Colonia Dignidad in Chile: Chiles Rechtsregierung will Gedenkstätte verhindern
Eigentlich ist die Errichtung einer Gedenkstätte in der ehemaligen Colonia Dignidad schon beschlossen. Die neue Regierung will das rückgängig machen.
Es war zu erwarten, dass die neue am 11. März vereidigte chilenische Regierung unter dem extrem rechten Präsidenten José Antonio Kast die Aufarbeitung der Pinochet-Diktatur zurückdrehen will. Doch die Geschwindigkeit, die sie dabei an den Tag legt, lässt aufhorchen.
Ein am Sonntag in der chilenischen Zeitung La Tercera veröffentlichtes Interview mit dem Minister für Wohnungsbau, Iván Poduje, könnte das Ende der Planungen für eine Gedenkstätte und ein Dokumentationszentrum zur Colonia Dignidad bedeuten, für das sich Angehörige von Verschwundenen und viele andere seit Jahren einsetzen. Ein deutsch-chilenisches Team von Gedenkstätten-Expert:innen hatte bereits 2021 ein Konzept für eine Gedenkstätte vorgelegt, das die die Geschichte aller Opfergruppen würdigt.
In der 1961 von dem deutschen Laienprediger Paul Schäfer und 300 Getreuen in einer abgelegenen Region Zentralchiles gegründeten Siedlung wurden Bewohner:innen jahrzehntelang Zwangsarbeit und sexualisierter Gewalt unterworfen, Chilen:innen aus der ländlichen Umgebung der Siedlung vertrieben, Kinder zwangsadoptiert und misshandelt. Während der Diktatur kooperierte die Führung der Colonia Dignidad mit dem Geheimdienst DINA, Oppositionelle wurden auf dem Gelände gefoltert, etwa Hundert ermordet. Sie sind bis heute verschwunden.
Nur zwei Wochen nach seiner Amtseinführung erklärte Wohnungsbauminister Iván Poduje nun, er werde „die Enteignung der Colonia Dignidad zurückdrehen und ein Dekret erlassen, das den ursprünglichen Beschuss dafür rückgängig macht“. Es gebe weder Geld für ein Wertschätzungsgutachten noch für die Entschädigungszahlungen für das Gelände. Ob er die Kompetenz dazu hat, ist unklar.
Deutsche Bundesregierung ist weiter für eine Gedenkstätte
2024 hatte Gabriel Boric, der damalige Mitte-Links-Präsident, in seiner Regierungserklärung die Enteignung von Teilen der ehemaligen Colonia Dignidad angekündigt, um auf dem Gelände eine Gedenkstätte zu errichten. 2025 wurde eine entsprechende Erklärung unterzeichnet. Doch die Regierung Boric hat weder das lange angekündigte Wertschätzungsverfahren für das Gelände abgeschlossen, noch eine Stiftung oder andere Trägerorganisation zum Betreiben der Gedenkstätte ins Leben gerufen.
In der Villa Baviera, wie die deutsche Siedlung seit 1988 heißt, gibt es bis heute keine Gedenk- oder Dokumentationsstätte. In der Siedlung, die in Form einer Aktienholding organisiert ist, leben heute noch rund 120 Personen. Sie betreiben Land- und Forstwirtschaft und einen Tourismusbetrieb mit Hotel und Restaurant im bayerischen Stil.
Dort werden immer mal wieder private Events ausgerichtet, wie kürzlich eine Modenschau. Für Angehörige von Verschwundenen ist das verletzend. Drei von ihnen haben jetzt eine Petition bei der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte (CIDH/IAKMR) eingereicht in der Hoffnung, auf diesem Wege den Beschluss des Wohnungsbauministers noch zu verhindern.
Die deutsche und die chilenische Regierung hatten sich 2017 in einem gemeinsamen Memorandum zum Aufbau einer Gedenk- und Dokumentationsstätte verpflichtet, kurz nachdem der deutsche Bundestag einstimmig einen Antrag zur Aufarbeitung der in der Colonia Digniad begangenen Verbrechen beschlossen hatte.
Denn auch die Bundesregierungen mehrerer Legislaturperioden waren über die Verhältnisse in der Colonia Digniad informiert, Personal der Deutschen Botschaft in Chile hatte aus der Siedlung geflohene Personen teils nicht geschützt.
Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes sagte am Montag, die Aufarbeitung der Verbrechen der Colonia Dignidad „ist und bleibt ein wichtiges Anliegen für die Bundesregierung“. Die Errichtung einer Gedenkstätte werde bei der nächsten Sitzung der chilenisch-deutschen Gemischten Kommission eine wichtige Rolle spielen.
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