: Clown am Bosporus
In der Türkei sind erneut zwei Bilder des Künstlers Pablo Picasso aufgetaucht. Die Echtheit ist noch unklar
ISTANBUL taz ■ Am Nachmittag des letzten Samstag nahm die Dienstfahrt des kurdischstämmigen Abgeordneten Mustafa Bayram in Istanbul ein unerwartetes Ende. Entsetzt musste er hinnehmen, dass er mit seinem Neffen auf eine Polizeiwache gebracht wurde und erst nach Protest wieder freikam.
Der eigentliche Schock aber war der Verlust schon sicher geglaubter 10 Millionen US-Dollar. Bayram war nach Istanbul gekommen, um einen ganz großen Deal zu machen. Für besagte 10 Millionen Dollar wollte er zwei Picasso-Gemälde an Kunsthändler verkaufen, die die Fracht nach Europa bringen sollten. Peinlich, dass sich die Kunsthändler als verdeckt operierende Polizisten entpuppten, die Mustafa Bey schon länger im Visir hatten. Der Abgeordnete war bereits als Drogenschmuggler ins Blickfeld der Polizei geraten.
Seit dem Wochenende lässt die Polizei nun prüfen, ob die beiden Bilder „Die nackte Frau“ und „Der Clown“ echte Picassos sind. Das ist nicht ausgeschlossen, denn es wären nicht die ersten Exponate des Spaniers, die in der Türkei aufgetaucht sind. Im letzten Herbst wurden bereits sechs Bilder beschlagnahmt. Alle diese Gemälde sollen im Laufe des Kuwaitkrieges von irakischen Offizieren gestohlen und nach Bagdad geschafft worden sein. Allerdings stellte sich bald heraus, dass es fast unmöglich war, die Beute aus dem Irak in den Westen zu verkaufen.
Nach Informationen der deutsch-türkischen Wochenzeitung Perșembe wurden die Gemälde über kurdische Schmuggler aus dem Umfeld der Kurdischen Demokratischen Partei von Massoud Barsani in die Türkei gebracht. Dort wurden die Bilder an einschlägige Kreise in der Türkei weiter gereicht. Um sich bis zur Geldübergabe vor Übervorteilung zu schützen, sollen Schmugger zu Methoden gegriffen haben, die den Bildern nicht gut bekommen sind: So sollen Teile abgeschnitten oder auch die Signatur des Malers herausgeschnitten worden sein. Das erste Picasso-Bild soll bereits 1995 aufgetaucht sein. Im Frühjar 2000 beschlagnahmte die Polizei die ersten beiden Picasso-Bilder in Izmir, wodurch die Kunstraubgeschichte öffentlich bekannt wurde. Im August letzten Jahres gelang es der Polizei erneut, in Urfa, einer Stadt nahe der syrischen Grenze, einen weiteren Picasso zu beschlagnahmen. Wenn es Picassos sind.
Der Leiter der staatlichen Gemäldegalerie in Ankara, Vural Yurdakul, ist sich sicher: „Ich bin hundertprozentig überzeugt, dass die Bilder echt sind“, sagte er Perșembe. Dagegen spricht, dass die Kunstwerke offenbar nicht vermisst werden. Die türkische Justiz hat im letzten Jahr angeboten, die Bilder an ihren rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben, doch es hat sich niemand gemeldet. Dafür kann es einen Grund geben. Auf einigen Gemälden sollen sich Hinweise befinden, dass sie aus der Eremitage in St. Petersburg stammen. Dann hätten schon die vormaligen Neureichen aus Kuwait die Bilder illegal erworben und können sich jetzt nicht als offizielle Besitzer ausweisen. Bleibt es dabei, wird das staatliche Museum in Ankara um ein paar Picassos reicher. JÜRGEN GOTTSCHLICH
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