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Das Exil nebenan

Peter Langes „Vertraute Fremde“ geht der Emigration der Hitler-Gegner in die Tschechoslowakei nach

VonKlaus Hillenbrand

Der Schriftsteller Karl Wolfskehl floh bis ans andere Ende der Welt, nach Neuseeland. Andere suchten eine neue Zukunft in New York, Buenos Aires oder Tel Aviv. Die Entfernung des Exilorts zu Nazideutschland markierte auch den Grad der Hoffnung auf einen Umschwung zurück zur Demokratie in der Heimat. Anfangs waren weit von der Heimat entfernte Orte eine Ausnahme. Noch glaubten viele der Geflohenen, dass das NS-Regime in kürzester Zeit abgewirtschaftet haben werde. Was lag da also näher als ein vermeintlich vorübergehender Aufenthalt in einem Nachbarland?

Die Tschechoslowakei war so ein Nachbarland: mit der Bahn erreichbar, solange die Nazikontrollen noch lückenhaft waren, mit mitteleuropäischer Kultur ausgestattet, dazu mit einer liberalen Demokratie gesegnet, ja, sogar deutschsprachige Verlage, Theater und Zeitungen fanden sich dort. Der Journalist Peter Lange hat sich auf die Spuren derjenigen begeben, die die tschechoslowakische Hauptstadt Prag als ihren Fluchtort bestimmten.

Lange entwirft das Bild des Exils in Prag anhand von Lebensgeschichten: Er schreibt über die überstürzte Flucht des Theaterkritikers Alfred Kerr, der, gewarnt durch einen ihm wohl gesinnten Polizisten, Mitte Februar 1933 nur mit einem kleinen Koffer im Zug nach Prag die Reichshauptstadt verließ. Die Schriftstellerin und Journalistin Gabriele Tergit entrann nur knapp ihrer Verhaftung durch die SA in Berlin. So wie bald darauf Friedrich Stampfer und weitere SPD-Genossen floh sie mit dem Auto über eine abgelegene Grenzstation nach Spindlermühle im Riesengebirge. Es sind Dutzende Verfolgtengeschichten, denen Lange nachgeht und deren weiterer Lebensweg er verfolgt.

Die Tschechoslowakei war eines der wenigen Länder, die den Verfolgten ihre Türen öffnete. Zwar erhielten sie in Prag praktisch kaum eine staatliche Unterstützung und die Aufnahme einer Lohnarbeit war mit großen Hürden verbunden, aber die Regierung unter Staatspräsident Tomáš G.Masaryk ließ sie doch unbehindert ins Land einreisen.

Viele Verfolgte konnten in Prag bei ihren alten, nun selbst ins Ausland ausgewichenen Freunden andocken, bei der KPD oder der zur Sozialdemokratischen Partei Deutschlands im Exil (Sopade) verwandelten SPD. Journalisten fanden eine neue Beschäftigung als freie Mitarbeiter bei deutschsprachigen tschechoslowakischen Blättern oder bei den Exilorganen wie der Neuen Weltbühne, die bald unter Kontrolle der KPD geriet.

Doch nicht jeder war so glücklich, über ein Bett, ein Zimmer und ein unregelmäßiges Einkommen zu verfügen. Da blieben nur Suppenküchen und Notunterkünfte, oft von den Verfolgten selbst organisiert. Man traf sich im Café Continental und ließ sich von Kellner Gustav bedienen, aber bei vielen reichte es nur für ein Glas Wasser, einen ganzen Abend lang.

Auch damals war Prag eine schöne Stadt – aber eben auch eine des sozialen und psychischen Elends für die den Nazis Entronnenen. Und wirklich sicher vor den Nazis konnte man sich nicht fühlen. Der in Marienbad (tschechisch Mariánské Lázně) nahe der deutschen Grenze lebende jüdische Publizist Theodor Lessing starb am 31. August 1933, getroffen von Kugeln deutscher Naziattentäter.

Peter Lange: „Vertraute Fremde. Exil in Prag 1933–1939“. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2025. 474 S., 28 Euro

Und doch versuchten die Exilanten politisch nicht in die Bedeutungslosigkeit zu rutschen – mit Flugblättern, die in Koffern über die Grenze gingen oder auf der Elbe gen Dresden in Kapseln schwammen, oder mittels Literatur und aufklärerischer Schriften, die in Exilverlagen wie bei Graphia in Karlsbad (Karlovy Vary) erschienen.

Lange erspart dem Leser nicht die internen Streitereien, die bald zwischen den Linken ausbrachen. Die Kommunisten beschuldigten die SPD des „Sozialfaschismus“, bis sie die Volksfront für sich entdeckten, die Sozialdemokraten stritten mit der internen Opposition von „Neu beginnen“. Versuche einer Verständigung zwischen SPD und KPD scheiterten. Spätestens Mitte der 1930er Jahre wurde deutlich, dass die Nazis in Deutschland fester im Sattel saßen, als es die Exilanten lange hatten glauben wollen.

Die ersten Verfolgten machten sich auf in andere Exilländer. Gabriele Tergit erreichte Palästina, wo sie auch nicht glücklich wurde. Kerr ging 1935 nach London. Mit dem Münchner Abkommen 1938 verlor die Tschechoslowakei das Sudetenland, eine neue, deutschfreundliche Regierung versuchte in Prag, den Nazis zu gefallen, und nahm die Emigranten ins Visier. Vergeblich: Am 15. März 1939 besetzte die Wehrmacht den Rest der Tschechoslowakei. Friedrich Stampfer und die Sopade-Führung waren zuvor nach Paris geflohen, Stampfer überlebte in den USA.

Peter Lange ist ein glänzendes Geschichtsbuch gelungen, das den Leser in ein Prag führt, das den wenigsten Menschen bekannt ist. In eine Stadt, in der deutsche Nazigegner einmal ihre Freiheit suchten. Und in der eine Regierung Flüchtlinge willkommen hieß.

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