Corona-Lage in anderen Metropolen (VIII): Sputnik V soll es richten

Moskau wäre gern auch beim Kampf gegen die Pandemie am schnellsten und besten. Doch eine Mehrheit will sich schon mal gar nicht impfen lassen.

Eine junge Frau mit mundschutz und Weihnachtsmütze ugeben von Weihnachts-Dekoartikeln

Weihnachtseinkäufe im Kaufhaus Gum, denn die „Jahresendmärkte“ dürfen dieses Jahr nicht öffnen Foto: Alexander Zemlianichenko/ap

Weltweit kämpfen Metropolen gegen das Virus. Manchmal ist der Umgang mit der Pandemie erstaunlich ähnlich wie hier, oft gibt es überraschende Unterschiede. Die taz.berlin wirft einen Blick über den heimischen Lockdown hinaus nach anderswo.

MOSKAU taz | Bis zum Jahresende soll es endlich losgehen: 2 Millionen Dosen des russischen Impfstoffs Sputnik V sollen bis zum neuen Jahr lieferbar sein, das jedenfalls versprach die für Medizin zuständige stellvertretende Ministerpräsidentin, Tatjana Golikowa. 120.000 Dosen befänden sich bereits in Produktion. Doch damit nicht genug, auch EpiWakKorona, ein zweiter Impfstoff stünde kurz vor der Vollendung. Russland schätzt Rekorde, Moskau wäre am liebsten immer am schnellsten und am besten. Ob beim Vakzin, Raketen, im Schachspielen oder Sport.

Trotz des Serums sind allerdings nur etwas mehr als ein Drittel der Russen überhaupt bereit, sich mit Sputnik V impfen zu lassen, wie eine Umfrage des Lewada-Zentrums jüngst ermittelte. Auch Präsident Wladimir Putin wird sich noch nicht immunisieren lassen, meldete Pressesprecher Dmitri Peskow. Noch sei das Präparat nicht zertifiziert, ein Präsident könne sich das nicht erlauben. Das Misstrauen gegen eigene Errungenschaften und Verlautbarungen der Führung sitzt tief in Russland.

Was Golikowa dann noch mitzuteilen hatte, war schon etwas beunruhigender. Auf der annektierten Krim, in Orlow, der Republik Mordwinien, in Petersburg, Komi und in Iwanowo sei die Lage ziemlich angespannt, sagte sie. Dort sind mehr als 90 Prozent der Intensivbetten bereits von Corona-Infizierten belegt. Durchschnittlich sind es in Russland 78 Prozent.

Veranstaltungsverbot an Weihnachten

Die zweite Infektionswelle schlägt in Russland kräftig zu. Mehr als 25.400 Neuinfektionen und 524 Todesfälle meldete das Land am Donnerstag. Das war bislang ein Höchststand.

Dem Treiben auf Moskaus Straßen ist der Infektionsanstieg indes nicht anzusehen. Geschäfte, Restaurants, Kneipen und Friseurläden sind weiterhin geöffnet. Nur die Gastronomiebetriebe mussten in der Hauptstadt ab 23 Uhr bis 6 Uhr in der Früh die Türen schließen. Bis dahin wird genossen wie eh und je. Allerdings verhängte die Stadt für Weihnachts- und Silvesterfeiern ein Veranstaltungsverbot. Jahresendmärkte bleiben in diesem Jahr geschlossen.

Gleichwohl haben Betriebe den Mitarbeitern Heimarbeit empfohlen, ältere Schüler lernen bereits im Fernunterricht, Freizeiteinrichtungen für Kinder bleiben geschlossen.

Ältere Menschen dürfen weiterhin ihr Zuhause nicht verlassen. Diese Maßnahme hatte die Stadt bereits Ende September verhängt, sie betrifft Menschen über 65 Jahre und chronisch Kranke. Wie Bürgermeister Sergei Sobjanin am Donnerstag mitteilte, wird diese Regelung nun bis zum 15. Januar verlängert.

Nicht alle Regionen bestellen Impfstoff

Dennoch, so recht traut Moskau den Coronanachrichten nicht, so scheint es zumindest. Die Maskenpflicht verkam allgemein zum lässigen Kinnladenschutz. Die Wirklichkeit weicht unterdessen ins Netz aus. Dort kursieren Videos aus sibirischen Krankenhäusern, die ihre Leichen in Plastiksäcken in Kellerräumen zwischenlagern.

Burjatien, die Republik an der Grenze zur Mongolei, ist der einzige Ort, der in Russland einen regionalen Lockdown anordnete. Dort gingen Einwohner auch demonstrieren: gegen die Ungerechtigkeit der lokalen Behörden, die kleinen Gewerbetreibenden das Geschäft verbieten. Denn große Händler und Ketten blieben in den Einkaufszentren davon verschont.

Zu guter Letzt stellte sich bei einer Revision der pharmazeutischen Anbieter noch heraus, dass von den 85 Regionen Russlands zwanzig keine Verträge mit den Herstellern des Impfstoffs geschlossen hatten. Misstrauen, Fahrlässigkeit oder fehlender Glaube an das Virus?

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