: Cool und schlicht aus Elazig
Vom Geheimtipp Tee trinkender Soziologen zum Star in der Türkei: der Gitarrist Erkan Ogur in der Passionskirche
Noch vor wenigen Jahren ein Geheimtipp, heute ein Star. Raus aus den Nischen Tee trinkender Soziologiestudenten der Großstädte, rein in das große Musikgeschäft – zumindest in der Türkei. Wie das geht? Schwer zu sagen, zumal Erkan Ogur seinen Stil nicht gewechselt hat, genauso wenig wie seinen Friseur, der ihm seit Jahren den gleichen Haarschnitt verpasst.
Der Zugriff auf und Mix von regionalen kulturellen Codes scheint ein wichtiges Anliegen für Erkan Ogur zu sein. Seit Jahren recherchiert der Gitarenvirtuose – man sagt, er sei einer der besten Fretless-Gitarenspieler überhaupt – zumeist alte Lieder aus allen Ecken der Türkei, die er minimalistisch neu arrangiert. Ein großes Herz hat er dabei für Stücke aus der ostanatolischen Stadt Elazig, deren Interpretationen durch Ogur zu einer Renaissance dieser Lieder führte.
Ogur verzichtet bei seinen Produktionen auf technischen Schnickschnack und setzt nur wenige Instrumente ein. Anfangs begnügte er sich mit „Backing Vocals“, bis ihn wahrscheinlich jemand überzeugte, dass er seiner außergewöhnlichen Stimme größeren Raum geben sollte. Die türkische Musikindustrie jedoch war zu Beginn von Ogurs Karriere wohl eher skeptisch. Der ehemalige Physikstudent jedenfalls zog sich nach Frankreich zurück, um dort Musik zu machen. Doch im Ausland zu musizieren steigert offensichtlich den Marktwert. Zurück in der Türkei, konnte Erkan Ogur spätestens mit dem Soundtrack des Kinoschlagers „Eskiya – Der Bandit“ einen großen Erfolg landen, auch kommerziell, und „Gülün Kokusu Vardi“, das er 1998 mit Ismail H. Demircioglu aufnahm, avancierte zu einem Klassiker. Selbst die Popdiva Sezen Aksu ließ es sich darauf nicht nehmen, bei ihrem letzten Album Erkan Ogur für eine Zusammenarbeit zu gewinnen, was in der Türkei fast schon einer Adelung gleichkommt. Gemeinsam mit Bülent Ortaçgil, dem Liebling türkischer Hippies und Poemlinker, arrangierte und produzierte Ogur einen Song für Aksu und ihr griechisches Gegenüber, die Nummer-eins-Sängerin Haris Alexiou.
Der kommerzielle Erfolg macht den wortkarg wirkenden Ogur nicht nervös, er bleibt cool. Diesen Sommer spielte er beim Open-Air-Fest in Istanbuls Stadtteil Harbiye, und begann sein Konzert mit den Worten: „Wir sind es nicht gewohnt, vor so vielen Menschen zu spielen . . .“. So ungefähr wird wohl auch sein Eingangsstatement diesen Samstag in der Passionskirche ausfallen: schlicht aus Bescheidenheit.
IMRAN AYATA
Erkan Ogur und Ismail H. Demircioglu: Samstag, 7. 10. ab 20 Uhr, Passionskirche am Marheinekeplatz 1, Kreuzberg
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