Das Flüchtlings-„Drehkreuz“ für den Norden.: „Ein ganz normaler Einsatz“

In der Lüneburger Heide ist in Oerbke binnen Tagen in einer Ex-Kaserne eine gut organisierte Unterkunft für 1.400 Flüchtlinge entstanden.

Gut organisiert: Dolmetscher helfen ankommenden Flüchtlingen in der ehemaligen Kaserne im niedersächsischen Oerbke. ​ Foto: Philipp Schulze/dpa​

OERBKE taz | „Es sieht vielleicht nicht nach Stress aus, aber es ist Stress“, sagt Antje Heilmann von den Johannitern. In einer grünen Warnweste steht sie auf dem asphaltierten Platz im Innenhof der Kaserne, in der bald 1.400 Flüchtlinge unterkommen sollen. Oerbke bei Bad Fallingbostel, ein winziger Ort in der Lüneburger Heide, soll das norddeutsche Drehkreuz für die Verteilung der Flüchtlinge werden.

Die Idee ist, den Münchener Hauptbahnhof zu entlasten. Dort sind bisher die meisten Flüchtlinge über Ungarn und Österreich in Deutschland angekommen und künftig werden die Züge direkt aus Österreich nach Oerbke fahren. Von dort aus werden die Menschen dann auf andere norddeutsche Städte und Kommunen verteilt. Ein Gleisanschluss in der Nähe der Kaserne soll das Bahn-Drehkreuz werden. Das niedersächsische Innenministerium nennt das Camp einen „Verteilknoten“.

Die ersten 600 Flüchtlinge sind schon da – 200 reisten am Samstag mit dem Bus aus der völlig überfüllten Erstaufnahmeeinrichtung in Braunschweig an. 400 weitere kamen im Laufe des Sonntags aus Uelzen, wo sie mit einem Zug aus Salzburg angekommen waren. Die Situation am Uelzener Bahnhof sei chaotisch, sagt Heilmann: „Orientierungslosigkeit, Überforderung, keine Ahnung, wie es weiter gehen soll – wenn Sie das sehen wollen, müssen Sie nach Uelzen.“ In Oerbke hingegen sollen die Flüchtlinge ankommen und ein bisschen Ruhe finden, sagt sie. „Ein bisschen Normalität - das ist unser Ziel.“ Ein paar Jungs spielen Fußball im Hof, ein Mädchen springt auf einem Trampolin und an einer hauswand lehnen drei junge Männer und rauchen.

„Mehr Helfer als Flüchtlinge“

Am Sonntag laufen auf dem Kasernengelände mehr HelferInnen als Geflüchtete herum. Viele Freiwillige aus dem Ort sind gekommen, übersetzen, sortieren Spenden, leisten medizinische Hilfe. Man erkennt die zivilen HelferInnen an den pinken Warnwesten, auf Klebestreifen steht ihr Name und welche Sprachen sie sprechen.

Auch an professionellen HelferInnen mangelt es nicht: zwei Rettungszüge, bestehend aus jeweils 40 MitarbeiterInnen von Deutschen Lebensrettungsgesellschaft, dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) und den Johannitern sind da, zuständig für die Registrierung, die medizinische Untersuchung und die Koordination. Um die Infrastruktur kümmern sich die Feuerwehr, das Technische Hilfswerk und die Bundeswehr. „Aber eigentlich machen wir mehr oder weniger das Gleiche“, sagt ein Mitarbeiter vom DRK. „Wir begleiten die Flüchtlinge zu ihren Unterkünften, sind ansprechbar und tragen alle unseren Teil dazu bei, dass das Ganze hier funktioniert.“ Viele HelferInnen sitzen in Kleingruppen zusammen, trinken Kaffee, rauchen, tauschen sich aus. Gestresst wirkt niemand.

„Die Struktur ist die eines ganz normalen Einsatzes zum Bevölkerungsschutz“, erklärt Antje Heilmann. „Bei einer Flutkatastrophe würden wir genau so vorgehen.“ Die Ankommenden werden am Bus von Dolmetschern in Empfang genommen, die sie willkommen heißen und ihnen den Ablauf erklären, beschreibt sie das Procedere. Dann werden sie in den Aufenthaltsraum im Hauptgebäude der Militärkaserne geführt. Auf den Tischen, die dort in langen Reihen stehen, warten Wasserflaschen auf die weit Gereisten, ein Zettel liegt auf jedem Tisch: „Liebe Gäste“ steht auf verschiedenen Sprachen darauf, „wir möchten Sie herzlich willkommen heißen und erklären, wie es jetzt weitergeht.“

Anschließend geht es raus auf den Hof, wo Zelte aufgebaut sind, in denen die Flüchtlinge sich registieren und untersuchen lassen. „Die Registrierung ist nur für interne Zwecke“, erklärt Heilmann. „Damit wir einen Überblick haben“, Mit dem Asylprozess habe das nichts zu tun, versichert sie, und die Daten der Flüchtlinge blieben im Camp. Die medizinische Untersuchung erfolgt in einem anderen Zelt, in einem dritten Zelt ist das „Quartiersmanagement“ untergebracht, in dem entschieden wird, wer welches der acht Häuser bezieht und wer mit wem das Zimmer teilt. Es gibt ein Haus nur für alleinreisende Frauen und eines, in dem nur Familien wohnen. Ein Mitarbeiter der Feuerwehr begleitet die Flüchtlinge zu ihrem Haus.

Die MitarbeiterInnen ahnen, dass das nicht überall so reibungslos läuft. Auch, dass es erst in den nächsten Tagen wirklich schwierig wird, wenn mehr als doppelt so viele Flüchtlinge da sein werden als jetzt. Möglicherweise werden es noch mehr: Ob die Unterkunft schrittweise auf 3.000 Plätze ausgebaut werde, sei noch nicht abschließend geklärt, hieß es aus dem niedersächsischen Innenministerium. Das Gelände, das dem Bund gehört, wurde dem Land Niedersachsen mietfrei zur Verfügung gestellt. Die Kaserne ist nur ein Teil der riesigen Militäranlage: Mit insgesamt 28.400 Hektar ist das Grundstück der größte Nato-Truppenübungsplatz Europas.

Die Entscheidung, das Camp für die Unterbringung von Flüchtlingen zu nutzen, hatten das Bundesverteidigungsministerium und das Land Niedersachsen am Donnerstag bekannt gegeben und die Johanniter mit dem Betrieb beauftragt. „Am Freitagmorgen standen wir dann hier und haben uns überlegt, wie wir die Struktur hochziehen können“, sagt Antje Heilmann. „Alles ging Schlag auf Schlag und am Samstag kamen ja auch schon die Flüchtlinge.“

Das tut dem Ort gut

Auch die Bürgermeisterin von Bad Fallingbostel, Karin Thorey, war da, als der erste Bus ankam. „Das war schön, zu sehen, wer da alles so ankommt“, sagt sie. Sie glaubt, dass die Unterkunft dem Ort gut tut – auch wirtschaftlich werde die Stadt profitieren.

Es gibt auch HelferInnen in lila Westen, auf denen „Notfallseelsorge“ steht. Diese Aufgabe übernehmen Pastoren und Pfarrer aus der Umgebung, die den Flüchtlingen zuhören und ihnen erklären, was als nächstes passiert und einfach ansprechbar sind. „Das ist es schließlich, was die Menschen brauchen“, sagt Frank Richter, ein Pastor aus einem Nachbarort. Er ist seit Samstagnachmittag hier.

Auch die HelferInnen bräuchten manchmal Seelsorge, sagt Antje Heilmann. Man sei mit so vielen Schicksalen konfrontiert, da sei eine psychosoziale Notfallversorgung ganz wichtig. Deshalb plane man das bei solchen Einsätzen immer ein.

Wie es sein wird, wenn mehr als doppelt so viele Flüchtlinge da sind und wenn alle Ehrenamtlichen wieder in ihren normalen Jobs arbeiten müssen, werde man dann sehen, sagt Heilmann. Die Johanniter haben jedenfalls bereits Stellen für SozialarbeiterInnen ausgeschrieben, auch mehr MedizinerInnen wird man noch einstellen, mehr BeraterInnen, noch mehr EinsatzleiterInnen.

Wie lange die Flüchtlinge hier in Oerbke bleiben ehe sie weiter verteilt werden, weiß auch Heilmann nicht. „Wenn Sie es wissen, rufen Sie mich an und sagen es mir“, sagt sie. Heute sollen jedenfalls noch keine Flüchtlinge in andere Bundesländer verteilt werden, teilte am Sonntag das Innenministerium in Hannover mit. Ein kleines bisschen Ruhe haben die Flüchtlinge also, noch zumindest für einen Tag.

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