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Coding-Projekt in Geflüchtetencamps„Ich möchte, dass eine Million Mädchen Programmieren lernen“

Lady Mariéme Jamme und Chelia Rose Clement wissen, wie eine Kindheit ohne Chancen ist. Ihre Mission: Mädchen Zugang zu Technik und Wissen schaffen.

Immer in Kontakt geblieben: Lady Mariéme Jamme und Chelia Rose Clement Foto: Nyaruach Kulang

Aus Kakuma

Nelly Madegwa

Solidarität bedeutet für mich, zu geben“, sagt Lady Mariéme Jamme, ohne zu zögern. „Wir denken bei Entwicklung häufig an persönliche Optimierung. Aber Solidarität bedeutet, hinauszugehen und unser Brot und das Wissen, was wir haben, zu teilen.“

Während sie das sagt, befindet sich die 52-Jährige in Kakuma, einem Flüchtlingslager, das seit 34 Jahren besteht und mehr als 300.000 Menschen beherbergt, darunter viele Frauen und Mädchen. Kakuma liegt im Norden Kenias, in einer kahl und endlos wirkenden Landschaft. Es gibt nur sehr wenig Vegetation, der Boden ist trocken, die Luft heiß und die weite Fläche ist übersät mit Blechkonstruktionen, den Häusern des Lagers.

Etwas abseits sitzen wir in der Haupthalle von Lady Mariéme Jammes Organisation IamtheCode – einen Raum, den es vor zehn Jahren noch gar nicht gab. „Hierher können junge Mädchen und Frauen kommen und Zugang zu weltweit führenden Persönlichkeiten, Mentoren und sogar Essen bekommen“, sagt Lady Mariéme Jamme.

Drei Frauen strecken ihre Faust in die Höhe, dazu der Spruch: Solidarität ist unsere Superkraft
feministaz

Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.

Sie gründete IamtheCode mit einem ehrgeizigen Ziel: „Ich möchte, dass bis 2030 eine Million Mädchen das Programmieren lernen.“ Ihre Motivation dafür sei sehr persönlich: „Als ich jung war, gab es keine Orte wie diesen. Ich bin im Senegal aufgewachsen und hatte eine schreckliche Kindheit. Ich hatte keinen sicheren Ort und wurde als Kind vergewaltigt, und ich hatte keinen Zugang zu Bildung.“

Programmieren und Empowerment

Als sie älter wurde, wuchs aus der Ungerechtigkeit, die ihr widerfahren war, Entschlossenheit. „Als ich die sozialen Ungerechtigkeiten verstand, denen Frauen und Mädchen ausgesetzt sind, beschloss ich, dass ich, sobald ich weltweit Einfluss erlange und an Orten sitze, an denen viele Menschen nicht sitzen können, etwas für junge Frauen und Mädchen tue.“

Eine Weltkarte mit Stecknadeln, die ein Netzwerk markieren
Solidarisch vernetzt

Im Wissen über Netzwerke liegt viel Macht. Wer weiß, wer mit wem verbunden ist, bleibt handlungs- und widerstandsfähig. Zum internationalen feministischen Kampftag wollen wir deshalb Menschen sichtbar machen, die sich für ein Leben einsetzen, dass die Rechte aller achtet. Auch sie haben Netzwerke. Wir starteten vor der Haustür und haben uns auf die Suche begeben. Wir wollten wissen: Wer lebt und kämpft solidarisch? Und haben Menschen kennengelernt, die uns bis vor kurzem völlig fremd waren.

Lady Mariéme Jamme wohnt heute in London, aber sie ist viel unterwegs. 2017 kam sie zum ersten Mal nach Kakuma – und kehrte seitdem immer wieder zurück. „Die Idee war, jungen Frauen in Flüchtlingslagern und der gesamten Gemeinschaft zu zeigen, dass Veränderungen möglich sind, wenn man vernetzt ist und Mentoren und Unterstützer hat, die einen begleiten und mit Informationen versorgen. Insbesondere an Orten wie diesem, an denen es für junge Frauen und Mädchen nichts gibt.“

Programmieren zu lernen ist dabei für Lady Mariéme Jamme nicht nur eine technische Ausbildung, sondern auch ein Weg zur Selbstständigkeit. IamtheCode habe zwei Bedeutungen, erklärt sie. „Es bedeutet, dass du der Code bist und das Potenzial hast, dein Leben zu verändern, so wie ich es als Kind getan habe.“ Jamme war 13 Jahre alt, als sie aus dem Senegal nach Frankreich kam. Als Kind ohne Schulbildung in einem Land, dessen Sprache sie nicht sprach, habe sie selbst in zwei Jahren sieben Programmiersprachen gelernt.

Die zweite Bedeutung sei Empowerment. Der Zugang zu Technologie, Informationen und Mentoring gebe Mädchen die Autonomie, sich selbst zu schützen, ihre Identität zu definieren und ihre eigene Zukunft zu gestalten. „Mädchen und Frauen sind in Gefahr. Sie müssen Informationen verstehen und Zugang zu Daten haben.

Chelia Rose Clement und Lady Mariéme Jamme am Computer Foto: Nyaruach Kulang

„Geschichtenerzählerinnen, die ihre Reise mit der Welt teilen“

Sie müssen lernen, sich zu präsentieren, zu kommunizieren und Lebenskompetenzen zu erwerben. Ohne all diese Fähigkeiten lassen wir Frauen zurück.“ Lady Mariéme Jamme glaubt daran, dass ihr Projekt weltweit Einfluss haben wird. Denn aus den Mädchen, die hier das Programmieren lernen, würden „Geschichtenerzählerinnen, die ihre Reise mit der Welt teilen werden“.

Eine dieser Geschichtenerzählerinnen ist Chelia Rose Clement. Als die beiden sich kennenlernten, war Clement noch ein Teenager im Flüchtlingslager, inzwischen ist die 33-Jährige zweifache Mutter. Der Kontakt zwischen ihr und Lady Mariéme Jamme ist nie abgebrochen. Wenn Jamme über Clement spricht, lächelt sie in stillem Stolz. Manchmal lachen die beiden Frauen leise über gemeinsame Erinnerungen.

„Ich kam im Jahr 2002 nach Kakuma“, erzählt Clement. „Ich erinnere mich nur daran, dass ich mit meiner Tante, der Schwester meiner Mutter, während des Bürgerkriegs im Südsudan über Lokichogio hierher kam. Wir wurden getrennt, meine Eltern gingen ihren eigenen Weg und ich kam mit meiner Tante.“

Im Jahr 2005 bekam sie die Möglichkeit, das erste Mädcheninternat zu besuchen, das im Lager gebaut wurde und nach der Schauspielerin Angelina Jolie benannt ist, die den Bau finanziert hatte. Als Rose Clement später die weiterführende Schule besuchen wollte, grätschte ihr das politische Geschehen dazwischen: „Südsudanesen sollten zurückgeführt werden, deshalb wurden alle Schulen geschlossen, um ihnen keine Bildungschancen zu bieten.“

Allein zurück nach Kakuma

Doch Clement war gut in der Schule und fand einen Sponsor, der ihr den Besuch einer High School in Uganda ermöglichte. Die Tante war mit ihrer Familie inzwischen weitergezogen, Clement blieb ganz allein zurück und kam nach dem Schulabschluss zurück nach Kakuma.

„Ich fing wieder bei null an. Ich überlebte dank der Freundlichkeit meiner Nachbarn und dem wenigen Geld, das mir geblieben war, während ich darauf wartete, dass meine nächsten Raten genehmigt wurden.“ 2011 begann sie, sich weiterzubilden, und schrieb sich schließlich an der „Masinde Muliro University of Science and Technology“ ein. In dieser Zeit lernte sie Lady Mariéme Jamme kennen.

„Sie lud mich zum Abendessen ein“, erinnert sich Rose Clement. Sie sprachen über Lebenskompetenzen und ein Mentoring-Programm. „Bevor sie ging, hatte sie versprochen, mich wiederzusehen, und das tat sie auch.“ Seitdem hält die Beziehung der beiden Frauen an.

„Sie ist wie eine Schwester für mich“, sagt Clement heute. „Ihre Geschichte ist nicht wie meine, aber sie hat das meiste durchgemacht, was ich auch durchgemacht habe.“

Ein Mädchen, das niemanden hatte

Als sie 2021 ihren Master in Katastrophenmanagement absolvierte, bat Lady Mariéme Jamme sie um ein Treffen in Kakuma. „Ich habe sechs Monate lang auf sie gewartet, ohne mir einen Job zu suchen, weil sie mich motiviert hat und weil ich ein Mädchen war, das niemanden hatte. 2022 gab Lady Mariéme mir einen offiziellen Vertrag. Seitdem habe ich immer mein Gehalt bekommen und dafür bin ich wirklich sehr dankbar.“

Die Arbeit bei IamtheCode habe ihre Welt erweitert, sie lerne dort viele Menschen kennen, auch aus anderen Ländern. Rose Clement will nun ihren Doktor machen. „In Kakuma gibt es diese Möglichkeiten, und es hängt nur davon ab, wie proaktiv man ist.“

Solidarität ist für sie etwas sehr Persönliches. „Solidarität bedeutet für mich, dass sich jemand Zeit nimmt, um bei mir zu sein“, sagt Clement. „Jemand wie Mariéme, die sich Zeit nimmt, um von London aus zu den Mädchen zu kommen. Die viel Geld sammelt, nur um diese Mädchen zu unterstützen. Und auch ich selbst bin solidarisch mit den Mädchen in Kakuma. Ich gebe ihnen Kraft, denn Information ist Macht, und ich betreue sie.“

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Sie macht eine Pause, bevor sie ihren Gedanken zu Ende bringt. „Die Kraft habe ich von Lady Mariéme Jamme bekommen und gebe sie an die Mädchen weiter. Wenn wir sie nicht unterstützen, werden sie außen vor bleiben. Den Stimmlosen eine Stimme zu geben, das ist Solidarität.“

Clement, die einst mit nichts nach Kakuma kam, leitet nun andere an. Sie bringt ihnen bei, zu programmieren, zu führen und für sich zu sprechen. Wenn es nach Lady Mariéme Jamme und ihren Mitstreiterinnen geht, soll es bis 2030 eine Million solcher Geschichten geben. Dank ihrem Engagement erweitert sich nach drei Jahrzehnten der Hoffnungslosigkeit in Kakuma der Raum der Möglichkeiten: Eines der ältesten und größten Flüchtlingslager der Welt befindet sich gemäß kenianischem Flüchtlingsgesetz von 2021 im Übergang zu einer normalen Gemeinde.

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