DFB-Elf vorm Spiel gegen Portugal: Die Heilsbringerrolle ist besetzt

Die deutsche Offensive ist harmlos. Ein Stürmer von Format fehlt im Kader. Jetzt hängen die Hoffnungen an Leon Goretzka.

Das halbe Team schaut andächtig zu, wie Goretzka den Ball in die Tonne köpft.

Perfekte Mülltrennung: das halbe Team schaut andächtig zu, wie Goretzka den Ball in die Tonne köpft Foto: Federico Gambarini/dpa

Wenn die deutsche Mannschaft zur Pressekonferenz aus dem sogenannten Home Ground in Herzogenaurach lädt, dann kann man sich darauf verlassen, dass alles so abläuft wie sich das der Deutsche Fußball-Bund und seine zahlenden Partner vorstellen. Da wird keine klebrige Limo durch Wasser ersetzt, so wie es Cristiano Ronaldo bei einer EM-Pressekonferenz getan hat. Und Bierflaschen kann man auch nicht aus dem Bild rücken wie Paul Pogba neulich. Es stehen keine Bierflaschen da. Der DFB hat gar keinen Biersponsor. Da soll noch einer sagen, es hätte sich nichts geändert in der ewigen Amtszeit von Bundestrainer Joachim Löw.

Auch taktisch hat sich ja jede Menge getan über die Jahre. Löw wusste früher immer ganz genau, wie er seine Mannschaft aufstellen wollte. Als 4-4-2-Apologet hat er begonnen, hat später mit einem Stürmer gespielt und ein Fünfermittelfeld vor einer Viererabwehr agieren lassen. Er konnte immer erklären, warum er das, was er tat, für richtig hielt.

Bis zum Halbfinalaus bei der EM in Frankreich vor fünf Jahren hielten auch viele Beobachter meist für richtig, was Löw tat. Kein Wunder, er war ja Weltmeister geworden. Bis zum WM-Aus schwor der Bundestrainer auf Ballbesitzfußball, dann schwor er ihm ab. Er formiert eine Dreierkette, weil er die Gegner kommen lassen wollte, und musste nun beim 0:1 gegen Frankreich recht ratlos mitansehen, was passiert, wenn der Gegner gar nicht kommen möchte.

Dann läuft zwar der Ball über 5, 10, 15 oder 20 Stationen, aber es wird einfach nicht gefährlich. Wie sagte der Gladbacher Abwehrspieler Matthias Ginter so treffend am Donnerstag in Herzogenaurach? „Im letzten Drittel hat oft der letzte Pass gefehlt.“ Tja, wen hätte man auch anspielen sollen. Die Bayernspieler. Serge Gnabry und Thomas Müller werden gespürt haben, dass ihr Spiel viel mehr zum Tragen kommt, wenn in der Mitte ein Stürmer spielt, zu dem grundsätzlich immer der Ball soll. Robert Lewandowski spielt ja nun leider für Polen, und im deutschen Kader findet sich keiner, der eine vergleichbare Rolle einnehmen könnte.

Laufen wie Locatelli

Was tun also gegen die Portugiesen am Samstag (18 Uhr, ARD) in München? Deren Spiel lebt auch vor allem davon, dass vor dem eigenen Strafraum die Räume zugemacht werden. Und natürlich von Cristiano Ronaldo. Den haben die Deutschen auch mit Viererkette schon des Öfteren in den Griff bekommen. Beim 4:0 im deutschen Auftaktspiel bei der WM 2014 war auch Ginter dabei, als dies gelang. „Da gilt es höllisch aufzupassen“, sagte er. Recht hat er, und doch weiß er, dass das Hauptproblem der Deutschen nicht die Defensive, sondern der Angriff ist. Bei einer Viererabwehr würde ein Platz frei im Mittelfeld. Wer ihn bekommen soll? Immer wieder fällt ein Name: Leon Goretzka.

Der Bayernspieler, der mit einer Muskelverletzung zur Nationalmannschaft angereist war, könnte, so hat es der Bundestrainer angedeutet, durchaus spielen am Samstag. Er ist in die Rolle eines Heilsbringers aufgestiegen. Das hat mit einem gewissen Manuel Locatelli zu tun. Dessen vertikaler Laufweg durch das gesamte Mittelfeld vor seinem Tor zum 1:0 der Italiener gegen die Schweiz war so konsequent, dass sich die Frage auftat, ob es bei den Deutschen nicht auch so jemanden gebe, der aus dem Mittelfeld in den Strafraum eindringen könne. Leon Goretzka ist so einer. Wenn er Platz für sich sieht, dann ist er auch schon mal kurz vor dem Torwart zu finden.

Um ihn einzubinden bräuchte es nicht einmal den beschworenen Systemwechsel in der Defensive. Er könnte, so wie er es im Klub schon des Öfteren getan hat, vorne im zentralen Mittelfeld spielen, hinter Thomas Müller und Kai Havertz etwa. Serge Gnabry müsste dann zuschauen.

In Goretzkas Haut jedenfalls möchte man nicht stecken, sollte er spielen. Die Heilsbringerrolle ist überaus undankbar. Denn so einfach wird meistens nicht gut, was ungenügend war. Joachim Löw hat das in den Jahren seit dem WM-Aus 2018 zur Genüge erlebt.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de