Corona-Schutz in Bremen und Bremerhaven: Schulen sind nicht gut gerüstet

In Bremerhaven ist Regelunterricht nur mit Mühe möglich und Bremens Schulen warten schon seit einem Monat auf 250 bestellte CO2-Messgeräte.

Eine Fassade mit drei Fenstern. Eines ist geschlossen, eines halb geöfent, ein drittes komplett. Aus diesem Fenster lehnen zwei Jungen und schauen raus.

Besser Jacke an und Mütze auf, denn künftig werden die Schulfenster alle 20 Minuten aufgerissen Foto: Armin Weigel/dpa

BREMEN taz | Gerade so und nur unter Missachtung der coronabedingten Kohortenregelung ist momentan ein geregelter Schulbetrieb in Bremerhaven möglich. Das ist die Bilanz der aktuellen „Analyse zur Situation in den Schulen“ der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

„Wir haben dafür Rückmeldungen von Schulleitungen und den GEW-Betriebsgruppen der Hälfte aller Bremerhavener Schulen ausgewertet“, sagt GEW-Stadtverbandssprecher Peer Jaschinski. Dabei habe sich vor allem gezeigt, dass die Pandemie schon lange bestehende Probleme an die Oberfläche gespült habe: „Mangelnde Digitalisierung und fehlendes Personal“. Der Vertretungspool des Lehr- und Betreuungspersonals sei leer.

Dass der Regelunterricht überhaupt stattfinde, sei KollegInnen zu verdanken, die auf eigene Gefahr arbeiteten – obwohl sie zu Risikogruppen gehörten. Außerdem würden Lehrkräfte der weiterführenden Schulen und Betreuungskräfte in vielen verschiedenen Gruppen und Kursen eingesetzt. „Damit wird das Kohortenprinzip praktisch außer Kraft gesetzt“, sagt Jaschinski.

Das Kohortenprinzip meint die Abgrenzung fester SchülerInnen- und LehrerInnengruppen voneinander, sie soll verhindern, dass bei einer Infektion nicht die gesamte Schule in Quarantäne geschickt werden muss, sondern lediglich die Bezugsgruppe der infizierten Person.

Abstand ist kaum möglich

Dieses Prinzip lasse sich kaum einhalten, vor allem nicht bei GrundschülerInnen, sagt Jaschinski. „Auch BerufsschülerInnen tauschen sich quer zu den Bildungsgängen untereinander aus, weil sie sich aus der Sekundarstufe eins kennen.“ Zu Schulbeginn und -ende und in den Pausen träfen die Gruppen aufeinander „und in den vollen Schulbussen ist Schluss mit Abstand“.

Hinzu komme das Problem mit dem Lüften, denn noch immer gebe es Schulen, in denen sich die Fenster gar nicht oder nur auf Kipp öffnen ließen. Viele Räume könnten deswegen derzeit nicht genutzt werden. Die Folge: An manchen Schulen müssten Lerngruppen zusammengelegt werden – was dem Kohortenprinzip erneut einen Strich durch die Rechnung ­mache.

Das Schulamt will bei den Fenstern zusammen mit Seestadt Immobilien „Abhilfe schaffen“ und CO2-Messegräte installieren, damit die Lüftungskonzepte überprüft werden können. Aber zufrieden ist Jaschins­ki mit dieser Lösung nicht: „Lüftungsanlagen wären besser.“

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina sprach sich in einer Stellungnahme für den Einsatz von Luftfiltersystemen aus, ebenso wie SPD-Gesundheits­experte Karl Lauterbach. Er fordert, alle Schulen damit auszustatten, weil die Räume im Winter nicht ständig gelüftet werden könnten.

Keine Lüftungsanlagen

Lüftungsanlagen wird es in Bremerhaven aber nicht geben – genauso wenig wie in Bremen: Letzte Woche habe die Kultusministerkonferenz nach einem Gespräch mit ExpertInnen Neuig­keiten zum Lüften verkündet, sagt Annette Kemp, Sprecherin von Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD). „Die Experten raten zum Stoßlüften im zeitlichen Abstand von 20 Minuten für etwa drei bis fünf Minuten Dauer sowie zum Querlüften der Räume in den Pausen.“

Sie seien übereingekommen, dass Lüftungsanlagen grundsätzlich nicht notwendig seien. Lediglich CO2-Messgeräte sollen die Bremer Schulen erhalten – wenn sie denn ankommen: Anfang September waren 250 CO2-Ampeln bestellt worden, die, so Kemp damals, „kurzfristig geliefert werden“ sollten. Jetzt, fast einen Monat später, sind sie immer noch nicht da.

Für den Herbst und Winter rechnet nicht nur Jaschinski damit, dass der Regelunterricht in Teilen wieder zurückgefahren werden muss: „Die Schulen in Bremerhaven sind angehalten worden, sich auf Distanz-Unterricht einzustellen“, sagt er. Wahrscheinlich sei, dass Unterricht in kleinen Gruppen stattfinde und teilweise wieder auf Homeschooling gesetzt werden müsse. Darauf bereiten sich die LehrererInnen mit Fortbildungen zur digitalen Lernplattform „Itslearning“ vor.

Tablets für alle Schulen

Dass die Bildungssenatorin Bremens SchülerInnen und LehrerInnen mit Tablets ausstattet, lobt Jaschinski: „Da hat sie gut reagiert, das war ein Kraftakt“, sagt er. Ein Allheilmittel sei das dennoch nicht: „Es fehlt teilweise noch an der nötigen Infrastruktur, also vernünftigem WLAN, Administratoren und so weiter. Und ob es didaktisch richtig ist, auch GrundschülerInnen damit auszustatten, ist gar nicht wirklich diskutiert worden.“

Er fürchtet zudem, dass nun der Personalmangel aus dem Fokus gerät. „Dieses Problem kann nicht durch Digitalisierung gelöst werden.“ Auch Modelle wie „blended learning“, eine Mischform aus Präsenzunterricht und digitalem Lernen daheim, lehnt Jaschins­ki zumindest für jüngere SchülerInnen ab.

Im Grunde genommen, sagt er, sei die Situation noch immer genauso wie vor den Sommerferien: „Wer zu Hause keinen Drucker hat und kein vernünftiges WLAN und wer keine Unterstützung durch die Eltern hat, bleibt auf der Strecke.“ Er hofft, dass im Falle eines eingeschränkten Schulbetriebs nur ältere SchülerInnen daheim bleiben müssen, „sonst wäre das auch für die Eltern eine Katastrophe“.

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