: Das Gewissen der Worte
Elias Canetti, dessen ganzes Werk ein Einspruch gegen den Tod war, ist in der Nacht zum vergangenen Sonntag in Zürich gestorben.
Canetti hat seinen Blick direkt ins Herz der Finsternis dieses Jahrhunderts der industriellen Massenmorde gerichtet. Wenn Kafka der „größte Experte der Macht“ ist, wie er einmal schrieb, dann fällt ihm selber wohl der zweite Rang zu. Die Kriege werden um ihrer selbst willen geführt, notierte er 1942 in seinen „Aufzeichnungen“. Solange man das nicht zugebe, werden sie nie wirklich zu bekämpfen sein. Seltsam, daß sich der Pazifismus hierzulande nie auf ihn berufen hat. Seine Anthropologie, die den Machtwillen, der zum Töten drängt, aus dem Wunsch zum Überleben, zur Unverletzlichkeit und Unsterblichkeit, herleitete, erschien vielleicht zu dunkel. Canetti war der letzte Schriftsteller deutscher Sprache, der sich dem Problem des Bösen gestellt hat. „Masse und Macht“, den großen Essay, wird man einmal als sozialphilosophischen Klassiker lesen, als komplementäre Studie zu Norbert Elias' großem Werk, mit dem er das Schicksal langjähriger Unterschätzung teilt. Bei Canetti findet man jene Kräfte beschrieben, die sich dem „Prozeß der Zivilisation“ entgegenstemmen.
Elias Canetti, 1905 als Sohn spanischsprachiger Juden in Rustschuk in Bulgarien geboren, war auch einer der weltgewandtesten Autoren unserer Literatur. Das Deutsche erlernte er in Wien nach 1913 erst als vierte Sprache. Nach einem naturwissenschaftlichen Studium, das er mit dem Doktortitel abschloß, fand er in den zwanziger Jahren zur Literatur. In Berlin lernte er noch als Student Brecht, Isaak Babel und George Grosz kennen. Seinen einzigen Roman, „Die Blendung“, vollendete er mit 25 Jahren. Er schickte ihn, begleitet von einem salbungsvollen Brief, an Thomas Mann: „Es ist kaum zu glauben, aber ich war der Meinung, daß ich ihm mit dieser Sendung eine Ehre erwies.“ Der Beehrte sah das anders und schickte das Werk ungelesen zurück.
Aus Wien mußte Canetti nach dem „Anschluß“ an Nazi-Deutschland fliehen. Über Paris kam er nach London, wo „Masse und Macht“ entstand. In den sechziger Jahren erst von der deutschen Öffentlichkeit entdeckt, trat er vor allem durch autobiographische Schriften hervor („Die gerettete Zunge“, „Die Fackel im Ohr“, „Das Augenspiel“).
Unter den großen Schriftstellern dieses Jahrhunderts war Canetti auch einer der erfolgreichen. Dem Nobelpreis von 1981 waren schon zahlreiche Ehrungen vorhergegangen, darunter der Büchner- Preis. Ein „Sieger“, ein Held des Betriebs, hat er trotzdem nie sein wollen. Siege überhaupt, hat er einmal über Karl Kraus geschrieben, sind uns suspekt geworden. „Es ist in unserem Jahrhundert so viel gesiegt worden, so kostspielig, so sinnlos, so unergiebig – die meisten, nicht nur die, die es überdenken können, hat ein Überdruß am Siegen erfaßt, wie er vielleicht noch nie da war. Selbst die Geste des Siegens bereitet Ekel.“
Am Mittwoch ist Elias Canetti in Zürich in einem Ehrengrab neben James Joyce beerdigt worden. Jörg Lau Seite 10
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen