Coronapandemie sorgt für Fahrradboom: Buenos Aires steigt aufs Rad

Die Coronamaßnahmen beschränken den ÖPNV in Argentiniens Hauptstadt. Das hat einen Fahrradboom entfacht, neue Räder zum Kauf werden rar.

Mann mit unter der Nase getragener Alltagsmaske auf einem Fahrrad in verkehrsarmer Straße

Radfahren in Buenos Aires: Pure Notwendigkeit, wenn der ÖPNV ausfällt Foto: Roberto Almeida/imago

BUENOS AIRES taz | Mit dem Fahrrad hat man es nicht leicht in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. An die herumflitzenden kleinen Motorräder sind die Autofahrer*innen gewöhnt. Aber auf die immer mehr Menschen, die nun mit dem Fahrrad unterwegs sind, müssen sie sich noch einstellen. Weil auch noch die über 10.000 Stadtbusse mit eingebauter Vorfahrt unterwegs sind, kommen Radfahrer*innen deshalb nur mit höchster Aufmerksamkeit einigermaßen sicher durch die Dreimillionenstadt.

Dennoch gibt es auf den Straßen immer mehr Radler*innen zu sehen. Eine Zählung im Stadtgebiet zeigte kürzlich, dass im September mehr als doppelt so viele Radfahrten stattfanden als vor einem Jahr. Vor allem Kurzstreckenfahrten unter fünf Kilometer haben enorm zugenommen.

Ganz überraschend ist das nicht. Denn Fahrten mit öffentlichen Nahverkehrsmitteln wie Bus und U-Bahn sind seit dem 20. März wegen des Coronavirus erheblich erschwert. Wer nicht als „essenziell Beschäftigter“ – sozusagen systemrelevant – unterwegs ist, darf gar nicht erst einsteigen, obwohl alle Bus- und U-Bahn-Linien, wenn auch eingeschränkt, in Betrieb sind. Werden normalerweise werktäglich rund eine Million U-Bahnfahrten gezählt, sind es gegenwärtig noch 20.000.

„Um Fahrten im öffentlichen Nahverkehr zu vermeiden oder zu ersetzen, wollten plötzlich alle Fahrräder“, erklärt Daniel Tigani, Vorsitzender der für die Herstellung von Motor- und Fahrrädern zuständigen Industrie- und Handelskammer CIMBRA. Selbst in den Herbst- und Wintermonaten, die Argentinien gerade hinter sich gelassen hat, habe die Nachfrage nicht nachgelassen.

Angebot wird knapp

„Dabei war der Start ins Jahr 2020 alles andere als gut“, sagt Tigani. Noch im Januar hatte die Kammer einen Absatz von rund 800.000 Fahrrädern für 2020 erwartet. Denn nach dem starken Jahr 2017 mit 1,5 Millionen verkauften Rädern, waren zuletzt nur noch 600.000 losgeschlagen worden. Seit den Quarantänemaßnahmen wurden die Prognosen zunehmend besser. Jetzt geht Tigani davon aus, dass dieses Jahr 1,8 Millionen Fahrräder verkauft werden. Umgerechnet auf die Einwohnerzahl ist das immerhin schon gut halb so viel wie in dem deutlich reicheren Deutschland.

Dieser plötzliche Nachfrageboom ist kaum zu decken. In Argentinien gibt es rund 20 Hersteller und etwa 40 Zulieferer. Seit im Juni der totale Lockdown in der Industrie aufgehoben wurde, können sie wieder produzieren, wenn sie Hygienevorgaben einhalten. „Wir verkaufen gerade alles, was wir produzieren, und wir könnten viel mehr liefern. Aber die Vorgaben schränken die Produktion sehr ein“, sagt Ángel Berman, der Olom Bike leitet, den größten Fahrradhersteller des Landes.

Die Importe sind ebenfalls erschwert, fallen aber ohnehin nicht sehr ins Gewicht. 2019 wurden rund 90.000 Räder eingeführt, vor allem aus China, den USA und Europa.

Wochenlange Wartezeiten

Wer ein neues Rad braucht, muss sich deshalb auf Wartezeiten einstellen. „Alle wollen jetzt ein Mountainbike“, sagt Marco Lavalle vom Fahrradladen im nördlichen Stadtteil Villa Urquiza. Lieferzeit? „Drei Wochen mindestens“, sagt er und zeigt auf das blaulackierte Bike, das ihm als Vorführmodell geblieben ist. „Daneben, das Normale, etwa sieben Tage.“ Alle Modelle seien im letzten halben Jahr teurer geworden.“ Mindestens 30 Prozent, manche aber auch bis zu 240 Prozent.

„Gibt es noch Kindersitze?“, fragt ein Vater mit dem Sohn an der Hand. Wenn die Schulen wieder offen sind, will er ihn mit dem Rad statt mit der S-Bahn hinbringen. „In der Stadt ist das Virus vor allem mit Bus und Bahn unterwegs.“ Seit er im Homeoffice arbeitet, müsse er selbst auch nicht mehr in die City pendeln.

Derweil arbeitet die Stadtregierung an einer besseren Radanbindung der äußeren Stadtteile, von wo aus es zwischen 15 und 20 Kilometer bis in die Innenstadt sind. Zu den schon bestehenden 250 Kilometern an Radwegen kommen in wenigen Tagen 17 Kilometer auf den beiden zentralen Verkehrsachsen Avenida Córdoba und Avenida Corrientes hinzu.

Das halten nicht alle für eine große Hilfe. „Die Radwege sind in einem jämmerlichen Zustand“, sagt Carmen Méndez. Eine andere Initiative findet sie jedoch vorbildlich: Die 34-Jährige macht einmal in der Woche einen Behördengang für ihre Hausverwaltungsfirma und leiht sich dafür eines der kostenfreien Fahrräder des stadteigenen Verleihsystems Ecobici aus. Wer sich registriert hat, kann via Handy eines der orangefarbenen Räder entsperren und es an anderer Stelle wieder einstellen. Vor seiner Wiederwahl hatte der konservative Bürgermeister Horacio Rodríguez Larreta kräftig mit dem Ausbau des kostenlosen Fahrradverleihs sowie des Wegenetzes geworben. Tatsächlich hatte sich bis dahin einiges getan. „Seit er im Oktober die Wahl gewonnen hat, wird alles heruntergefahren“, kritisiert Méndez. Statt mehr gibt es nun weniger Ausleihstationen, 200 nur noch, halb so viel wie vorher. Und die Wartung werde auch schlampiger. „Vielleicht schafft das Virus hier ja auch eine neue Normalität“, hofft Mendéz jetzt.

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