Das Schlagloch

Samstagsgeschichten

Karsamstag zeigt, wie das Vergangene auf die Gegenwart wirkt. Gedanken zu Franziskus, Tschechow, Petrus und über die Schönheit des Ostergeschehens.

Und an manchen Orten kann man in der Osterzeit einen Zauber spüren: Peruanische Gläubige in der Karfreitagsnacht. Bild: ap

Ostern steht bevor. Das Kostümspektakel in Rom, unter der Anteilnahme 150 profaner Machthaber und Milliarden erlösungsbedürftiger Fernsehzuschauer, drängt mich, erneut meine Haltung zur Kirche, zum Glauben, zu Jesus, also auch zu Ostern zu überprüfen.

Auch zum Papst? Ach nein. Da sind andere kompetenter und wissen es schon ganz genau. Der fromme Matussek etwa, der einen Papst so ganz nach seinem Geschmack kommen sieht: einen, von dem keine „linksradikalen Schwächeanfälle“ zu befürchten sind, und dessen soziale Spiritualität nicht weiter reicht als bis zur nächsten Suppenküche.

Oder der Welt-Liberale Richard Herzinger, dem Franziskus’ Fundamentalismus – „wer nicht zu Gott betet, betet zum Teufel“ – nach „Selbstgeißelung“ und „Verzicht“ klingt, also einer Todsünde gegen die unauflösliche Einheit von „Reichtum, Genuss und irdischer Lebensfreude“.

Ich kann auch nicht beurteilen, ob im Programm der „armen Kirche für die Armen“ auf dialektische Weise eine sozialdemokratisch gewendete Befreiungstheologie zum Zuge kommt, oder ob ein rechts-mystischer Peronist, der einst Glaubensbrüder verraten hat, die Macht übernimmt. Und schon gar nicht, ob er – wie im taz-Interview zu lesen war – vielleicht von der CIA auserkoren ist, die lateinamerikanische Linke zu neutralisieren.

Ob und wie der Mann den Vatikan verändern kann, oder dieser ihn, hängt wohl nur begrenzt von ihm ab. Sondern, wie im wirklichen Leben, von den Kräfteverhältnissen seiner Organisation und den Basisbewegungen. Und damit bin ich bei Ostern.

Tschechow zu Ostern

Und bei Anton Tschechow. Denn von allen Ostergeschichten, die ich kenne, hat er die merkwürdigste geschrieben. In einer kalten Karfreitagsnacht – so heißt es in seiner Erzählung „Eines Abends“ – trifft ein Theologiestudent zwei Frauen, die Winterreisig verbrennen. „In genau so einer kalten Nacht“, so sagt er ihnen, „hat sich der Apostel Petrus am Lagerfeuer gewärmt. Auch damals war es kalt. Ach, was für eine furchtbare Nacht war das, Großmütterchen! Eine ungewöhnlich trostlose, endlose Nacht.“

Dann erzählt er den beiden von Petrus, der gerade verkündet hatte, er werde Jesus bis in den Tod folgen; aber einschlief, als dieser verzweifelt war. Petrus, der dreimal leugnete, ein Jünger zu sein. Dann krähte der Hahn, Petrus floh. „Und er weinte bitterlich.“

Als die Frauen am Feuer in der kalten russischen Freitagnacht dies hörten, schluchzten sie. Und der Student dachte, dies „bedeutete offenbar, dass alles, was er soeben erzählt hatte, und was vor neunzehn Jahrhunderten geschehen war, eine Beziehung zur Gegenwart haben musste – zu diesen beiden Frauen und zu diesem öden Dorf, zu ihm selbst, zu allen Menschen.

Und Freude regte sich plötzlich in seinem Herzen. Die Vergangenheit, so dachte er, ist mit der Gegenwart durch eine ununterbrochene Kette von Ereignissen verknüpft, von denen sich eins aus dem anderen ergibt. Und die Wahrheit und die Schönheit, die das menschliche Leben dort, im Garten und auf dem Hof des Hohepriesters, geleitet hatten, setzten sich ununterbrochen bis heute fort und bildeten offenbar die Hauptsache im menschlichen Leben und überhaupt auf Erden.“

Osterglauben ohne Wunder

Nicht im Abendmahl, in der Kreuzigung, in der Auferstehung läge die Wahrheit und die Schönheit des Ostergeschehens? Sondern im Verrat und den Tränen des Petrus? Ich denke, das ist eine Geschichte, die zum Osterglauben derer passt, die nicht an Wunder glauben. Denn Petrus und die anderen kamen zurück, fanden nach einer hektischen Flucht wieder zusammen. Sein Märtyrertod sollte nicht das letzte Wort sein. Mit ihrem und seinem Scheitern sollte die Botschaft nicht sterben. Ja, sie waren geflohen, aber nun folgten sie ihrem Versprechen erneut, über den Tod hinaus.

„Wenn die Toten nicht auferstehen“, so wird es Paulus später schreiben, dann „lasst uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot!“ Das Leben, das Leiden und Wollen, die Taten und die Gedanken derer, die vor uns gestorben sind, so übersetzt es im 20. Jahrhundert der messianische Materialist Walter Benjamin, richten einen Anspruch an uns, der uns „eine schwache messianische Kraft“ gibt. Sie ist so schwach, dass wir sie leicht überhören können. Dann bricht die „geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem“.

Die Kette kann reißen, immer wieder, durch Gedankenlosigkeit, Lieblosigkeit – oder Angst. Botschaften können also verloren gehen, wenn wir sie nicht weitererzählen – diese Samstagsgeschichten, zwischen den Freitagen des Scheiterns, der Niederlage, des Verrats und der Schmerzen und den Sonntagen der Befreiungen, der Liebe, der Gerechtigkeit, des Gelingens und der Neuanfänge.

Das Gorbatschow-Epos

Am vorletzten Sonntag stand eine dieser Geschichten in der FAS: Sie beginnt mit dem Spaziergang von zwei Männern am Schwarzen Meer, die ihr Land „von oben bis unten verfault“ fanden. Der Spaziergang hatte Konsequenzen. Zunächst beabsichtigte, danach vor allem unbeabsichtigte.

Aber, so endet diese Rezension von Gorbatschows Memoiren, „es war nicht David Hasselhoff, nicht Reagan, der die Mauer geöffnet hat, es waren nicht Bush und nicht Kohl. Es war ein beleibter Kommunist in lächerlichen Anzügen, der plötzlich danach handeln wollte, was er am Strand des Schwarzen Meeres erkannt hatte. Er wollte das so nicht mehr. Heute gibt es viele, die ein ähnliches ungutes Gefühl haben wie Schewardnadse und Gorbatschow damals, die die Absurdität der Lage erkennen. Und doch leben wir in Zeiten der irren Vorsicht, der entleerten Aussagen und unter einer politischen Klasse, die eine Enge des Herzens und der Gedanken kennzeichnet. Gorbatschows Geschichte ist ein Epos, das man Kindern erzählen soll, damit sie werden wie er.“

Das ist ein starker Satz, den Nils Minkmar geschrieben hat. Aber er trifft zu. Und trifft. Aber es gibt nicht nur diese Geschichte. „All of old. Nothing else ever. Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ Sagte Samuel Beckett, der an einem Karfreitag geboren wurde.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben