er durch die Schulen gezogen ist, so wie heute sein Freund Robert Berg. Er war schon um die 60, als er damit begann. Heute sagt seine Enkelin: „Ich will das bezeugen, solange ich lebe, was meine Leute mitgemacht haben in der Lagerzeit.“
Seit knapp einem Jahr gibt es in Ingolstadt eine Hugo-Höllenreiner-Straße. Der Benennung ging eine jahrelange Diskussion voraus. Es ist eine schöne Straße. Viele Bäume, direkt an der Donau. Für Laura und Wesley ist es eine große Befriedigung. Ein Stück mehr Sichtbarkeit.
Bei der Vorstellung des Buches von Agnes Krumwiede hat Jeremy Landsberger über seinen Großvater Karl Fröhlich gesprochen. Er und seine Familie wünschen sich, dass auch nach ihm eine Straße benannt wird. Grüne und Linke haben im Stadtrat bereits einen entsprechenden Antrag gestellt. Es solle eine Straße sein, so Landsberger bei der Veranstaltung, die nicht nur seinen Namen trage, sondern das Unrecht sichtbar mache, das ihm und vielen anderen widerfahren sei. „Ich bin überzeugt: Wenn eines Tages Menschen durch eine Straße mit seinem Namen gehen oder fahren, werden einige von ihnen fragen: Wer war Karl Fröhlich? Und das ist eine wichtige Frage.“
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