DFB-Teamquartier mit den drei Streifen: Gammbo Bahia

Das DFB-Team sucht in Herzogenaurach die Harmonie von 2014, als es im Campo Bahia residierte. Aber die Adidas-Puma-Stadt ist ein anderes Kaliber.

Das EM-Quartier des DFB-Teams in Herzogenaurach wird gut bewacht von zwei Sicherheitsleuten.

Versteckter Luxus: Das Quartier des DFB-Teams in Herzogenaurach wird gut bewacht Foto: Christian Charisius/dpa

HERZOGENAURACH taz | Sie wird derzeit oft bemüht, die Parallele des aktuellen EM-Quartiers der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Herzogenaurach zum WM-Quartier „Campo Bahia“ 2014 an der brasilianischen Küste. Nun liegt Herzogenaurach nicht am Atlantik, sondern am kleinen Flüsschen Aurach in Mittelfranken. Und gegrüßt wird hier nicht mit einem verheißungsvoll klingenden „Bom dia!“, sondern schlicht mit „Servus“ oder „Grüß Gott“.

Ansonsten aber wirkt der „Home Ground“, das neue, am Dienstag bezogene EM-Quartier auf dem Firmengelände von Sportartikelhersteller Adidas, tatsächlich ein wenig wie abgekupfert. „Es erinnert schon auch an das Campo Bahia“, sagte Bundestrainer Joachim Löw.

Wieder schlafen die Mitglieder des Kaders in für vier Personen ausgelegten, mondänen Bungalow-Einheiten aus Holz. Wieder wohnen sie naturnah in einer kleinen Waldlandschaft, abgeschottet von der Öffentlichkeit. Trainiert wird gleich nebenan auf dem firmeneigenen Adi-Dassler-Sportplatz. Hinzu kommt: Zum Vorrunden-Spielort München sind es mit dem Bus knapp zwei Stunden, mögliche K.o.-Runden-Spiele in Sevilla oder Bukarest sind vom nur 20 Minuten entfernten Flughafen Nürnberg gut zu erreichen. Perfekte Bedingungen für die Nationalmannschaft und zugleich willkommene Werbung für Adidas.

Etwas in den Hintergrund gerät bei diesem Bierhoff’schen Wohlfühl-Narrativ oft, dass die Geschichte von Herzogenaurach und der beiden ansässigen Unternehmen Adidas und Puma nicht nur eine Geschichte des Erfolgs ist, sondern vor allem eine der Spaltung, die die Stadtgesellschaft jahrzehntelang vergiftet hat – und dies teilweise bis heute tut. Der Geist von Herzogenaurach: Er war lange Zeit ein böser.

Als die zwei jungen Brüder Adolf und Rudolf Dassler 1923 in der mütterlichen Waschküche die Schuhfabrik „Gebrüder Dassler“ gründeten, wuchs ihr Umsatz rasant. Auch oder gerade weil sie als NSDAP-Mitglieder beste Kontakte zu NS-Sportgrößen pflegten. Als Rudolf zu Beginn des Kriegs eingezogen wurde, verwaltete Adi die Fabrik weiter. Er beschäftigte Zwangsarbeiter, produzierte Schuhwerk für die Wehrmacht und später sogar Panzerabwehrwaffen.

Verfeindete Zweiteilung

Als Rudolf nach Kriegsende aus US-Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, entbrannte ein unlösbarer Streit zwischen den Brüdern. Die Konsequenz: Tüftler Adolf gründete 1948 Adidas, Verkaufstalent Rudolf Puma. „Seitdem“, sagt Irene Lederer, Leiterin des Stadtmuseums in Herzogenaurach, „hat das kleine Flüsschen Aurach die zwei Firmenstandorte und damit die gesamte Stadt getrennt.“

Die Belegschaft wurde vor die Wahl gestellt: Entweder ihr arbeitet für Rudolf oder Adolf. „Dadurch entstand diese klassische, teils verfeindete Zweiteilung von Herzogenaurach,“ sagt Lederer. Von nun an habe Herzogenaurach für lange Zeit als „Stadt des gesenkten Blickes“ gegolten. Denn der erste Blick ging immer auf die Schuhe des Gegenübers. Gehört er oder sie zur Adidas- oder zur Puma-Fraktion? Die Spaltung reichte bis in die Familien. Und klar: ganz besonders in die Familie Dassler.

„Adidas war bei uns in der Familie immer NG und stand für ‚nie gehört‘“, sagt Michael Dassler, Enkel von Puma-Gründer Rudolf und heute nicht nur Betreiber einer Vinothek im Stadtzentrum, sondern zugleich als FDP-Stadtratsmitglied auch dritter Bürgermeister von Herzogenaurach. „Ich kannte niemanden aus dem anderen Familienzweig und die kannten mich auch nicht. Und das war schon, ich will jetzt nicht sagen Hass, aber mehr als eine gesunde Rivalität.“ Bis heute haben die Familien wenig bis gar nichts miteinander zu tun.

Von der Spaltung kann auch Klaus Bauer berichten, der die Konflikte als Jugendspieler des 1. FC Herzogenaurach hautnah miterlebt hat. Sein Verein, deren zweiter Vorstand er heute ist, war der blaue Verein, der von Adidas gesponsert wurde. Nur eine steile Treppe weiter unten lag der rote Verein, der ASV Herzogenaurach. Sponsor war dort stets Puma. Schon bei Spielen der Jugendmannschaften, erinnert sich Bauer, strömten bei Lokalderbys schon mal 1000 Zuschauende auf den Fußballplatz.

„Da waren die Stehplätze der Zuschauer genau definiert: Die Adidas-Fans standen dort und die Puma-Leute dort.“ Während die jungen, konkurrierenden Nachwuchskicker tagsüber gemeinsam zur Schule gingen, ging es auf den Rängen hitzig zur Sache, sagt Bauer: „Teilweise hat man da sogar richtige Hassreden gehört.“ Zwar betonen sowohl Bauer als auch Michael Dassler, dass die alte Feindschaft heute so gut wie keine Rolle mehr spiele – auch weil die Dassler-Erben ihre Anteile an beiden Unternehmen Anfang der 90er Jahre verkauft haben. Doch ganz verschwunden, auch das beteuern beide, ist sie noch nicht.

Joachim Löw und seine Mannschaft wohnen und trainieren während der Europameisterschaft also in einer Stadt, deren konfliktreiche Geschichte bis in die Gegenwart reicht. Dass der Geist des Campo Bahia in Herzogenaurach reaktiviert werden kann, ist aber trotzdem gar nicht so unrealistisch.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de