Dänische TV-Serie: Macht heißt opfern

Intrigen, verkaufte Ideale, Geschacher mit den Medien: Auf Arte startet nun die zweite Staffel der dänischen Politserie „Gefährliche Seilschaften“.

Gefährliche Macht: Journalistin Katrine Fønsmark hilft einer Kollegin. Bild: Arte France / Mike Kollöffel / DR

Das Streben nach Macht ist einer der erstaunlichsten Antriebe des Menschen. Kein lebensnotwendiger. Aber einer, für den Politiker, die wir tagtäglich durch die Nachrichten spazieren sehen, bereit sind, vieles zu opfern, was ihnen am Herzen gelegen haben könnte: geliebte Menschen, Gesundheit, politische Ideale.

Man stelle sich eine Frau vor. Eine Premierministerin. Alles erreicht: ein politisches Amt, das sie so furchtbar anders gestalten wollte als andere vor ihr. Eine fröhliche Familie mit einem Mann, der bereit ist, in seinem Job zurückzustecken, um sie zu unterstützen. Es ist eine Frau mit starken politischen Idealen und der Überzeugung, man könne auch als Premierministerin noch mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Und dann kommt die Realpolitik.

Birgitte Nyborg (Sidse Babett Knudsen) heißt diese Frau und ist die Hauptfigur der dänischen Politserie „Borgen“ (auf Deutsch leider: „Gefährliche Seilschaften“), deren zweite Staffel heute auf Arte anläuft. Zehn Folgen hat es in der ersten Staffel gebraucht, um aus dieser glücklichen, freundlichen Nyborg eine eiskalte Machtpolitikerin zu machen.

Eine einsame Frau, die alle, die ihr einst nahestanden, weggebissen hat, von ihrem Mann verlassen. Und wofür? Um endlich all das politisch umzusetzen, wovon sie immer geträumt hat? Von wegen: Folge für Folge opfert sie einen politischen Grundsatz. Realpolitik eben. Muss weitergehen. Muss. Wie ein Krebsgeschwür hat sich der Machterhaltungstrieb in ihr Leben hineingefressen. Zehn Folgen. Das ist schneller, als US-Präsident Obama im Amt ergraut ist.

Im Zentrum der Macht

Wie ein finsteres Bergmassiv steht Nyborg am Ende der ersten Staffel in ihrem Büro in Schloss Christiansborg (Spitzname „Borgen“), dem Zentrum der politischen Macht in Dänemark. Erstarrt, erkaltet. Hat gerade, in einer letzten Gefühlsaufwallung, mit einem wütenden Stoß ihren Schreibtisch leergefegt. Was sie bloß so ruiniert hat, wie man sich das bei so vielen Politikern fragt, das versucht „Gefährliche Seilschaften“ zu erklären.

Gelungen ist das ziemlich gut – zu Recht wird die Serie als europäische Variante von „West Wing“ gefeiert, der Mutter aller Politserien aus den USA. Und sie wird zu Recht auch in der ästhetischen und erzählerischen Tradition der ebenfalls dänischen Krimiproduktion „The Killing“ gesehen, dieser großartigen Reihe rund um die manische Kommissarin Lund.

Und obwohl die Transformation der Nyborg zur merkelesken Machtpolitikerin eigentlich abgeschlossen schien, verliert die Serie auch in der zweiten Staffel nicht ihren Reiz: bleibt klug, analytisch – auch wenn sie manchmal in einen Erklär-Ton abgleitet, wenn sie EU-Politik und oder das Für und Wider eines Truppenabzugs in Afghanistan darstellen muss.

Investigativer Journalismus für die Politik

Und diesmal müssen vor allem die Menschen um Nyborg ihren Preis für die Macht bezahlen: Ihr Parteifreund etwa, den ein Posten in der EU-Kommission fast das Leben kostet. Oder ein Koalitionspartner, der nach seinem Rauswurf vor dem Nichts steht, zu dem sein Privatleben inzwischen verkümmert ist.

Der erzählerische Charme von „Gefährliche Seilschaften“ liegt aber vor allem darin, dass sie nicht nur in den Mauern von Christiansborg spielt, sondern auch in den Redaktionsräumen der überehrgeizigen Investigativjournalistin Katrine Fønsmark (Birgitte Hjort Sørensen, siehe Foto). Durch sie kann die Serie nicht nur Außenperspektiven auf die politischen Grabenkämpfe einnehmen – sie erzählt auch, manchmal holzschnittartig, die gegenseitige Beeinflussung von Medien und Politik.

Dass auch das Privatleben von Fønsmark totales Elend ist – kein Wunder. Ebenso das ihrer Kollegen. Auch bei denen hat eben alles seinen Preis. Vor allem die Nähe zur Macht.

„Gefährliche Seilschaften“, Arte, 20.15 Uhr

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